Fans als partizipierendes PublikumWird über Fußball gesprochen, so fällt unweigerlich das Wort „Fans“. Doch, was bringt Fans dazu sich für ihren Verein zu engagieren? Dies haben sich die beiden Soziologen von der Freien Universität Berlin, Dr. Jochen Roose und Mike Steffen Schäfer gefragt und darüber eine Arbeit verfasst.

 

Herr Dr. Jochen Roose, recht herzlichen Dank für das Interview. Wie sehr beschäftigen Sie sich selbst mit Fußball und wie sind Sie auf das Thema „Fans als partizipierendes Publikum“ gekommen?

In der Tat bin ich selbst Fußball-Fan. Mein Interesse an Fans ist allerdings breiter, denn ich interessiere mich für Fans von den verschiedensten Menschen und Dingen. Mit meinem Kollegen, Mike Schäfer, bin ich auf die Idee gekommen, Fans näher zu untersuchen. Der Beginn dafür war ein Forschungsseminar an der Universität Leipzig.

Mich interessiert Partizipation. Partizipation wird praktisch ausschließlich im politischen Bereich untersucht, kommt aber in viel mehr Lebensbereichen vor. Ich beschäftige mich mit Partizipation auch außerhalb der Politik, zum Beispiel durch Fans.

Im ersten Teil gehen sie auf theoretische Aspekte ein. Welche Möglichkeiten haben Fans auf Leistung zu reagieren? Welcher Faktor ist der Wichtigste?

Entscheidend ist, dass Fans sich zu Wort melden können. Sie können sich Gehör verschaffen und ihre Meinung kund tun. Die Spiele im Stadion mit der hohen Medienaufmerksamkeit bieten dafür eine besonders geeignete Bühne. Wenn die Fans dazu untereinander gut organisiert sind – was über Fan-Clubs meist der Fall ist – haben sie gute Chancen, das ihre Meinung wahrgenommen wird.

Sie schreiben von „sekundären“ und „dritten Leistungsrollen“. Was bedeutet dies und inwieweit ist Kritik der Fans unterstützend?

Kritik muss nichts Negatives sein, ist es meistens nicht. Sie ist ein Hinweis darauf, wo Schwächen gesehen werden und womit das engagierte Publikum nicht einverstanden ist. Es kann auch Ansporn sein, etwas anders zu machen. Nicht zuletzt kann Druck „von außen“ wichtig sein, um im engeren Entscheidungskreis Veränderungen durchsetzen zu können. In dieser Weise kann Kritik der Fans dem Verein durchaus nützlich sein.

Kann man unter „unterstützende Kritik“ auch Platzstürme einordnen?

Im Prinzip: Ja. Das „unterstützende“ an der Kritik hängt in unserer Analyse ab von der Intention derer, die Kritik üben. Wenn also Fans den Platz stürmen, um ihrem großen Unmut Ausdruck zu verleihen und den Verein „wach zu rütteln“, dann kann das durchaus unterstützend gemeint sein. Ob es am Ende positive Wirkungen hat, ist natürlich eine ganz andere Frage.

Ihre Arbeit folgt des politischen Modells der Mitbestimmung. Was kann man darunter verstehen?

Wir haben uns inspirieren lassen von Analysen politischer Mitbestimmung. Hier gibt es viele Untersuchungen und sehr ausgereifte theoretische Modelle. Wir sind von diesen Arbeiten ausgegangen und haben sie auf den Bereich der Fußball-Fans angewendet. So stammen unsere Erklärungsmodelle, dass Ressourcenmodell, das Netzwerkmodell und das Motivationsmodell aus der Forschung zu politischer Partizipation. Zur Erklärung der Mitwirkung von Fußballfans sind diese Modelle aber auch hilfreich.

Wie wurden die für die Arbeit wichtigen Variablen erforscht und welche sind dies?

Unsere Analyse beruht auf einer Online-Umfrage. Wir haben in vielen Fan-Foren Fans aufgerufen, an der Befragung teilzunehmen. Das hatte eine große Resonanz und so verfügen wir über die größte Umfrage unter Fans, die es gibt. Allerdings sind die Daten nicht repräsentativ. Für den Vergleich von Fans untereinander, sei es zwischen verschiedenen Bereichen oder verschieden engagierten Fans, eignen sich die Daten aber sehr gut.

Ist die Annahme, „je stärker die Loyalität/Interesse am Verein, desto stärker der Wunsch nach Mitwirkung/Mitentscheidung“ richtig?

Ja, so scheint es zu sein. Die engagiertesten Fans haben das größte Bedürfnis, auch zum Gelingen beizutragen. Dies gilt sowohl für die Mitwirkung am Erlebnis Fußball, beispielweise durch das Herstellen von Stimmung im Stadion, als auch für den Einfluss auf Entscheidungen.

Recht herzlichen Dank!

 

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Alexander Riedling Alexander Riedling

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