b_350_1200_16777215_00_images_201314_Juli_goodg.jpgDie ordentliche Generalversammlung des FC Wacker Innsbruck steht vor der Tür. Anlass genug sich ein weiteres Mal mit dem Thema "Good Governance" im Fußball auseinander zu setzen. Dazu befragte das tivoli12 magazin in Kooperation mit pro supporters  Antonia Hagemann, ihres Zeichens Expertin zu diesem Thema bei Supporters Direct. Sie zeigt die Vorteile eines demokratisch geführten Mitgliedervereins auf und äußert sich zu den Anträgen der Mitglieder zur bevorstehenden Jahreshauptversammlung.



tivoli12: Die Mitglieder des FC Wacker Innsbruck haben auf die finanziellen Verfehlungen des ehemaligen Geschäftsführers und des Vorstands reagiert und stellen einen Antrag für einen Mitgliederrat. Dieser soll eine verstärkte Teilhabe der Mitglieder am Verein, eine verbesserte Kommunikation und ein verstärktes finanzielles Controlling garantieren. Wie wichtig kann dieses unabhängige Gremium für einen Verein sein?

Antonia Hagemann: Grundsätzlich gilt es als "Good Governance" ein Kontrollgremium zu haben, das den Vorstand überwacht, aber eben auch unterstützt. In Vereinen der deutschen Bundesliga gibt es meist Aufsichtsräte die diese Funktion übernehmen. Einen solchen Rat zu haben, reicht aber noch nicht. Er birgt auch Gefahren, denen man am Besten gleich zu Beginn versucht zu begegnen. Der Rat sollte sich dem Vorstand gegenüber als kritischer Beobachter, Prüfer und Fragensteller sehen, gleichzeitig den Vorstand aber auch unterstützen. Er sollte nicht als Gegenbewegung zum Vorstand gesehen werde.

Also mein Rat: nicht alles was der Vorstand tut abnicken, sondern kritischer Freund sein. Immerhin geht es darum zusammenzuarbeiten.

Ein weiteres Problem ist in solchen Räten die Zusammensetzung. Es ist wichtig Leute mit den richtigen Skills zu wählen. Es sollte z.B. jemand dabei sein, der sich mit Finanzen auskennt und Bilanzen lesen und erklären kann. Das ist extrem wichtig. Dann jemand, der sich für die Migliederbelange einsetzt, vielleicht auch jemand mit juristischem Verständnis, etc. In dem Handbuch der Fanorganisation Unsere Kurve „Mein Verein – Perfekter Verein? Wie Fans ihre Vereine mitbestimmen und kontrollieren können", gibt es dazu ein paar Anleitungen bzw. Vorschläge.

Grundsätzlich ist ein Mitgliederrat eine gute Sache, vor allem dann, wenn die Mitglieder keinen Repräsentanten im Vorstand haben, der sich für ihre Belange einsetzt. Aber selbst dann ist ein zusätzlicher Rat eine gute Sache.

Der neue Vorstand des FC Wacker Innsbruck reagierten nicht gerade begeistert auf den Antrag. Man meinte man soll den Vorstand erstmal in Ruhe arbeiten lassen. Ist es zielführend sich als Mitglied ein Jahr lang bis zur nächsten GV nicht aktiv einzubringen?

Man kann den Vorstand natürlich verstehen. Gleichzeitig können die Mitglieder sich ein Bild der letzten Jahre machen und warum noch länger auf Reformen warten. Man sollte sich als Team verstehen und den Vorstand unterstützen bzw. kritisch beobachten. Es geht doch darum den Verein besser zu führen und dabei sollten die Mitglieder eine Rolle spielen. Es ist ja nicht so, dass alle wild mitreden wollen, sondern es einen Rat von fitten Leuten geben soll, die unterstützend dabei sind.

Ihr müsst die Balance zwischen gutem Management und Mitbestimmung finden. Dem Vorstand kann auch nicht in alles reingeredet werden, aber völlig unabhängig von Kontrolle sollte er auch nicht arbeiten.

