Schöne heile WeltWir wollen im heutigen „Blick über den Tellerrand“ uns wieder einmal mit der Fansituation in Deutschland beschäftigen. Die Leser und Leserinnen, die unser Portal aufmerksam besuchen, durften sich schon im Dezember über ein neues Sicherheitskonzept und die Reaktion der Fans informiert wissen. Doch wie es scheint halten sich nicht einmal die Initiatoren dieses höchst umstrittenen Konzepts an ihre Vorgaben. Nein, sie treiben es noch viel, viel weiter.  Drei Beispiele aus unserem Nachbarland, die in den letzten Wochen für Aufmerksamkeit gesorgt haben, stellen wir euch vor.

 

Bayern München und der Terrorexperte

Das Supercup-Spiel Bayern München gegen FC Chelsea am vergangenen Freitag hat es wiedereinmal gezeigt. Fanatische Fans der Bayern haben ihr Team lautstark zum Sieg gepusht. Etwas, das es seit langem nur mehr in fremden Stadien gibt. Wurde der FC Bayern München seit dem Umzug in seine neue Arena seit jeher aufgrund der schwachen Stimmung verhöhnt, ist es inzwischen auch mit dieser vorbei. Aus Kritik an der Fanpolitik des Vereins hat die aktive Fanszene in der vergangenen Saison mit einigen Protesten auf sich Aufmerksam gemacht. Der Verein reagierte getreu dem Motto "mia sein mia" auf seine ganz spezielle Weise. Man ging nicht etwa auf die Kritikpunkte jener Fans ein, die für Atmosphäre in der sterilen Allianz Arena sorgen, sondern engagierte einen recht speziellen "Fanbeauftragten": Wolfgang Salewski, seines Zeichen Ex-Terrorspezialist bei der GSG 9 (Deutschlands Antiterror-Einheit)!

Ein Terrorbekämpfer für die eigenen Fans des Vereins. Und Salewski leistet "gute" Arbeit. Der Stimmungsblock auf der Südtribüne ist in dieser Saison durch strengste Kontrollen und Kartenkontingentierung zerschlagen worden. Wo sich einst supportwillige Fans zusammenfanden, haben viele keinen Zutritt mehr. Wir sprechen hier nicht von Stadionverboten, denn die betreffenden Fans haben sich absolut nichts zu Schulden kommen lassen - außer Kritik an der Fanpolitik des Vereins. In der Allianz Arena geben die Auswärtsfans jetzt vollständig den Ton an. Das Bayern-Management stört das wenig. Die Arena ist voll und irgendwann werden sich schon neue Leute finden, die mal wieder Stimmung machen. Man darf gespannt sein, ob dieses Kalkül aufgeht.

Borussia Dortmund, Dietmar Hopp und Eintracht Braunschweig

Diese drei Begriffe haben einen Zusammenhang. Laut Berichten verschiedenster Onlineportale wurden vor dem ersten Heimspiel der Saison des BVB Ultras, genauer gesagt, jene der Fangruppe „Desperados“, kontrolliert. So weit nichts außergewöhnliches. Doch die Fans wurden nicht wie man vielleicht glauben mag wegen Verdachts des Mitführens von Pyrotechnik kontrolliert, sondern weil der Polizei Meldungen vorlagen, dass jene neben einem „ACAB“ Banner (Rechtsmeinungen dazu sind unterschiedlich), eines mit dem Konterfei von Dietmar Hopp in einem Fadenkreuz mitgeführen sollten. Nun, der halbwegs informierte Fußballfan mag jetzt fragen: Was hat ein „Anti Dietmar Hopp“-Banner bei einem Spiel gegen Eintracht Braunschweig zu suchen? Ist doch Hopp der Mäzen der TSG Hoffenheim. Diese Frage muss der Leser sich selbst beantworten. Denn natürlich wurde so ein Banner nicht mitgeführt.

Auch andere (nicht ultraorientierte) Fanklubs wurden mittels Bild und Datenkontrolle erfasst, womit die Begründung der Polizei für diesen großflächigen Einsatz ad absurdum geführt wurde. Eine solche polizeiliche Kollektivmaßnahme erscheint doch recht eigenartig, zumal das berichtete aggressive Auftreten der Exekutive vollkommen unnötig war, da sich alle Fans kooperativ gezeigt haben. Von Dialog, wie es im oben erwähnten Sicherheitskonzept niedergeschrieben ist, keine Spur. Repression auf höchster Ebene. Borussia Dortmund hat sich hinter seine Fans gestellt und diesen Polizeieinsatz auf schärfste verurteilt. Doch es kommt noch besser, wie ein Blick zum Lokalrivalen Schalke 04 zeigt.

