b_350_1200_16777215_00_images_stories_reportagen_tellermittel.jpgWas viele ohnehin schon immer geahnt haben, wurde wieder einmal schmerzhaft bestätigt: Österreich liegt irgendwo im Nirgendwo – das gilt auch für die österreichische Bundesliga, die in einer Studie von Responsiball zur sozialen Verantwortung von Fußballvereinen unter 28 europäischen Fußballligen nur den enttäuschenden 17. Platz belegte – gut eingebettet zwischen den Fußballgroßmächten Litauen und Estland.


Plattform für soziale Verantwortung im Fußball

Seit 2007 untersucht die unabhängige Schweizer Plattform Responsiball die Rolle von Fußballvereinen in der Gesellschaft und deren daraus entstehende soziale Verantwortung. Ein sozial verantwortlicher Verein sollte schädliche Effekte für die Gesellschaft möglichst minimieren bzw. sogar eliminieren und gleichzeitig nützliche Einflüsse auf die Gesellschaft maximieren. Ziel der Plattform ist es nun, das soziale Potential der Clubs von unabhängiger Seite auf wissenschaftlicher Basis zu beurteilen und anschließend auch bei der Umsetzung zu unterstützen. Nach Projekten mit der UEFA oder Football Against Racism in Europe (FARE) analysierte Responsiball zuletzt die Homepages von über 400 Vereinen der höchsten Fußballligen Europas aus 28 Ländern. Für das weltweit erste Ranking der einzelnen Ligen hinsichtlich sozialer Verantwortung wurde der Punkte-Mittelwert über alle Vereine der Liga berechnet. Als Kriterien für soziale Verantwortung wurden die drei Einzelbereiche „gute Führung“, „regionales Engagement“ und „Umweltbewusstsein“ herangezogen, für die jeweils ein Prozentsatz der erreichbaren Maximalpunktzahl publiziert wurde.

Schlecht geführtes Österreich

Für die erste Kategorie 'gute Führung' wurden Faktoren wie zugängliche Vereinsstatuten, Organisationsstruktur und Vereinsvision ebenso herangezogen wie breit gefächerte Eintrittspreise. Bis zu diesem Punkt sollte der FC Wacker Innsbruck noch gut im Rennen liegen – bei den Punkten „rauchfreies Stadion“, „verantwortungsvolle Getränkepolitik“ und „gesunde Verpflegung“ schaut dies jedoch schon ganz anders aus. Jedoch zur Beruhigung: Keine Liga erreichte mehr als 54% der Punkte – dass dieses Land jedoch ausgerechnet Polen ist, hätte beim Image des polnischen Fußballs wohl niemand gedacht. Auf den Plätzen folgen die großen Ligen England, Italien, Deutschland und mit etwas Abstand die Ukraine. Österreich (21%) platziert sich auf Platz 18 knapp vor Frankreich – in Malta kann bei 4% der erreichten Punkte wohl getrost von Führungslosigkeit gesprochen werden.

England punktet in der Region

Für die zweite Kategorie „regionales Engagement“ recherchierte Responsiball zur Teilhabe der Clubs in Projekten etwa zu den Themen „Miteinbeziehung der Anhänger“, „Gender Aspekte“ oder „Friedensprojekte“ - also ein klares Heimspiel für den Mitgliederverein FC Wacker Innsbruck, der mit der Einstellung zu Antirassismus, Integration und Frauenfußball hier defintiv punkten kann. Auch die geforderten professionellen Fanarbeiter sollten in Innsbruck als einziger Verein Österreichs bald Realität werden. Trotzdem reicht es für die Bundesliga wieder nur für den 17. Platz mit nur 16% der möglichen Punkte. Vereine, die ohne jegliches gewachsenes Rückgrat von Mitgliedern kurzfristig aus ökonomischen Gründen aus dem Boden gestampft wurden und entsprechend keine Werte und Tradition mitbringen, tragen wohl das Ihrige zur schlechten Bewertung der Österreichischen Bundesliga bei. Der Sieger in dieser Kategorie ist das Mutterland des Fußballs: England gewinnt mit 68% klar vor Schottland, Deutschland und Polen. Am anderen Ende des Spektrums finden sich Malta und Montenegro, die Schweizer Nachbarn liegen auch nicht weit des Schlusslichts mit mageren 8%.

Umweltbewusstsein kaum vorhanden

Kategorie drei „Umweltbewusstsein“ sollte ein Schock für alle nachhaltig denkenden Fussballfans sein: Kein Team erreichte überhaupt 20% der Punkte - zahlreiche Ligen wie etwa Spanien und Serbien liegen sogar bei glatten 0%. Benotet wurde bei der Umfrage nach öffentlichen Transportmöglichkeiten, Car-Sharing, Müllbeseitigung und Verwendung erneuerbarer Energie. Auch der FC Wacker Innsbruck hat hier trotz einiger guter Konzepte (zum Beispiel Becherpfand oder IVB-Kooperation) noch Luft nach oben: Regenwassersammlung und Sonnenkollektoren am Dach klingen nach Zukunftsmusik fürs Innsbrucker Tivoli und die Olympiaworld. Allerdings befindet sich der Tiroler Traditionsverein in guter Gesellschaft: Österreichische Clubs erfüllen im Schnitt ganze 3% der Kriterien und landen trotzdem noch auf Rang 13. Die Führenden Polen (18%), England, Holland und Deutschland dürfen sich immerhin noch über zweistellige Ergebnisse freuen. In Summe jedoch ein klares Zeichen: Der moderne Fußball und Umweltbewusstsein stehen in keinem guten Verhältnis zu einander.

Gesamtrang 17, was nun?

Alle Faktoren zusammenaddiert, liegt Österreich in Europa laut der präsentierten Responsiball-Studie am Ende im Mittelfeld auf Rand 17, eine detaillierte Aufschlüsselung nach Vereinen ist leider nicht erhältlich. Über den Gesamtsieg freut sich die englische Premier League vor der polnischen Ekstraklasa und der deutschen Bundesliga. Auch kleinere Fußballnationen wie Schottland (6.), Belgien (9.) oder Griechenland (10.) liegen am Ende klar vor Österreichs höchster Spielklasse. Dass in Summe die Fußballzwerge eher am Ende der Reihung auftauchen, liegt wohl an zweierlei Faktoren: Einerseits wurden Informationen von Homepages verwendet, die bei größeren Vereinen durchschnittlich aufwändiger betrieben werden, andererseits bleibt einem Verein der maltesischen Premier League wohl auch einfach weniger finanzieller Spielraum zur Gestaltung seines Umfelds. Der FC Wacker Innsbruck liegt wohl irgendwo im Mittelfeld Europas, dürfte jedoch vielen anderen österreichischen Vereinen im Bereich „soziale Verantwortung“ mindestens einen Schritt voraus sein. Vielleicht findet der Tiroler Traditionsverein aber mit Responsiball einen Partner, der den FC Wacker Innsbruck am Weg zu neuer Stärke noch einen Schritt weiterbringen kann.

www.responsiball.org

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Julian Fuchs Julian Fuchs

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