b_350_1200_16777215_00_images_201718_haxn_sta26.jpgLang hats gebraucht, bis ich verstanden hab, warum Tirol das „Heilige Land“ ist. Es war nicht die ständige Volksmission der Jesuiten im 18. Jahrhundert, nicht die vielen Kirchen, Prozessionen und Bräuche. Und schon gar nicht das pietätvolle Leben der Tiroler. Alles eine Mär. Es ist der FC Wacker Innsbruck. Wer mit ihm verbunden ist, wer seine Spiele, seine Existenz nicht emotionslos distanziert verfolgt, der lernt beten, der ist so richtig katholisch. Gegen Wr. Neustadt wird’s nicht besser werden.

 

Ein Stein vorm Grab

Wackerianer sind enorm gläubig. Da wird ihnen Vereinsname und –farben genommen, und sie glauben an eine Wiederkehr. Da wird ihr Herzensstück aufgelöst und sie finden sich in der dritten Liga wieder, und sie glauben an die Rückkehr. Da stolpert man über Jahre in Liga zwei von Spiel zu Spiel, und sie glauben an ein besseres Leben. Immer noch. Eschatologische Existenz nennt das Paulus, der meint, gegenwärtiges Leiden könne ertragen werden in der Gewissheit der Auferweckung von den Toten. Paulus ein Wackerianer, schau dich an. So ein Leiden gab es auch in der Geschichte mit Wiener Neustadt. Damals, 2008/09, kämpften beide Teams um den Aufstieg in die Bundesliga. Für die Tiroler schaute es ganz passabel aus, nach 11 Spieltagen war man Tabellenführer, durchgehend seit Runde 1, lag fünf Punkte vor den Niederösterreichern, hatte sie in der Fremde auch schon geschlagen und war zu Hause in dieser Saison noch unbesiegt. Das neue Liebkind eines kanadisch-steirischen Milliardärs durfte nicht verlieren, um den großen Traum von der Champions League nicht schon in der zweiten Liga begraben zu müssen. Die von Heli Kraft trainierte Truppe tat sich lange schwer, bis, ja bis Alex Hauser einen Pass auf Vaclav Kolousek gab, und der mit einem Linksschuss verwandelte und beide in Jubel ausbrachen. Der Ausgleich für die Neustädter in der 89. – ein Mosaiksteinchen im Leiden der Wackerianer, der Anfang einer Unserie. In Runde 25 sah man sich wieder, mit umgekehrten Vorzeichen. Die Blau-Weißen führten die Tabelle an, Schwarz-Grün war zum Siegen gezwungen, um wieder auf vier Punkte heranzukommen. Ein Eigentor von Petr Johana brachte Wacker in Führung, erst in Minute 56 konnte Johana seinen Fehler selbst wiedergutmachen. Und dann kam der Auftritt von Hannes Aigner. Zunächst ein Kopfball nach Freistoß von Kolousek, dann ein satter Linksschuss. Ein Ex-Innsbrucker riss die Innsbrucker aus ihren Aufstiegsträumen. Es war der Karsamstag 2009, man lag im Grab, der Stein war vorgerollt, von Auferstehung nichts zu sehen. Wenn man leidet im Heiligen Land Tirol, dann so richtig. Sonst wär man ja nicht katholisch. Denn wir Katholiken wissen: Es folgt eine Auferstehung, jedes Ostern wieder.

Der weggerollte Stein

So einige Fastenzeiten, so manche Karwochen sind vergangen, und der Wackerianer hat Leiden gelernt. Man ist betrübt, aber nicht todtraurig nach einer Niederlage. Und man feiert jeden Sieg wie den entscheidenden, weil man ja nicht weiß, ob so bald wieder einer kommen wird. Man ist halt ein bisserl mehr katholisch geworden, und Katholiken wissen, wie man trauert und wie man feiert. Fragens nach im italienischen Süden, im rheinländischen Karnevalsrevier oder im Brasilianischen Karneval. Und bei Wacker gab es so einiges zu feiern, wenn man nur auf die Ergebnisse schaut. Ein Frühjahr, das besser nicht hätte sein können. Alles Siege für die Tiroler, und die Konkurrenz schwächelte. Wr. Neustadt etwa gewann nur gegen den FAC, holte drei Remis bei Hartberg, Kapfenberg und Wattens und verlor gegen Lustenau. Von 15 möglichen Punkten wurden neun liegengelassen. Dass man dabei dennoch sieben Tore erzielte, zeigt die grundsätzliche Gefährlichkeit der Industrieviertler. Und genau dieser detaillierte Blick müsste einem fast Angst machen. Gegen Liefering etwa reichte Innsbruck eine gute erste Halbzeit und ein Zaubertor von Dedic, um drei Punkte einzufahren. Was allerdings in Halbzeit zwei, vor allem nach dem Gegentreffer passierte, war Flagellantentum. Die im Mittelalter zum Volkssport erhobene Selbstgeißelung in der Fastenzeit, um durch Qualen dem Leiden Christi nahe zu kommen. So in etwa spielte Wacker nach dem Pausentee und brachte damit alle seine Zuschauer dem Himmel ein bisserl näher, denn Leiden auf Erden erspart das Fegefeuer. Die heißen Zonen der Schwarz-Grünen lagen nicht mehr vor dem gegnerischen, sondern an und im eigenen Strafraum. Der Ballbesitz sank auf unglaubliche 35,2%, die Passquote fiel mit 61,9 auf 15 Punkte unter jener der Salzburger. Christopher Knett wurde mehr beschäftigt, als ihm lieb war, Baumgartner und Maak gewannen 100% ihrer Zweikämpfe, die jungen Bullen wollten das Tor nicht treffen, beim Schlusspfiff fiel nicht ein Stein, sondern eine ganze Gerölllawine von den schwarz-grünen Herzen im Tivoli – wieder drei Punkte, erneut Tabellenführung ausgebaut. Das Grab ist leer, der Stein ist weggerollt. Ob das jetzt schon die Auferstehung ist?

Der Weg nach Emmaus

Die Osterfestspiele enden nicht mit der Nesterlsuche. Denn während der Hase von manchen als zentraler Glaubensbestandteil angesehen wird und über 40 Jahre alte Markennamen eines Schokoladenproduzenten zum Untergang des christlichen Abendlandes hochstilisiert werden, machen sich zwei Jünger auf den Weg nach Emmaus. Und Wiener Neustadt auf den Weg nach Innsbruck. Denn die Hoffnung, noch ganz oben mitzuspielen, die will man auch bei Alex Gründler und seinen Teamkollegen noch nicht ganz aufgeben. Auf dem Weg nach Emmaus wird den Jüngern die Notwendigkeit des Leidens erklärt, das notwendig war, um die Verheißung der Propheten zu erfüllen. So richtig katholisch halt, ein bisserl leiden für die spätere Freude. Die Frage ist nur, für wen die Freude, die Auferstehung bestimmt ist – Neustadt oder Innsbruck.

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Stefan Weis Stefan Weis

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