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Ausgabe: 13. November 2017

Wolfgang Müller

Weltenbummler und Fußball-Genie

Das morgige Länderspiel des ÖFB-Teams gegen Uruguay steht ganz im Gedenken an Ernst Happel, der am 14. November 1992 in Innsbruck einem Krebsleiden erlag.

Innsbruck – Wenn Österreichs Teamfußballer morgen gegen Uruguay zum Debüt von Franco Foda einlaufen, dann steht zunächst alles im Zeichen von Ernst Happel. Zum 25. Mal jährt sich der Tod der vielleicht größten Persönlichkeit, die Österreichs Fußball jemals hervorgebracht hat. Einige der aktuellen Teamkicker waren noch gar nicht auf der Welt, als der geniale Fußballstratege in Innsbruck nach einem langen Krebsleiden endgültig die Augen schloss, aber das Vermächtnis des „Alten“ gilt auch heute noch. In „seiner“ Arena wird der „Wödmasta“ am Dienstag ausgiebig gewürdigt. So wird auch ein Film über Happel über die Vidiwall des Stadions ausgestrahlt. Außerdem gibt es ein Interview mit seiner Enkelin Christina Happel, die auch den Ehrenanstoß vornimmt.

Ihr Opa zählte in seinen Glanzzeiten als Spieler zur erweiterten Weltklasse, zur Legende wurde er aber erst als Coach. Vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren erarbeitete sich Happel den Ruf eines absoluten Spitzentrainers, der von Erfolg zu Erfolg eilte – und das mit einer äußerst knorrigen Art.

Er qualmte wie eine Dampflok, er fluchte, scherzte und grantelte – aber er redete wenig. Dafür arbeitete er umso erfolgreicher. Ernst Happel war einer der besten Trainer, die der Fußball je hervorgebracht hat. Auf seine ganz besondere Art und Weise.

Beim Hamburger SV, der unter der Ägide des Österreichers zweimal die deutsche Meisterschaft (1982, 1983), den DFB-Pokal 1987 und den Europapokal der Landesmeister 1983 gewonnen hat, spricht man heute noch in höchsten Tönen vom Wiener „Grantler“, dessen europäisches „Kauderwelsch“ zum Schmunzeln verleitete, aber den Fußball auf den Punkt traf.

Happel perfektionierte die Abseitsfalle, liebte den Offensivfußball: „Mir ist ein 5:4 lieber als ein 1:0!“ In diesem Sinn ließ er spielen. Der einst beinharte Rapid-Stopper beschrieb Fußball als Improvisation, Instinkt, Fantasie. Etwas, was vor allem Straßenfußballer mitbringen.

„Dieser Beruf verlangt Naturbegabung. Wissenschaftlich kann man ihn nicht erlernen.“ Vor wichtigen Spielen redete er nicht lange auf seine Spieler ein. „Wenn i des Wort Motivation hör’, wird ma schlecht.“ Disziplin und Professionalität waren im Gegensatz zum Spieler für den Trainer Happel Gesetz. Frontal und mitten ins Gesicht seine Art, die nicht jedem schmeckte, ihm aber so was von egal war. Legendär sein Spruch, als der damalige FC-Tirol-Regisseur Hansi Müller um ein Gespräch bat. „Wennst reden willst, musst Staubsaugervertreter werden“, war das Thema schnell erledigt.

Happel ging seinen Weg kerzengerade, natürlich auch auf seiner letzten Vereinsstation in Tirol. Wer nicht mitzog, war nicht mehr dabei. Michael Streiter, Roli Kirchler, Robert Wazinger und Michael Baur schafften als junge Tiroler unter dem gefürchteten „Alten“ den Sprung zur Profikarriere, wurden auch Nationalspieler. „Wenn die Einstellung stimmte, verzieh er jungen Spielern auch jeden Fehler“, erinnert sich Baur an die erste kurze Ansprache vor seinem Europacupdebüt auf Zypern. „Merk dir, Bua: A richtig Gua­ter ist glei guat“, gab ihm Happel in seiner typisch-einsilbigen Art mit auf den Premierenweg. Fußball-Tirol hat den Trainer-Weltstar von 1987 bis 1991 kennen, schätzen und mit seinen Macken leben gelernt. Dazu gehörten das Bauernschnapsen im „Stiegl“, Roulette in Seefeld, gute und auch nicht so gute Zeiten auf dem grünen Rasen sowie sein letztlich aussichtsloser Kampf gegen den Krebs. „Alles, was Happel sagt, war für mich ein Evangelium“, zollt der ehemalige deutsche Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer, der von 1980 bis 1982 beim HSV spielte, seinem ehemaligen Trainer größten Respekt: „Von seinem Fußball-Sachverstand her war Ernst Happel einer der größten Trainer aller Zeiten!“ Günter Netzer, damals Manager beim HSV, beschrieb Happel als „ersten menschlichen Schleifer, den ich in meinem Leben getroffen habe“.

In seiner Lebensweise war Happel seinen Schützlingen weniger Vorbild: Als Kettenraucher, Karten- und Casino-Spieler, zudem auch noch als Wein-Liebhaber war ihm nichts Menschliches fremd. „Der Trainer wäre am Spieler Happel wahrscheinlich verzweifelt“, gestand er schmunzelnd. Seinen Profis wurde er dadurch aber nur noch sympathischer. „Als er zu uns in die Kabine kam, war es, als ob jemand das Licht aufgedreht hätte“, meinte HSV-Kopfball-Ungeheuer Horst Hrubesch, der Ernst Happel auch als Co-Trainer zum FC Tirol folgte.

Happel war ein Weltenbummler. Als Spieler verschlug es den 51-maligen österreichischen Nationalspieler zwar nur zu Racing Paris. Aber als Trainer brachte er es zu internationalem Ansehen: ADO Den Haag, Feynenoord Rotterdam, FC Sevilla, FC Brügge, Nationalmannschaft der Niederlande, Standard Lüttich, HSV sowie FC Swarovski Tirol und das Nationalteam Österreichs. Neun Meistertitel und sieben Pokalsiege in vier Ländern, Vizeweltmeister mit Holland und zwei Europacupsiege stehen zu Buche. Auch aus diesem Grund reicht sein Einfluss bis in die heutige Zeit. Happel wurde im Zusammenhang mit seinen taktischen Ideen zum Trainer-Vorbild für viele seiner Ex-Spieler. Die heute so hochgelobten Pressing-Varianten waren für den Taktikfuchs damals schon Basis für seine Erfolge.

„Am liebsten war mir, wenn ich ihn herzhaft lachen sah“, erinnert sich Didi Constantini an die zu kurze gemeinsame Zeit beim ÖFB-Team. Happel war schon schwer gezeichnet, aber die österreichische Nationalmannschaft war ihm noch ein ganz besonderes Anliegen. Wenn der Ball im Spiel war, hatte der Krebs – zumindest kurzfristig – Sendepause.

Dann war der „Aschyl“ – den Spitznamen hatte er seit Rapid-Zeiten aufgrund seiner Ähnlichkeit mit einem türkischen Schauspieler – ganz in seinem Trainer-Element. Nur neun Spiele waren ihm als ÖFB-Teamchef vergönnt, am 14. November 1992 wurde er in Innsbruck von seinen Leiden erlöst. Unvergessen das Länderspiel in Nürnberg gegen Deutschland (0:0), als Didi Constantini die schwarze Kappe des verstorbenen Happel neben sich auf der Trainerbank platzierte.