b_350_1200_16777215_00_images_201718_haxn_sta5.jpgEs ist wieder soweit. Es ist Derby-Zeit. Sie wissen ja, das Spiel, das ganz besondere Bedeutung hat, das unbedingt gewonnen werden muss, das zeigt, wer der Platzhirsch ist. Das Spiel, das zeigt, dass man die Nummer eins im Land ist. Sagen die einen. Das Spiel, das völlig überbewertet und von Fans wie Medien aufgebauscht wird, um einer ansonsten fast einschläfernden Eintönigkeit der Liga mit vier Begegnungen gegen jeden etwas mehr an Spannung zu verleihen. Sagen die anderen. WSG Wattens gegen Wacker Innsbruck halt, das Duell der Brüder.

 

ˈdɑːrbi?

Derby-Zeit also. Sie wissen ja, warum das so heißt. Ja? Gut, denn ganz so sicher ist man sich da nicht. Man ist sich sogar so unsicher, dass deutsche und englische Wikipedia unterschiedliche Theorien favorisieren. Ein Derby der Ethymologen, quasi, Wattens-Wacker der Begriffsherkunftsforscher. Und das Problem der Herkunft startet schon viel früher als sie denken. Bei Derby nämlich. Bei der Stadt in der Grafschaft Derbyshire in den East Midlands, die am Anfang jeder Erklärung steht. Manche meinen, der Name leite sich von der römischen Siedlung „Derventio“ ab. Stamme also aus einer Zeit, in der in Innsbruck ein Militärlager einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt sicherte und die zugehörige Zivilsiedlung Leben und Menschen in die Region brachte, während in Wattens ein wohl eher einsamer Gutshof, vielleicht eine kleine Straßensiedlung stand, in welchem Archäologen einen Münzschatz entdeckten. 460 Silbermünzen und Glasperlen, gefunden am Gelände der Swarovski Kristallwelten. Da soll noch jemand sagen, die Geschichte hätte keinen Humor. Der Name könnte aber auch von „Deor-a-by“ stammen, von „Dorf des Hirsches“. Und es wäre damit einer von nur wenigen Städtenamen Englands, die aus dem dänischen kommen. Also aus der Heimat von Ove Flindt, jenem Dänen, der 1971 schon von der WSG Wattens, von der sogenannten Millionentruppe, verpflichtet wurde, sich dann aber ein schwarz-grünes Trikot überstreifte, das der Spielgemeinschaft. 183 Spiele lang trug er es, erzielte 52 Bundesliga-Tore und drei im Europacup, wurde dreimal Meister, zweimal Cupsieger und einmal Mitropacup-Sieger. Das war zu einer Zeit, als man den Begriff Derby in Tirol noch nicht so wirklich kannte. Wattens war der Bruder, mit dem man gemeinsam kämpfte, Salzburg war Freund, nicht Konkurrent (Westachse statt Westderby), die wahren Gegner kamen aus Wien, auch wenn die Vöest den Meistertitel 1974 stahl, um einen Punkt. Derby, das war damals ein Rennen für Pferde.

ˈdɜːrbi?

