b_350_1200_16777215_00_images_201718_haxn_sta22.jpgWas ein Buchstabe alles ausmachen kann. Durch einen Buchstaben unterscheidet man in Vorarlberg Rheintaler von Lustenauern, denn niemand verwendet Triphtonge, also drei Vokale in Folge, so gerne wie die Reichshöfler. Da müssen andere einfach Touotblüotona schlucko, also neidvoll zuschauen. Oder verständnislos, denn der eine Buchstabe führt auch dazu, dass selbst Österreichs Alemannen manchmal Lustenauer nicht verstehen können. Ein Buchstabe ist es auch, die aus dem Besingen des Helden eine schmerzvolle Erfahrung machen, aus dem mittelalterlichen Lied zu Ehren eines Menschen eine Klage über dessen Leid. Kleinigkeiten können oft viel ändern, ein Lindenblatt zum Beispiel.

 

Lied/Leid

In der Bibliothek des Emser Palasts, nur wenige Kilometer neben dem Reichhofstadion, wurde so ein Lied/Leid gefunden. Zwei sogar, die Fassungen A und C eines Textes, der den ganzen deutschsprachigen Raum erfassen und begeistern sollte – das Nibelungenlied. Oder eben nicht Lied. Denn eigentlich ist es ja kein Epos („daz ist der Nibelunge liet“), wie es in C heißt, sondern eine Tragödie ersten Ranges wie in Fassung A („daz ist der Nibelunge not“). Und könnte auch von der Austria aus Lustenau handeln und ihrer „not“, also ihrem Untergang. Mit welch großen Erwartungen sind die Vorarlberger in die Meisterschaft gestartet: Kampf um den Meistertitel, zumindest aber Aufstieg und Rückkehr in die höchste Spielklasse, die sie vor 6487 Tagen verlassen mussten. In dieser Saison vor 18 Jahren blieb Innsbruck ohne Niederlage gegen die Grün-Weißen, mehr noch, bis dahin wurde kein einziges Spiel gegen sie verloren, zwölf Liga-Spiele und drei Cup-Partien lang mühten sich die Rheindörfler vergeblich ab. Man schien unverwundbar, wie Siegfried der Drachentöter. Jener Siegfried, der im Blut des erlegten Ungeheuers badete und dadurch hart wie Eisen wurde. Jener Siegfried, der im Nibelungenlied nur als Sidekick vorkommt, ist er ja schon zur Mitte des ersten Teiles tot. So tot wie Wacker anfänglich, denn die Begegnungen in der Bundesliga waren nicht die ersten Wettkampfspiele der beiden Kontrahenten. In der Saison 1958/59 begegnete man sich schon in der Arlbergliga. Lustenau scheiterte damals knapp am Titel und musste dem blauen Konkurrenten aus dem eigenen Markt, dem FC, den Vortritt lassen. Wacker, frischgebackener Aufsteiger, konnte recht klar die Liga halten, kassierte aber daheim wie auswärts ein 0:3 gegen den späteren Vizemeister. Auch im zweiten Jahr reichte es nicht zu einem Sieg – hätte es ihn gegeben, man hätte der Austria den erneuten Vizemeistertitel abgeluchst und sich selbst den Platz nahe der Sonne gegönnt.

Blatt/platt

So verschob man dieses Vorhaben um ein Jahr, um in der neuen Regionalliga West punktegleich mit dem Salzburger AK an der Tabellenspitze zu stehen - wenn auch nur als Vizemeister, so dennoch einen Rang vor der Austria, die man im fünften Aufeinandertreffen endlich besiegen konnte. Mehr noch, man machte sie platt, 8:1 gewannen die Schwarz-Grünen vor eigenem Publikum. Lustenaus Drama schien sich schon damals abzuzeichnen: stets an der Spitze, doch nie ganz oben zu stehen. Lustenau war nie der Held, sondern stets die Rahmenhandlung. Vize-Amateurstaatsmeister 1930. Dann die Vizemeistertitel in der Arlberg- und Regionalliga. Nach dem Aufstieg in die höchste Liga dennoch nur Nummer zwei in Vorarlberg hinter Schwarz-Weiß Bregenz. Nach dem Abstieg gefühlt jeden zweiten Herbst am Weg zum Titel, um im Frühjahr die Nerven wegzuwerfen und knapp zu scheitern. Und selbst beim größten Erfolg musste man der SV Ried den Vortritt lassen und war nur Finalist, nie aber Cupsieger auf nationaler Ebene. Lustenau hat nie im Blut des Drachen gebadet. Wurde dadurch aber auch nicht überheblich wie manch anderer, der sich für unbesiegbar hielt. Samson etwa mit seinen Bärenkräften - bis man ihm die Haare schnitt. Achilleus, der im Styx gebadet wurde – bis ein Pfeil seine Ferse fand. Siegfried eben, der beim Bad das Lindenblatt auf seiner Schulter nicht bemerkte und von Hagen hinterrücks erdolcht wird. Man kann noch so oft warnen, Erfolg macht gerne betriebsblind. Und da übersieht man schon mal ein kleines Blättchen auf der Schulter.

Eins/keins

Ganz gefährlich wird es, wenn eigentlich alles für einen spricht. Innsbruck ist gut aus der Winterpause gestartet, mit einem – auf dem Papier – klaren 2:0. Hat sich an die Tabellenspitze herangeschlichen. Hat die beiden bisherigen Spiele gegen Lustenau gewonnen, auch die letzten beiden Heimspiele gegen die Austria. Ist in dieser Saison vor eigenem Publikum noch ungeschlagen, als einziges Team der Liga. Hat 18 Gegentore kassiert, so wenig wie kein anderes Team. Kein Wunder, blieb man in dieser Saison ja auch schon zehnmal ohne Gegentreffer, ebenfalls Spitzenwert, und nebenbei jetzt schon doppelt so oft als in der vergangenen Saison. Zu Hause gab es unglaubliche sieben von zehn Spiele, in denen der Gegner keinen einzigen Treffer erzielen konnte, nur ein einziges Team traf zweimal – Austria Lustenau. Und da kommt jetzt das Lindenblättchen, die Statistik. Denn am Tivoli hat man im Profifußball noch nie Punkte geteilt mit den Grün-Weißen – konnte aber auch noch keine drei Spiele in Folge gegen Lustenau gewinnen. Und wenn es keinen Sieg geben darf und kein Remis möglich ist,... ist immer noch ein Bruch der Statistik möglich. Denn Wacker scheint unbesiegbar. Selbst dumme Fehler wie Elfer-Fouls oder Überreaktionen am Feld werden nicht oder nicht streng geahndet, denn sonst hätte man Hartberg nicht mit drei Punkten verlassen. Selbst Wackelspiele werden nicht verloren, wenn auch nicht nur durch eigene Stärke, sondern Unvermögen der Gegner. Und selbst das Fehlen eines Offensiv-Feuerwerks (1,57 Tore pro Spiel, 13 von 21 Partien mit nur einem oder gar keinem Tor) reicht aus, um das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Die fehlenden Treffer, die mangelnde Chancenauswertung, das ist wohl das Lindenblatt des FC Wacker Innsbruck. Hoffen wir nur, dass kein Lustenauer auf der langen Busfahrt durch den Arlberg die Nibelungen liest...

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Stefan Weis Stefan Weis

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