b_350_1200_16777215_00_images_201718_haxn_sta17.jpgDie Herbstsaison nähert sich langsam dem Ende, und von den Vorhersagen ist wenig übrig geblieben. Nur allmählich nähern sich die prognostizierten Favoriten ihrer Form, kristallisieren sich aber auch kleine Überraschungen heraus. Und mitten unter diesen Überraschungen – Roman Mählich und sein SC Wiener Neustadt. Vor der Saison als Mittelständler eingeschätzt, nach einigen Runden als Sternschnuppe mit Ablaufdatum, führen sie auch nach 16 Runden noch immer die Tabelle an. Ein harter Brocken, der da auf den FC Wacker Innsbruck wartet.

 

Über-all

Nicht Ried, nicht Wacker, und schon gar nicht Lustenau lachen von der Spitze, sondern die Blau-Weißen aus Niederösterreich. Geführt werden diese von einem, der überall war und doch oft nicht so wirklich wahrgenommen wurde, weil er oft im Schatten von anderen stand. Roman Mählich war ganz oben und auch ganz unten. Er kennt die Welt und die Provinz. Wiener Neustadt ist für ihn auch nicht ein Job im Nirgendwo, sondern fast daheim. Fast. Geboren ist er dort, doch aufgewachsen in den Käfigen von Kagran, ein echter Straßenkicker, der gelernt hat, sich durchzubeißen. Nicht nur, weil 170 Zentimeter für einen Fußballer nicht allzuviel sind, für einen defensiven Mittelfeldler eigentlich zu wenig. Doch genug, um jenseits der Donau Aufmerksamkeit zu erregen und in Dornbach aktiv zu werden. Unter der Friedhofstribüne spielte er an der Seite von Barisic, Reinmayr und Janeschitz, als ginge es um sein Leben, und blieb dem Sportclub auch im Abstieg treu. Mehr noch, er stieg mit ihm gleich wieder auf. Dieser Kampfgeist blieb auch von Ernst Happel nicht unentdeckt, der den 20jährigen zum Teamdebüt verhalf und so wohl auch den Weg nach Innsbruck ebnete. Am Tivoli war Mählich wieder im Schatten großer Namen, vor allem aber brannte der Hut nach finanziellen Luftblasen des damaligen Präsidenten und Schwarzgeldskandalen. Das Engagement endete allzufrüh, Sturm Graz wurde die neue Heimat. Und was für eine. Zwei Meistertitel, drei Cupsiege, drei Champions-League-Saisonen, Pogo-Tanzen mit David Beckham. Mählich verstand die Vorgaben von Trainer-Legende Ivica Osim und wirbelte im Mittelfeld, ohne Staub aufzuwirbeln. Außer einmal, für die Geschichtsbücher, als Torschütze. Dabei war er nie ein Knipser, brauchte zuvor im Schnitt 1245 Minuten für einen Treffer, doch als das neue Stadion in Liebenau mit dem Grazer Derby eingeweiht wurde, reichten eineinhalb Minuten. Roman Mählich, stand auf der Anzeigetafel, der erste Torschütze im neuen Heim. Das Leben brachte aber nicht nur Süßes. 270 Minuten spielte er bei der WM in Frankreich und musste ohne Sieg nach der Vorrunde nach Hause. Er stand beim 0:9 gegen Spanien am Platz und verlor im letzten Spiel im Team 2:6 gegen die Deutschen. Er blieb dem Fußball treu, auch als er nicht mehr auf die große Bühne durfte, und zog seine Stollen über für Untersiebenbrunn, die Amateure der Austria und den FC Schwadorf, für Wienerberg, Kilb und Lassee. Mählich war überall. Und hatte überall etwas gelernt für seinen weiteren Weg.