Peter Stöger müsste es wissen. Also, weil er damals gerade in dem Alter war, in dem man alle Fußballnachrichten aufsaugt. Und weil er Wiener ist, und dort, in der Freudenau bzw. der Krieau ja Pferdesport betrieben wird, dort 1868 schon das Derby in Österreich begründet wurde und nicht, weil... Ach, lassen wir das. Pferdesport also, der Ursprung des Derbys. Edward Smith-Stanley, der 12. Earl of Derby, der seinen Namen von den West Derby Hundred in Lancashire bezieht, war nicht nur Politiker, sondern auch Pferdebesitzer. Mit seinen Freunden organisierte er 1779 nach einer Idee bei einer launigen Dinnerparty einen Wettbewerb für dreijährige Stuten über eineinhalb Meilen. Und durfte sich im ersten Rennen gleich über einen Sieg seinen eigenen Pferdes freuen. Wohl wieder bei einem Gläschen. Das wäre ja schon eine Gemeinsamkeit mit dem Fußball. Der Ursprung vieler Vereine liegt im Gasthaus. Nona, werden sie sagen, wo hätten sich die Leute sonst treffen sollen. Die Nähe vom Fußball zum Gasthaus ist auch heute noch da, kein Stammtisch, auf dem nicht philosophiert und kritisiert wird, was denn da alles schief läuft. Was glauben sie, wie es da letztes Jahr etwa zugegangen ist, als Wattens die ersten drei Spiele gegen Innsbruck gewonnen hat. Da war es völlig egal, wenn Innsbruck mit dem Pech haderte, egal, dass man in der Tabelle vorne lag, egal, dass Wattens ohne die Wacker-Spiele die meiste Zeit auf einem Abstiegsplatz gelegen wäre und die Innsbrucker Schwäche der WSG quasi den Hals gerettet hat. Es ist auch egal, denn ein Derby ist ein Derby. Auch wenn es ein Bunbury sein könnte. Denn 1780 wurde ein weiteres Rennen begründet, das die besten Pferde für die Zucht ermitteln sollte, und die Namensgebung wurde durch einen Münzwurf zwischen dem Earl of Derby und Sir Charles Bunbury entschieden. Derby gewann den Münzwurf, und keinen Menschen interessiert mehr, das Bunberry mit seinem Pferd Diomed das Rennen gewann.

Derb

Auch, wenn der Rasen am Tivoli so wirkt, als hätten Pferde in umgepflügt, auch, wenn das Publikum schon Spieler mit Karotten begrüßte und die Freudenau besang, auch, wenn man eine Rossnatur braucht, um so manche Spiele von Innsbruck unbeschadet verfolgen zu können, der Begriff Derby könnte auch einen anderen Ursprung haben. Er könnte sich vom Shrovetide-Fußballspiel ableiten, einem jener Volksfußballspiele, die man gutmütig als Ursprung des heutigen Sports betrachten könnte. Also sowas wie der Calcio Storico in Florenz etwa, nur halt für alle. Und ein bisschen mehr Gentlemen-like, ist ja auch England und nicht der heiße Süden. Seit dem 12. Jahrhundert spielt man in Ashbourne in der Grafschaft Derbyshire dieses Spiel. Nein, man lebt es seit 800 Jahren. An zwei Tagen wird jeweils bis zu 8 Stunden gespielt, gerangelt, gekämpft und gedrückt, bis der Ball dort ist, wo er hingehört. Und da kann es auch ziemlich derb zugehen, wie am grünen Rasen auch. Wenn die Up’ards, also die Oberstädter, gegen die Down’ards kämpfen, kann schon mal eine Nase blutig werden. Aber Engländer sind Gentlemen, unnötige Gewalt ist verpönt. Manche ist halt notwendig, um den Ball zu einer der beiden Steinpyramiden zu bringen und ihn dort dreimal anzuschlagen. Dabei darf der Ball aber nicht in Taschen oder Rucksäcken versteckt oder mit motorisierten Fahrzeugen transportiert werden. Und man darf auch nicht auf Friedhöfen oder Gräbern spielen. Auch nicht auf Mausoleen, nehme ich mal an, egal, was darauf geschrieben steht.

Derby

1866 gab es dann das erste „Derby“ im Fußball, das Spiel der Lokalrivalen Nottingham Forrest und Notts County. Ganz in der Nähe der Stadt Derby, etwa so weit entfernt wie Innsbruck von Wattens. Und doch liegen diese Spiele meilenweit auseinander. Denn eigentlich ist Wacker gegen die WSG ein Duell unter Brüdern. Derby soll wer anderer spielen.

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Stefan Weis Stefan Weis

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