Verdiente Vereinsmitglieder bringen Expertise, Erfahrung, Know-How und Professionalität ins Rennen und überzeugen mit einem unschlagbaren Preis, denn meistens arbeiten sie ehrenamtlich. Wieso muss man sich als Mitglied ständig von Neuem beweisen?

Stimmt. Wieso wird immer so getan als sei man als Mitglied "nur" Fan und hat ansonsten nichts zum Verein beizutragen. Ihr müsst allerdings Wege finden, Leute mit Skills in den Rat zu wählen, die auch wirklich etwas zu den verschiedenen Themen beitragen können. Ich persönlich würde mich vielleicht als Vertreterin für Mitgliederbelange aufstellen lassen, aber bestimmt nicht als Finanzfachfrau. Aber auch Finanzexperten wird es genügend bei euch geben. Ihr solltet euch überlegen wen ihr in einem solchen Rat braucht.

Bei einigen Verein in der deutschen Bundesliga gab und gibt es das Problem, dass Leute im Aufsichtsrat saßen bzw. sitzen, die mit ihrer Kontrollfunktion restlos überfordert sind und so niemandem helfen. Dem Aufsichtsrat nicht und dem Vorstand nicht und damit auch dem Verein und der Mitgliedschaft nicht.

Der FC Wacker Innsbruck brachte in seinem 100-Jährigen Bestehen eine Rundumerneuerung: Neuer Vorstand, neuer Geschäftsführer, neuer sportlicher Leiter, neuer Trainer. Welche Chancen und Gefahren bergen solche Neustarts für einen Mitgliederverein?

Genau aus dem Grund ist ein Mitgliederrat gut. Denn in der Regel wird er von Leuten besetzt die schon lange dabei sind und den Verein gut kennen. Es kann helfen eine gewisse Kontinuität zu schaffen, weil es nicht einfach sein wird, mit durchwegs neuen Leuten zu arbeiten. Auf der anderen Seite wird wahrscheinlich ein anderer Wind wehen und die Altlasten (bis auf die finanziellen) erstmal keine so große Rolle spielen. Ein weißes Blatt Papier gibt allen die Chance euch neu aufzustellen. Ihr könnt euch natürlich etwas Unterstützung von außen holen und euch beraten lassen was Governance-Strukturen, also Vereinsführung, Satzungsanträge, Finanzen usw. angeht. Wir würden euch gerne dabei unterstützen oder bei einem Austausch mit Gleichgesinnten aus anderen Ländern helfen.

Die Generalversammlung findet an einem Donnerstag statt. Die Mitglieder haben sehr schnell reagiert und zwei Anträge auf Statutenänderung eingebracht, die eine Generalversammlung unter der Woche in Zukunft verhindern sollen. Wie findest du diese harsche Reaktion?

Die Reaktion ist nicht harsch, sondern verständlich. Die Mitgliederversammlung ist das höchste, demokratische Organ eines Vereins und es muss garantiert sein, dass so viele Mitglieder wie möglich teilnehmen können. Vor allem, weil sie ja auch nur einmal im Jahr stattfindet. Der Zugang zur und Ablauf der Versammlung ist enorm wichtig und die Reaktion der Mitglieder richtig.

Der neue Vorstand ist sehr homogen: 3 von 5 Vorstandsmitgliedern stammen von der gleichen Firma, alle früheren Vorstände waren einfach zusammengewürfelt. Das hat man auch in der schlechten Außendarstellung gemerkt. Welche Variante ist besser?

Genau wie in einem Aufsichtsrat, ist es wichtig Leute mit verschiedenen Skills im Vorstand zu haben. Es gibt ja auch verschiedene Aufgabenbereiche, die abgedeckt werden müssen. Grundsätzlich finde ich es immer gut auch einen Direktor für Mitgliederbelange zu haben, der im Vorstand sitzt und mitentscheidet - ganz unabhängig von der Existenz eines Aufsichts- oder Mitgliederrates.