All-wissend

Das Wissen, das er sich erworben hat, zeigte Mählich zunächst auf den Plätzen, die sich gerne Stadion nennen und wo man sich noch mit Handschlag begrüßt. Parndorf hielt ihn nur ein halbes Jahr, der SC Lassee wurde sein Heimrevier, um Fußball-Praxis zu üben. Denn theoretisieren konnte er ab 2010 als allwissender Fußballexperte neben Dativexperte Herbert Prohaska, Experte für die Lebenswelt des bedrohten Phrasenschweinderls Oliver Polzer und Experte für eh alles Rainer Pariasek. Neben diesen ausgewiesenen Fachmännern als Fußballexperte zu wirken mag jetzt nicht die größte Herausforderung sein, acht Millionen Teamchefs aber allwöchentlich die Welt des runden Leders zu erklären umso mehr. Man gewöhnte sich an Roman Mählich, sodass es beinahe unterging, dass er Mannsdorf coachte und St. Margarethen, dass er bei den Amateuren des FAK anheuerte und so dem realen Fußball nie abhanden kam. Und plötzlich war Mählich Trainer des SC Wiener Neustadt. Er, der gegen FC Swarovski gekickt hatte und gegen Wacker Innsbruck, der gegen den FC Tirol gespielt hatte und gegen Wacker Tirol, der selbst in 33 Pflichtspielen das Trikot der Innsbrucker getragen hatte und im Cup sogar ein Tor gegen Austria Salzburg erzielen konnte, der allabendlich erklärte, wie Fußball funktioniert, er erklärt das nun in Niederösterreich. Und das recht erfolgreich. An dreizehn von sechzehn Spieltagen lachte man von ganz oben in der Tabelle einer Saison, die sich sehen lassen kann. Wenn Wiener Neustadt seine Linien verschiebt wie allenfalls eine Mannschaft bei Fifa95, dann ist das keine Reminiszenz an Romans Zeit in Innsbruck, sondern einstudierte Taktik, die die Niederösterreicher zur effektivsten Defensive machen. Drei Niederlagen, so wenig wie sonst niemand, fünfzehn Gegentreffer, sogar noch weniger als Wacker – die Linientreue wie Männchen am Tischfußballtisch zahlt sich aus. Der Puppenspieler an der Seitenlinie macht seinen Job derzeit gut, hat er ja auch teures Lehrgeld zahlen müssen bei seinen Kollegen im TV-Studio.

All-bekannt

Fünf Siege in Folge, sieben Spiele ohne Niederlage zu Beginn, all das kam nicht von ungefähr. Eine dankbare Auslosung – eine völlig neu formierte SV Ried in der ersten Runde suchte ebenso noch ihre Mannschaft wie auch Lustenau – war sicherlich hilfreich, doch Mählich konnte auf Spieler zurückgreifen, die allseits bekannt sind. Oder zumindest einen bekannten Hintergrund haben. Hamdi Salihi ist nicht erst seit seinen 14 Toren in dieser Saison ein Begriff, Alex Gründler ebenso. Die beiden Stürmer werden komplettiert mit Neuzugängen vom LASK und Ried, von der Admira und Salzburg, Leihgaben von Rapid und Sturm Graz, Leipzig und der Wiener Austria. Mählich stapelt gern tief. Spielt immer noch überrascht, wenn man erneut als Sieger, erneut ohne Gegentreffer vom Platz geht. Doch er weiß, was er an seinen Spielern hat, nicht umsonst hat er den Job in Wiener Neustadt angenommen trotz seines guten Vertrages beim ORF, trotz seiner vorherigen Aufgabe am Verteilerkreis. Mählich ist aber auch nicht unschlagbar. Ein gnadenlos effektiver FC Wacker hat dies heuer schon einmal bewiesen, als man Neustadt am Tivoli auskonterte. Bei 40% Ballbesitz, schlechterer Passquote, etwas weniger erfolgreichen Zweikämpfen und lediglich 4 Schüssen aufs Tor gingen die Tiroler als 3:0-Sieger vom Platz. Es geht, wenn man nur will, doch es braucht einen Matchplan und Fehlerlosigkeit.

All-mählich

Und während Wacker an der Aufgabe Wiener Neustadt grübelt und sich mit dem Erfolgslauf des Tabellenführers beschäftigt, arbeitet Mählich schon wieder live im TV in der Königsklasse des europäischen Fußballs, um Prohaska und dem Alpenland den Fußball zu erklären. Und wird in Foren und Sportredaktionen als Kandidat für den Trainerposten des Spitzenreiters in der Bundesliga, Sturm Graz, gehandelt. Und findet dennoch Zeit, auch seine Gegner live vor Ort zu beobachten, etwa in Grödig die Innsbrucker. Allmählich wird es Zeit, dass man Mählich wieder einmal die Grenzen aufzeigt. Wenn er denn welche hat.

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Stefan Weis Stefan Weis

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