b_350_1200_16777215_00_images_stories_reportagen_lok.jpgAuswärtsfahrten versprühen für den Fußballfan immer einen ganz besonderen Zauber. In meinem Fall kam auch ich in einen solchen Genuss, obwohl ich mich aus der norddeutschen Tiefebene auf „Heimreise“ nach Innsbruck befand. Nach zwanzigminütiger Wartezeit in der hessischen Provinz, freute ich mich, die klirrende Kälte hinter mir zu lassen und in den warmen ICE gen München umzusteigen. Dass an jenem Samstag im Dezember zufälligerweise auch in Deutschland Bundesliga gespielt wird, wusste ich spätestens seit diesem Zeitpunkt. Als einziger Schwarz-Grüner fühlte ich mich von einem Moment zum Anderen einer grün-weißen Übermacht ausgeliefert. Zum Glück jedoch nicht der aus Wien, sondern der aus Bremen – und die strahlte im Gegensatz zu der aus Österreichs Hauptstadt sogar einen Hauch von Sympathie aus.

Zunächst hielten sich die Jungs aus der Hansestadt noch einigermaßen bedeckt. Sobald die bayerische Landesgrenze, zwischen Kiel und Kassel auch gern „Weißwurstäquator“ genannt, überquert wurde, gaben sie sich nicht nur optisch, nun auch akustisch zu erkennen: In Würzburg wurde Bremen „als schönste Stadt der Welt“ besungen, in Nürnberg ging man dann mit „Die Legende lebt“ kurzfristig fremd und bekundete Sympathie für die Frankenmetropole. Je näher der Zug der bayerischen Landeshauptstadt kam, umso deutlicher kam die Abneigung gegen das „fußballspielende Kreditinstitut“ FC Bayern München zum Vorschein. Neben den schon obligatorischen Uli-Hoeneß-Schmährufen durften auch „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ und „Ich würde nie zum FC Bayern München gehen“ nicht fehlen.

Was mich an diesem Tag so begeisterte, waren allerdings nicht die stimmgewaltigen Bremer auf ihrem Weg in die Münchner Allianz Arena, sondern die Reaktionen der restlichen Fahrgäste. Die Blicke mancher Mitreisender verrieten zwar, dass sich diese im mit „Ruhebereich“ ausgewiesenen Zugteil etwas mehr von solcher erhofften. Je länger die Fahrt ging, umso mehr schelmisches Grinsen ließ sich dann in den Gesichtern angesichts der an den Tag gelegten kreativen Sangeskunst erkennen. Mit „Wir wollen den Schaffner“ sehen wurde der DB-Angestellte schon beim Eintritt in den Waggon begrüßt. Wer nun mit dem ein oder anderen bösen Wort rechnete, wurde aber enttäuscht. Denn der Zugbegleiter gab sich bei Durchsicht der Fahrkarten als Fan von Borussia Mönchengladbach zu erkennen und wünschte den Bremern viel Erfolg gegen den „Ligakrösus“. Kurz vor Ingolstadt war die Stimmung unter allen Anwesenden derart gut, dass die Bremer Jungs Musikwünsche entgegennahmen. So wurde auf Wunsch einer Dame „Ich war noch niemals in New York“ angestimmt. Lediglich bei „Lebenslang Grün-Weiß“ streikten die Jungs von der Weser – aus ihrer Sicht „zu kitschig“.

Überraschend war die Harmonie, die sich an diesem Tag im Zug ausbreitete, geprägt von Lebensfreude und Toleranz. Beschimpfungen und Unterstellungen? Man suchte sie vergeblich. Das mit Hilfe der Medien geschaffene Bild des gewalttätigen und rabiaten Fans erhielt wohl bei einigen Fahrgästen einen gehörigen Knacks. Wer konnte sich schon vorstellen, dass ein Fußballfan beim Kofferverstauen hilft oder freiwillig beim Toilettenbesuch einem Volksschüler den Vortritt lässt? Es sind ja schließlich auch nur Menschen. Von den vielen Stunden, die ich bisher schon im Zug verbrachte, waren dies die wertvollsten. Denn sie haben mir eines gezeigt: Ein Großteil der Bevölkerung ist wesentlich aufgeschlossener und hat ihr Hirn noch nicht ausgeschaltet - Politikerschelte und Pressepropaganda zum Trotz.

Ein Kollege von mir meinte vor kurzem, er finde es großartig, wenn sich Menschen für eine Sache begeistern und dafür auch bereit sind, etwas zu investieren. Gerade das mache eine Gesellschaft lebenswert. An jenen Satz musste ich denken, als ich in München den Zug verließ.

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Sebastian Kollemann Sebastian Kollemann

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