b_350_1200_16777215_00_images_202122_Fanleben_fv_pause1.jpgEin Fanclub feiert einen runden Geburtstag. Sie waren eine der ersten in Österreich dieser Art. Geboren an irgendeinem Strand in Italien. Ins Leben gerufen, durch Erwin und Tommy Gassler. Die Rede ist von den „Verrückten Köpfen Innsbruck“, die heuer ihr 30-jähriges Bestehen feiern.

 

Einst war es very British

Ich kann mich noch sehr gut an die goldenen 70er erinnern. Auf den Tribünen schwankte die Zuschauerzahl zwischen randvoller Hütte, aber auch gähnender Leere. Gesungen und geklatscht wurde, je nachdem ob irgendwer etwas angestimmt hat, oder eben nicht. Nicht selten wurde 90 Minuten hindurch gepfiffen und noch mehr gemotzt. Selbst bei Siegen. Für die Spieler wurde der Weg im alten Tivoli zu den Kabinen hinter der Westtribüne oft ein ungemütlicher Gandg und auch so mancher Schiedsrichter hat da sein Fett abbekommen und musste gar aus dem Stadion geschmuggelt werden. Der Tivoli war beliebt und gefürchtet zugleich. Abgrenzungen zwischen den Tribünen hat es keine gegeben. Da hat man schon einmal eine Halbzeit auf der einen Tribüne und die andere auf einer anderen Tribüne verfolgt. Auch vorbei an den Gästefans. Am gemütlichsten waren die Anhänger der Wiener Großklubs. Deren Fans haben nämlich auf der Böschung des Tivoli-Schwimmbads ihren Rausch ausgeschlafen. Schwarz-Grüne Fanclubs gab es schon damals. Sowohl aus dem Osten und im Westen Österreichs. Made by Wacker. Ein Zusammenschluss von Fans. Die meisten unserer Anhänger sind aus den umliegenden Tälern gekommen. War deren Straße verlegt, haben einige schon mal einen Umweg übers Timmelsjoch hinaus und beim Brenner wieder herein hinter sich gebracht. Die Stimmung orientierte sich am Spielverlauf und erinnerte alles in allem etwas an englische Stadien, wo hin und wieder mal ein Spechchor angestimmt wurde, der nicht sofort in der schweigenden Masse unterging, sondern auch von dieser mitgetragen wurde. Mitte der 80er wurde es aber so richtig mau. War man doch gewohnt, die „großkopferten“ Wiener hinter sich zu lassen. Das war aber nicht mehr drinnen. Und so wurde der Tivoli immer leerer. Nur gegen Rapid Wien, war die Bude fast immer rappelvoll. Echte Rivalen braucht das Land. Einen hat das immer getaugt, wenn 19.000 gegen ihn gepfiffen haben. Österreichs Fußballlegende Hans Krankl wollte mal nach Innsbruck wechseln. Als Spieler scheiterte das an Rapid und dessen spätere Trainerkarriere in Innsbruck war von anderen Ereignissen überschattet.

Von kühlen Briten zu heißblütigen Italienern 

Dann kam mit Geldgeber Swarovski die Wende. Der Europacup im ersten Jahr dieser Ära war geprägt von großem (Spiel)glück, einem überragenden Spielmacher und einer jungen Mannschaft, die über sich hinausgewachsen ist. Im ersten Europacupspiel war man schon nach wenigen Minuten hinten, doch dann kam ein Wolkenbruch - Spielabbruch. Tor in letzter Minute gegen Lüttich, so wie schon zuvor auch in Sofia am letzten Zacken über die Zeit gerettet. Die Spiele gegen Spartak Moskau und den AC Turin wurden zum Meilenstein und zur Legende. Der Tivoli wurde rappelvoll gepfercht. Da gab es kein runter und auch kein raufkommen mehr. Man konnte nicht einmal mehr richtig stehen. Aus heutiger Sicht schon sehr gefährlich. „So ein Tag, so wunderschön, wie heute“, hallte es aus 18.000 Kehlen. Gefühlt waren das aber mehr. Eine Atmosphäre, die selbst in den besten Jahren später kaum mehr erreicht worden ist. Und dann begann die Zeit der Fanclubs auf der Nord. Mit den „Tyrolien Dynamits“ kehrte das erste Mal organisierter Support am Tivoli ein. Daraus bildete sich schließlich der Fanclub „Verrückte Köpfe“, deren Vorbilder vorwiegend aus der italienischen Szene und da besonders aus Bergamo waren. Die Inspiration für den Namen hat man sich aus Neapel geholt (Teste Matte). Ab 1991 zog dieses italienisches Flair auf unserer Nordtribüne ein. Die unterkühlten "Briten" wichen den heißblütigen "Italienern". Ab da wurde es bunt. Fahnen, Transparente, Choregrafien und Pyrotechnik kamen nun regelmäßig zum Einsatz. Ein Vorsänger gab auf der Tribüne den Takt vor, dem der Fanklub lautstark folgte und so die Mannschaft nach vorne trieb. Vorbei war die Zeit, als sich einzig die Darbietung auf dem Platz auf die Stimmung auf der Tribüne auswirkte. Von nun an war es umgekehrt. Die Atmosphäre im Stadion sollte das Geschehen auf dem Spielfeld beeinflussen. Und auch das Verhältnis zum eigenen Verein wurde anders. War man früher nur zahlender Kunde, so verstand man sich ab nun durchaus auch als Teil des Klubs und verfolgte dessen Entwicklung kritisch. 

