Stand your groundDie Redakteure und Redakteurinnen des tivoli12 magazins zeichnen sich durch ihr großes Interesse an allem was den Fußball ausmacht aus. Wenn sich also ein Redakteur ins Mutterland des Fußballes aufmacht, kommt er natürlich nicht darum herum ein Fußballspiel zu besuchen. Das Hochglanzprodukt Premier-League hat inzwischen mit dem "wahren" Fußball auf der Insel ja nicht mehr allzu viel zu tun. Unglaublich hohe Preise, kaum Stimmung und die Fokusierung auf "Theaterpublikum" haben dem englischen Fußball in der höchsten Liga seine Faszination genommen. Wer noch einen Hauch der legendären Stimmung englischer Stadien erleben will, ist in den zahlreichen Pubs rund um die Arenen besser aufgehoben als in den jeweiligen Fußball-Tempeln. Wie es der Zufall wollte besuchte man ein Spiel der League One (3. Liga) Leyton Orient FC - Rotherham United.

Zwei Seiten Londons

Los ging der Ausflug für vier Fans des FC Wacker Innsbruck in die Niederung des englischen Profi-Fußballs (Anm.: die vier höchsten Ligen Englands sind Profiligen) am Trafalgar Square mit der U Bahn Richtung Leyton. Bald verlies man die Innenstadt, die sich an diesem Wochenende besonders prunkvoll herausgeputzt hatte. Reagierte innerhalb Londons der schöne Schein, so war außerhalb davon nicht mehr viel übrig. An teils recht renovierungsbedürftigen Häusern aus dem 19. Jahrhundert vorbei ging es Richtung Stadion. Während sich Touristen um Tickets für Arsenal, Chelsea oder Tottenham in der City balgen, geht es in East-London gemächlicher zu. Mitten in einem Wohnviertel steht das 1937 eröffnete Matchroom Stadium in der Brisbane Road und versprüht den Charme legendärer alter englischer Stadien. An Tickets zu kommen ist hier kein Problem.

Englische Härte und Cornish Pasty

Bei unserem Eingang interessierte sich der Ordner mehr dafür, was in einem mitgebrachten durchsichtigen Plastiksack war, als dafür, was man so am Körper trug. Der Stadioneingang erinnerte etwas an das alte Tivoli. Und auch das Stadioninnere, insbesondere die Lautsprecheranlage auf der Tribüne trug seinen Teil zu sentimentalen Gedanken bei. Wie so viele englische Stadien ist auch dieser Ground nicht vollkommen geschlossen. Die Ecken sind unverbaut und so ergab sich der Ausblick auf angrenzende Wohnhäuser. Auch oberhalb der Südtribüne befand sich ein Wohnhaus. Vereinzelt konnte man sogar Leute sehen, die das Angebot gratis Fußball zu schauen, in Anspruch nahmen.

Das Spiel war von "typischer englischer Härte" geprägt und wurde in der ersten Halbzeit durch einen Schuss ins rechte Eck durch Jamaicas Nationalteamstürmers Kevin Lisbie für den Leyton Orient FC entschieden. Dieser wurde auch mit Standing Ovations bei seiner Auswechslung verabschiedet. In der Pause entschied man sich für einen Eistee und Cornish Pasty (mit Fleisch gefüllte Teigtaschen). Alkoholische Getränke sind auch in der League One auf den Tribünen verboten.

Generell versuchte das Stadion "Modern" und "alt" zu verbinden. Die Wände und der Eingang hatten zwar schon bessere Tage gesehen, dafür gab es einen ausgezeichneten Cateringstand, der unter anderem sogar heiße Suppe anbot, was im feuchtkalten London kein Fehler ist. Darüber hinaus konnte man auf etlichen Fernsehgeräten die Spielstände der anderen Spiele und höheren Ligen verfolgen. 

In der zweite Halbzeit zog sich Leyton etwas zurück, die Gäste konnten daraus jedoch keinen Nutzen ziehen. Einzig und allein der Ausflug des Gäste-Torhüters in den gegnerischen Strafraum knapp vor Spielende sorgte für ein kleines Highlight. Mit diesem Sieg blieb Leyton am Aufstiegskonkurrenten Wolverhampton Wanderers dran.

Stimmungsmässig darf man sich auf der Insel nicht mehr viel erwarten und in dieser Hinsicht war man auch nicht enttäuscht. Sowohl die Auswärts, als auch Heimfans zeichneten sich durch klassisch englischen Support aus. Es gab reichlich Szenenapplaus und den ein oder anderen Versuch einzelne Spieler hoch leben zu lassen. Als am Ende an die 9.000 Fans gemeinsam in den Chorus "We are top of the League" einstimmten, zauberte das dann doch noch wohlige Gänsehaut auf meinen Körper.

Schöner Schein vs. Authentizität

Der Besuch bei Leyton Orient FC hat gezeigt, dass nicht nur London zwei Gesichter hat, sondern auch der englische Fußball. In den ersten zwei Ligen kann man mit sehr guter Infrastruktur punkten, je weiter man nach unten geht, desto kultiger und authentischer wird das Erlebnis Fußball. Zumindest für den Autor dieser Zeilen hat das Stadion von Leyton Orient FC weit mehr Charme, als jene großen Arenen, in welche 50.000 und mehr Zuschauer passen. Auch, weil, wie wir am nächsten Tag beim American-Football-Spiel San Francisco 49ers gegen Jacksonville Jaguars gesehen haben, in den unteren Ligen noch nicht alles gänzlich reglementiert ist. Zeigt man Emotionen wie etwa begeisterndes Aufspringen von seinem Sitz, so ist das im Wembley-Stadium und der Premier League im Wiederholungsfall ein Grund für einen Rausschmiss...

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Alexander Riedling Alexander Riedling

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