b_350_1200_16777215_00_images_201718_haxn_sta_cup3_1.jpgMan sagt, wenn man in Kärnten Fußball schauen will, fährt man nach Udine. Oder nach Graz. Neuerdings auch ins Lavanttal, wobei... Besser nach Udine. Die Kärntner Seele ist eine zerrissene, lebenslustig und tieftraurig zugleich, voller Energie und voller Angst. Das zeigt sich auch beim Fußball, der nie wirklich Fuß fassen konnte in Kärnten. In dieser Welt sucht die Klagenfurter Austria ihr auskommen.

 

Die Angst

Kärnten ist ein Land des Eishockeys. Kärnten ist ein Land der Sänger. Kärnten ist aber vor allem ein Land der Literaten. Musil, Bachmann, Turrini, Jonke... Und vor allem Handke. Peter Handke, der das Land erkundete wie kaum ein anderer, der in der manchmal beißenden Einsamkeit des Außenseiters als Sohn eines Deutschen und einer slowenischen Kärntnerin in Griffen die Furcht vor dem Anderen, dem von außen Kommenden, dem eigenen slawischen Ursprung beobachtete und zu Papier brachte. Handke hätte auch über Austria Klagenfurt schreiben können. Er könnte es auch heute noch, denn Einsamkeit ist auch eine der beißenden Erfahrungen, die man in Waidmannsdorf, im Heimstadion der Austria erlebt. Ein Monument der blauen Regentschaft, mehr ein Mahnmal. Weithin sichtbar als Zeichen des Größenwahns abseits jeder Realität. Verbunden mit fehlender Kenntnis der Rechtslage, die es nach Fertigstellung jahrelang verhinderte, dass man auch das gesamte Stadion hätte nutzen können, da die Oberränge so nicht genehmigt waren für den Dauerbetrieb. Doch wer sollte es nutzen, der Bundesligist spielt 60 Kilometer weit weg in der eigenen Heimat, der ÖFB versucht es verzweifelt mit Nationalmannschaft und Cupfinale zu füllen, um ihm irgendeinen Sinn zu geben. Und die Violetten aus Waidmannsdorf spielen vor 228 Zuschauern. In einen Stadion mit 32.000 Plätzen. Die Einsamkeit in Griffen des kleinen Peter kann kaum so groß gewesen sein wie die Verlorenheit eines Klagenfurters in seinem Heimstadion. Dennoch, Handke schrieb nicht über den Verein, den er in seinen Gymnasiumjahren in Klagenfurt kennengelernt hat, er spielte lieber selbst Fußball. Denn auch Fußball ist ein Feld von allerlei Gefühlsschattierungen, ein Spiegelbild des Lebens. Und manchmal gibt der Fußball auch die besten Ideen, etwa für Buchtitel. Buchtitel, die das Leben beschreiben wie den Sport. Etwa in seinem Krimi aus dem Jahr 1970 über Josef Bloch, den ehemaligen Fußballtormann, der ständigen Bewegungsdran verspürt und zum Mörder wird. Die Angst des Tormanns beim Elfmeter, heißt es. Und handelt nur in ein, zwei Nebensätzen von Fußball. Etwa davon, dass nur dem Tormann, der sich völlig ruhig verhält, der Schütze den Ball in die Hände schießt.