Herzlichen Glückwunsch zum 30er!

Ich weiß es noch, als wäre es erst gestern gewesen, als diese „Verrückten“ auftauchten. Denn besiegelt wurde der Packt rund um die VK 91 ja ziemlich genau vor 30 Jahren in der Winterpause der Saison 1991/92. Zuvor gab es unzählige Expeditionen in die "Ultrá-Nation" Italien. Mit Erfolg, denn deren Choreografien waren neu und unbeschreiblich beeindrucken und ihr temperamentvolles Verhalten im Stadion nicht nur kreativ sonders auch attraktiv. Ja Servus Kaiser, da stehen einige auf Bierkisten verkehrt zum Spielfeld. Auch das war neu und für Außenstehende (so, wie ich damals) allein schon "verrückt". Es wurde feurig und manchmal auch hitzig. Über die Jahre wurden die VK zu einer Institution. Ja mehr noch. In den vergangenen drei Jahrzehnten ist dieser Fanclub die einzige Konstante rund ums Tivoli. Sportlich ging und geht es Auf und Ab. Abseits des Rasens hatte unser Verein mehr verschiedene Namen, als irgend ein anderer Klub auf der Welt. Der Kampf nach der Neugründung des FCW und der Rückkehr zum Gründungsnamen war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Supportmäßig war man in Österreich immer erstklassig, aber aktuell ist ihre Mannschaft scheinbar nur besseres Mittelmaß in der 2. Liga. Viele Jahre der Enttäuschungen und vergebenen Chancen liegen hinter den Schwarz-Grünen. Es geht gegen Horn und Lafnitz, statt gegen Rapid und Sturm. So manche Szene wäre an all dem zerbrochen. Beispiele dafür gibt es viele. Emotionale Highlights in den letzten 15 Jahren waren sportlich selten, doch es gab sie. Denkt man an Wacker Innsbruck, denkt man an die Nordtribüne. Denkt man an die Nordtribüne, denkt man an die Verrückten Köpfe. 30 Jahre "verrückt sein" verdient einfach Respekt! Aber wahrscheinlich sind wir alle verrückt. Ganz sicher sogar. Verrückt nach Schwarz-Grün!

Die Tribüne lebt

Ganz klar sind Fans auch von den Ergebnissen abhängig. Das sieht man allein an den Zuschauerzahlen. 4000 Fans weniger im Schnitt, als noch vor sieben Jahren sieht man nicht nur optisch und hört es akustisch, sondern wirken sich auch wirtschaftlich aus. Von der öffentlichen Wahrnehmung ganz zu schweigen. Nichtsdestotrotz lebt die Kurve trotz enormen Aderlasses. Einem weiteren Fanclub möchte ich zum Jubiläum gratulieren. 2007 ist der Name „Wacker Unser“ zum ersten Mal in einem Reim aufgetaucht. 2010 ist dann der Fanclub "Wacker Unser" ins Leben gerufen worden. Letztes Jahr wäre Jubiläum gewesen, was aber coronabedingt ins Wasser gefallen ist. Das wurde vor kurzen nachgefeiert. Herzlichen Glückwunsch zu 10 Jahren WU!
Mit dem „Wacker Inventar“ hat die Nordtribüne mitten in der Pandemie Zuwachs bekommen. Nach knapp eineinhalb Jahren hat sich da schon einiges getan. Coronabedingt konnte der Fanclub erst im Sommer in den Stadien präsent sein, doch seit wieder Zuschauer in die Stadien dürfen, ist auch die Zaunfahne dieses Fanclubs vertreten. Viele dessen Mitglieder fiebern teils schon seit Jahrzehnten mit dem Tiroler Traditionsverein mit, haben sich aber erst jetzt zu einem Fanklub zusammenschlossen. Aber auch die Jugend wird ordentlich involviert. Apropos: Beim Fanclub „Unterland“ hat sich erst vor dem letzten Heimspiel deren Jugendsektion „Aspirante“ vorgestellt. Das ist sehr erfreulich, denn junge engagierte Leute sind unsere Zukunft.
Einige Fanclubs gibt es leider nicht mehr. Besonders weh tut das Fehlen der "I Furiosi". Im letzten Jahr hätte man 20-Jähriges gefeiert...

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Rudolf Tilg Rudolf Tilg

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