Vorstände müssen miteinander arbeiten können, aber etwas Heterogenität schadet auch nicht. Letztlich liegt es ja bei den Mitgliedern wen sie in den Vorstand wählen. Vor solchen Wahlen ist es wichtig, dass Mitglieder verstehen, was die einzelnen Vorstände für Aufgaben in der Vereinsführung erfüllen müssen und welche Skills die Kandidaten mitbringen. Dann kann man sich ein Bild machen und muss nicht blind oder nur nach Sympathie wählen.

Alle wollen die perfekte Vereinsstruktur. Die HSV-Mitglieder haben gerade einer Ausgliederung der Profiabteilung zugestimmt, der Wacker-Präsident hat es dezidiert ausgeschlossen eine Auslagerung anzustreben. Was sind die Vor- bzw. Nachteile von Ausgliederungen?

Leider ist die Meinung weit verbreitet, dass die Ausgliederung den großen sportlichen Erfolg bringt, weil der Verein an wesentlich mehr Geld kommen kann und so viel professioneller arbeiten kann. In der Diskussion beim HSV wurde von Befürwortern der Ausgliederung die reine Vereinsstruktur mit der eines langsamen Tankers und die Kapitalgesellschaft mit einem Rennboot verglichen. Aus meiner Sicht ist das völliger Quatsch. In den deutschen Clubs, die ausgegliedert haben, gibt es kaum solche Investoren. Die Vereine haben also ausgegliedert, aber das große Geld kam nie. Die Vereinsstruktur ist nicht die schlechtere Struktur, aber sie bedarf ein paar Reformen.

Aber um auf deine Frage vernünftig einzugehen, Vorteile der Beteiligung eines Investors sind zum Beispiel die Ermöglichung von Investitionen (sinnvollerweise nachhaltig z.B. in Infrastruktur), potentielle indirekte sportliche Vorteile. Sinnvolle Investitionen ermöglichen dauerhafte finanzielle und damit sportliche Vorteile. Allerdings handelt es sich hier meist um einen einmaligen Finanzierungseffekt. Dabei sollte es dem Verein um nachhaltige Finanzierung und Stabilität gehen. Der Investor hat vielleicht auch andere Gründe in den Club einzusteigen, die man noch gar nicht absehen kann.

Die Liste der Nachteile der Beteiligung eines Investors ist lang. Die Mitglieder geben Stimmrechte ab und ermöglichen den Investoren Mitspracherechte, d.h. die Mitglieder sind nicht mehr alleiniger Herr im Haus. Investoren können sich potentiell ins operative Geschäft einmischen, was durchaus Konfliktpotential birgt. Der potentielle Investor beim HSV hat an seine Geldspritze die Ernennung von Felix Magath zum Präsidenten geknüpft. Dann besteht auch noch die Gefahr, dass der Club abhängig wird vom Investor und seine Identität verliert.

Das größte Problem ist aber. dass die Mitglieder tatsächlich dafür stimmen, einen Teil ihrer Rechte zu verkaufen, die sie nie wieder zurückbekommen werden.

In Spanien kämpfen Fans dafür, dass ihre Clubs wieder Vereine sein dürfen, denn es gibt nur noch vier Vereine in Spanien. Auch in anderen Ländern überlegt man wie man der Vereinsstruktur wieder näher kommen kann. Denn letztlich macht man mit Fussballclubs kein Geld, weil immer reinvestiert wird. Investoren, wollen aber sicherlich Profit machen und haben oft ganz andere Absichten - man gschaue sich nur das Theater in England an.

Ausgliedern ist nicht der Schlüssel zum Erfolg, sondern als Verein Reformen auf den Weg zu bringen, durch Satzungsänderungen, Gremien, Kommunikations- und Managementstrukturen, die Entscheidungsprozesse erleichtern, aber auch teilweise kontrollieren. Man nennt das auch Governance-Review. Klingt natürlich nicht so aufregend wie Ausgliederung und potentielle Investoren und das Träumen vom ganz großen sportlichen Erfolg, ist aber der bessere Weg, der langfristig zu Stabilität führt und klarstellt, dass der Verein den Mitgliedern gehört.

 

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