Das Ungewisse

Ruhig war es in Klagenfurt nie. Nicht in den Gründungsjahren des Kaufmännischen Sportvereins, nicht im Krieg, als man als Austria eine Spielgemeinschaft mit Rapid Klagenfurt bildete, nicht, als aus Furcht die Ortstafeln gestürmt wurden und die Politik ins Stadion kam. Auch nicht, als die Politik den Fußball übernahm und der Landesfürst erst eine Spielgemeinschaft mit Villach forderte, um den Verein dann Kärnten zu nennen. Als das Ziehkind dann erwachsen wurde, rebellierte und nicht mehr die Leistung brachte, die man wollte, bekam es einen Stiefbruder vorgesetzt aus der Heimat des Landesfürsten. Und dieser Bruder nahm nicht nur das Geld und das Stadion, sondern auch noch dreist den Namen Austria. Gerichte wurden zum zweiten Spielort abseits des grünen Rasens. Und man holte sich erfahrene Leute auf diesem Terrain. Erfahren, weil sie selbst schon allzu oft dort gesessen sind. Die Kärntner waren gebrannte Kinder durch die Erfahrung mit ihrem Landesfürsten, doch sie änderten sich nicht. Der Neuanfang war die Rückkehr zum Alten, zum Bekannten. Es war wiederum die Politik, der man sich anvertraute. Mit Spielern der insolventen Austria Kärnten, mit dem Verein des insolventen SC St. Stefan im Lavanttal, mit dem Geld der Stadt Klagenfurt, das Teil eines für die Unterstützung der Austria Kärnten reservierten Hilfspaketes war, obsolet durch den Lizenzverlust, damit sollte die neue Klagenfurter Austria starten. Und taumelte gleich zu Beginn ins Ungewisse. Wie alles, was rund ist, ist auch der Fußball ein Sinnbild für das Ungewisse, für das Glück und die Zukunft, schreibt Handke. Das Geld floss nicht, die eigene Insolvenz folgte auf den Fuß, und in der Ungewissheit machte man Peter Svetits zum neuen Präsidenten, der sich gleich des Gewissen, des Bekannten entledigte und die alten Waidmannsdorfer Matthias Dollinger und Heimo Vorderegger, seine Vizepräsidenten, entließ. Zu Svetits, dem Präsidenten, Berater und Manager des GAK vor dessen Fall, der Meistermacher des FAK unter Stronach, der dessen Geld auch nach Schwanenstadt und Wiener Neustadt begleitete, gesellte sich ein anderer, auch für Innsbrucker alter Bekannter, Skender Fani. Anwalt, Spielerberater, Mitbegründer der gescheiterten Rapid AG und wegen Anstiftung zur Steuerhinterziehung verurteilt, als er 3,6 Millionen Schilling vom Präsidenten des FC Tirol, Klaus Mair, annahm, um sie als Handgeld an Hans Krankl, den Trainer, weiterzugeben. Ebenso verurteilt wie Walter Meischberger, einer aus der Buberlpartie, die den Kärntner Landesfürsten umgab. Das Ungewisse scheint in Klagenfurt das Gewisse zu sein.

Die Seele

Der Fußball hat eine Seele. Sie ist schlaff und leblos, wenn keine Luft in ihr ist, sagt Handke. Die Seele von Waidmannsdorf hat zu viel Luft verloren. Skender Fani, der Geschäftsführer der Paradiso Bau, wollte mit dieser in Liga zwei als Hauptsponsor auftreten, verweigerte aber für die Lizenz eine Bankgarantie. Gegen den Hanseatischen Fußball Kontor, an den Transferrechten mehr als nur beteiligt, wurde in Schwerin von Anlegern, denen 8 Prozent Verzinsung in Aussicht gestellt wurden, ein Insolvenzantrag und eine Anzeige wegen Verdacht auf Kapitalanlagebetrug eingebracht. Bereits 2010 hatte Finanztest davor gewarnt, in Klagenfurt völlig ungehört. Die Turbulenzen schlagen sich auch auf das Spielfeld nieder. Die Austria, mit der Vorgabe Svetits‘, eine Meistermannschaft aufzubieten, stolpert im Mittelfeld der Regionalliga Mitte herum. An den Namen liegt es wohl nicht, die Ex-Innsbrucker Fabian Hafner und Thomas Hirschhofer, die Erfahrenen Sandro Ferreira da Silva und Philipp Hütter, das Urgestein Sandro Zakany und die vielen Legionäre, sie alle hätten durchaus das Potential für mehr. Mehr, wie etwa in der ersten Runde des Pokals, als Bundesligist St. Pölten mit 2:1 besiegt wurde. Mehr, als man in Runde zwei vor 124 Zuschauern die Kapfenberger mit 3:0 abfertigte. Doch ist die Seele ohne Luft, ist sie schlaff und leblos. Sie muss es aber nicht bleiben, Klagenfurt ist schon oft wieder aufgestanden, die slawische Traurigkeit der Kärntner Seele kann seine ungebrochene Lebenslust nicht unterdrücken. Im Fußball ist alles möglich. Die Kugelform des Fußballs ist zu einem Symbol des unberechenbaren Zufalls geworden. Sagt Handke. Denn solange der Tag Tag wird, ist noch etwas da - also kein Grund zum Pessimismus.

Hinweis / Autor

Dieser Text stellt geistiges Eigentum des tivoli12 magazins dar und ist somit urheberrechtlich geschützt. Um den Text, oder Teile davon nutzen zu können, setzen Sie sich bitte mit dem tivoli12 magazin in Verbindung.

Stefan Weis Stefan Weis

Artikel bisher gesamt: 231