FC Schalke 04 und die Volksverhetzung

Das dritte und letzte Beispiel unseres Blickes nach Deutschland dreht sich um das Spiel FC Schalke 04 gegen PAOK Saloniki. Was war geschehen? Die Fans des FC Schalke 04 unterhalten eine Fanfreundschaft mit Fans des mazedonischen Vereins Vardar Skopje. Dass sich Mazedonien und Griechenland aufgrund politischer Hintergründe nicht besonders grün sind, ist eine weitere Komponente in diesem Spiel. Nun, wie bei den verschiedensten Fanfreundschaften üblich, wird durch eine kleine Fahne der befreundeten Ultras deren Anwesenheit demonstriert. In diesem Fall war es die alte Mazedonische Fahne mit dem Sonnensymbol und dem Namen des Fanklubs, die schon bei etlichen Spielen (auch gegen andere griechische Vereine) im Stadion hing. Ein mitgereister griechischer Beamte im Auswärtssektor nahm dies zum Anlass um seine deutschen Kollegen von dieser angeblich ungeheuren Provokation zu unterrichten. Dieser war sich auch nicht zu blöd um, wie jetzt bekannt, einen bevorstehenden Platzsturm der griechischen Fans zu erfinden, wenn diese völlig legale Fahne nicht verschwinden würde.

Anstatt nun den Block der PAOK-Fans zu sichern, von wo aus eine Gefahr ausgehen sollte, tat die deutsche Polizei etwas, das man nur als widersinnig bezeichnen kann: Aufgrund einer völligen Fehleinschätzung (oder wohl eher ein verzweifelter Rechtfertigungsversuch im Nachhinein) eines  Tatbestands der „Volksverhetzung“ durch eine vollkommen legale Fahne, stürmte eine Hundertschaft der deutschen Polizei den Schalker Fanblock. Mit Schlagstöcken und Pfefferspray bahnten sich die Beamten den Weg durch die Fans. Das Ergebnis: Viele Verletzte Fans, auch Frauen und Kinder.

Darüber hinaus wurde der Zugang für die Rettungssanitäter erschwert bzw. während deren Einsatz noch einmal fleißig Pfefferspray verwendet, wodurch auch die Sanitäter verletzt wurden. Dass der FC Schalke 04 den Einsatz vehemnt kritisierte, darf auf ein Problembewusstsein schließen lassen. Dass sich Polizei-Gewerkschafter Rainer Wendt schützend vor seine „Truppe“ stellte und den Einsatz in einem Interview, als „richtig und notwendig“ einstufte, erstaunt in Zeiten wie diesen auch nicht. Doch dieser Einsatz und der damit verbundene öffentliche Aufschrei wird noch einige Konsequenzen nach sich ziehen.

Fazit

Zumindest im Falle des FC Bayern München scheint sich der sportliche Erfolg direkt auf den Umgang mit treuen Fans auszuwirken. Vergleiche mit den Entwicklungen in der Premier League sind hier durchaus herzustellen. Das Motto des FC Bayern München scheint nicht nur seit dieser Saison „solange es im Geldbeutel erklingt, solang das Produkt stimmt“ zu lauten. Dass einige hochrangige Funktionäre nicht wissen, wieso die Südkurve schweigt, ist verständlich bei so viel Einfühlungsvermögen in gewachsene Fankultur...

Im Falle von Borussia Dortmund und Schalke 04 könnte man tiefergreifende, politische Diskussionen anstellen, wobei dieser Artikel und das Fazit hierfür nicht geeignet sind. Dass sich die Vereine direkt hinter die Fans stellen und die beiden Einsätze in Frage stellen, kann durchaus als positiv vermerkt werden, wenngleich man die weiteren Entwicklungen abwarten muss. Dass sich Polizeigewerkschafter Wendt einerseits über zu hohe Einsatzstunden aufregt, anderseits oben angeführte Beispiele in Ordnung findet, mag vielleicht nur in den Augen des Autors ein Paradoxon sein.

Hinweis / Autor

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Alexander Riedling Alexander Riedling

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