Alfred Hörtnagl im InterviewAlfred Hörtnagl im Interview

Der erfolgreiche Sportdirektor des SK Rapid Wien lässt uns im zweiten Teil des Interviews mehr über den charismatischen Ernst Happel und seine persönlichen Erfahrungen mit ihm wissen.



Happel als Trainer: hat er anders trainiert oder bei taktischen Besprechungen andere Anweisungen gegeben? Was hat ihn ausgemacht?

Vergleiche hinken immer, jeder hat seine eigene Art. Er war sicher nicht der, der besonders viel geredet hat. Aber das hat eben persönlich zu ihm gepasst. Damals war der Erfolg da. Das zu kopieren… Ob das für heute ummünzbar ist wage ich zu bezweifeln. So wie er war, war eben der Ernst Happel, in seiner Zeit. Und das war höchst erfolgreich.

Jeder Trainer versucht körperliche Fitness als Basis zu haben. Er hat es auf jeden Fall geschafft, dass die ganze Mannschaft bei jedem Training voll auf Zug ist. Jedes Training Vollgas. Er hat von den Einheiten auf keinen Fall mehr trainiert als die anderen. Nur im ersten Jahr, um die Spieler kennen zu lernen, wer geht über den toten Punkt, wer hat Charakter. Er hat das Auge gehabt, ist einer bereit zu gehen. Das Auge für die Mannschaft, für den jeweiligen Spieler, das hat er einfach gehabt.

Man hatte keine Chance im Training zu Schummeln?


Es hat keiner im Kopf gehabt, heute ein bisschen gemütlich unterwegs zu sein. Der wäre ohne Kommentar bei den Zuschauern gesessen. Das hat ihn einfach ausgemacht. Das hat er durch seine Art geschafft. Da war nicht immer alles richtig oder eitel Wonne, aber seine Art war über lange Zeit als Trainer sehr erfolgreich.

In ihrem Buch schreiben Sie davon, als Sie einmal ziemlich ausgebrannt waren sagte Happel zu Ihnen: „Fahr heim, mach eine Pause bis Dienstag und komm dann wieder“. War das sein Auge, zu wissen, was ein Spieler im Moment braucht?


Das Auge hat er auf jeden Fall gehabt, und das Gespür. Das war ja auch zäh – ich bereite mich vor zu spielen, da kommt er her und sagt: „Du bist hin, fahr heim und komm am Dienstag wieder“. Da sagt jeder, das ist ja ein Wahnsinn. Aber ich war ja wirklich ausgebrannt und leer nach der WM. Er hat nur diesen Satz gesagt und fertig. Das war für mich auch hart am Anfang. Aber es war in der Situation das richtige.

Thema Happel und die Medien: Das 1:9 gegen Real Madrid hätte doch jeden anderen Trainer das Amt gekostet?

Happel ist nie in der Diskussion gestanden, das war kein Thema. Auch nicht nach dem ersten Jahr. Da sind dann sehr schnell eher die Spieler schuld, dass die nichts bringen.

Haben sich die Spieler nicht geärgert, dass sie als Schuldige für Misserfolge galten, die Erfolge aber dem Trainer Happel zugeschrieben wurden?


Überhaupt nicht. Weil nach dem ersten Jahr ja eine unglaubliche Euphorie in Tirol ausgebrochen ist mit Double und zweifachem Meistertitel. Plötzlich war Tirol wieder die Sporthauptstadt, junge Spieler haben den Durchbruch geschafft und sind ins Nationalteam gekommen. Daher hat jeder partizipiert an dem tollen Geschehen. Als junger Spieler war es eine wunderschöne Zeit, mitzuerleben, was da entstanden ist. Die meiste Zeit war ja erfolgreich.

Wie kam Happel mit den Tirolern zurecht? Ein Wiener in Innsbruck – machte das nicht Probleme?


Überhaupt nicht. Er war an vielen Plätzen der Welt. Er hat sich sehr schnell heimisch gefühlt in Tirol auch abseits des Fußballs. Er hat die Natur genossen, ich glaube, dass er auch mit den Leuten gut klar gekommen ist. Auch die gute Struktur im Klub, die durch Swarovski gegeben war. Die professionelle Linie, wo sich der Geldgeber zurückgehalten hat. Es gab einen Manager, der hat alles gemacht. Das hat er alles genossen.

Was ist ihre schönste Erinnerung an die gemeinsame Zeit?


Ich hatte ein Schlüsselerlebnis: Nach dem Jahr, in dem es nicht so lief, sind viele gute Spieler gekommen. Ich war als junger Spieler dann bei der U-21. Zwei, drei Monate hat er eigentlich mit mir kein Wort gesprochen. Ich habe aber immer Gas gegeben, das ist mein Naturell, und er war bei jedem Spiel zuschauen. Nach ein paar Monaten hab ich mir gedacht, die Mannschaft spielt gut, es sind Stars da, ich bin ja auch schon 20, 21 Jahre, ich muss schauen, dass ich weiterkomme. Ich habe ein Gespräch mit ihm gesucht und versucht, das darzustellen – es ist vielleicht besser, ich komme später zurück, ich kann’s ja verstehen, es ist eine super Mannschaft... Er hat mich aussprechen lassen. Dann hat er gesagt: „Du bleibst da, was weiß ich was mit den Alten ist“. Ein Satz und das Thema war erledigt. Kurze Zeit später bin ich dann hineingewachsen und war ab dem ersten Spiel Stammspieler. Ich hab das Double erreicht und bin ins Nationalteam gekommen, innerhalb von acht Monaten. Das war ein Schlüsselerlebnis. Er hat auf mich gehalten. Das war der Schub und die Chance, und auf einmal hat’s „bing“ gemacht.

Wann haben Sie etwas von der Krankheit mitbekommen?

Im ersten Jahr noch nicht, und am Anfang war er noch nicht sichtbar gehandicapt. Erst als dann die Chemotherapie losging, war es nicht mehr zu übersehen. Er war dann körperlich nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte und hatte nicht mehr die gleiche Präsenz. Der Wechsel auf den Teamchefposten war für ihn sicher eine Möglichkeit, weiter mit dem Fußball in Kontakt zu bleiben, die tägliche Arbeit als Klubtrainer wäre nicht mehr möglich gewesen.

Wir danken für das Gespräch und wünschen noch viel Erfolg in Ihrer Laufbahn.

Dieses Gespräch entstand im Zuge der Recherchen zur aktuellen Ausgabe des Ballesterer[fm]. Mit Alfred Hörtnagl sprachen Schotola Clemens und Spitaler Georg. Für die Fotos danken wir Radvanyi Stefan und www.picturedb.at .

 

 

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