b_350_1200_16777215_00_images_201718_interviews_morass.jpgEigentlich hätte es ein kurzes Interview vor der Kamera zum anstehenden Saisonstart der Wacker-Damen werden sollen. Doch einerseits hat uns die Technik einen Streich gespielt und andererseits ergab sich daraus ein ausführliches Gespräch mit Masaki Morass. Im ersten Teil des Interviews spricht der Sportliche Leiter und Cheftrainer der Wacker-Damen über die Erfolge auf und abseits des Rasens, die Zusammenarbeit mit dem ÖFB, die strategischen Ziele der FCW-Damen und den noch überschaubaren Zuschauerzuspruch.

 



1. Platz in der 2. Liga, 1. Platz in der 3. Liga (Tiroler Liga). Noch besser kann die Tabellensituation nicht aussehen. Du hast also genug Gründe überglücklich zu sein?

Ich habe da einen anderen Ansatz und denke langfristiger. Daß wir uns für diese momentane Platzierungen nichts kaufen können, muß jedem klar sein, schließlich wurde eine Meisterschaft in Österreich nie aufgrund der Wintertabelle entschieden.
Gleichzeitig kann man ganz klar davon ausgehen, daß andere Teams in der Meisterschaft noch heißer sein werden, die Wacker-Damen zu schlagen. Das muß man sich deutlich bewußt machen. Die Frühjahrsrunde wird sicherlich kein Honiglecken, das kann ich Dir garantieren. Ich glaube eher, dass größere Herausforderungen auf unseren Spielerinnen warten werden als bisher in der Herbstrunde.

Aber die Freude über das positive Abschneiden in den beiden Ligen ist schon da, oder? Schließlich haben die Wacker-Damen in den letzten Jahren nicht so viele Erfolgserlebnisse gehabt.

Ja, es ist wirklich schön, daß sich unsere Spielerinnen für deren Einsatz seit Sommer 2017 mit vielen positiven Resultaten und der aktuellen Tabellensituation selbst belohnt haben. Ich habe hier Spielerinnen mit großen Einsatzwillen und guten Charaktereigenschaften kennengelernt, und ich denke, dass hier langfristig gesehen etwas Bedeutsames entstehen kann, auch im Sinne des Frauenfußballs in Westösterreich.

Nach dem Doppelabstieg der letzten Saison 2016/17 gab es Stimmen von außen, die gemeint haben, dass in dieser Saison nur der Wiederaufstieg als Erfolg bewertet werden kann. 

Nein, an solchen Gedanken würde ich mich nicht beteiligen. Ich habe schließlich in den letzten 20 Jahren als Trainer gelernt, daß man im Fußball immer differenzierte und tiefgründige Ansichten haben soll. Und wenn man – gerade hier in Europa – genau im Fußball hinschaut, wie oft ein Absteiger in den letzten Jahren wirklich gleich vorne dabei war... Sehr, sehr selten. Es gibt eher genug warnende Beispiele aus dem In- und Ausland. Das zeigt, wie schwer es ist. Nirgendwo gibt es einen Automatismus, dass ein Absteiger in der neuen Saison sofort aufsteigt.

Welche Erfolge bzw. Entwicklungen außerhalb des Platzes, die in dieser Saison erzielt worden sind, sind Deiner Meinung nach für die Zukunft von den Wacker-Damen wichtig?

Es gibt viele kleine inhaltliche Erfolge, die in der Summe fundamental für die nachhaltige Entwicklung der Wacker-Damen sind. Zum Beispiel finde ich es essentiell wichtig, daß nun der Austausch mit dem ÖFB (Österreichischer Fußball-Bund), NZFBB (Nationales Zentrum des Frauenfußballs) in St.Pölten und TFV (Tiroler Fußballverband) regelmäßig und konstruktiv stattfindet.

Wie sieht dieser Austausch konkret aus? Mit Lilli Purtscheller gibt es eine Spielerin, die im NZFBB ist. Andere sollen noch folgen. Und Jasmin Pal ist regelmäßig im Kader des A-Nationalteams.

Genau, es geht natürlich schwerpunktmäßig um die kontinuierliche Weiterentwicklung und abgestimmte Betreuung von Tiroler Spielerinnen, die im NZFBB sind bzw. für die ÖFB-Aufwahlteams spielen.
Am wichtigsten finde ich den regelmäßigen Austausch mit dem ÖFB-Trainer-Team über die fußballspezifischen Inhalte wie Spielphilosophie, Taktik oder Coachingsschwerpunkte. Nach jedem ÖFB-Lehrgang gibt es Telefonate zwischen den ÖFB-Trainern und mir, damit wir von den Wacker-Damen zum einem uptodate sind, und zum anderen, damit wir gemeinsam auch eventuelle „Hausaufgaben bis zum nächsten Lehrgang“ besprechen können. Das ist professionell und im Sinne der Weiterenticklung der Spielerinnen.

Und ehrlich gesagt, kenne ich es auch nicht anders, vorallem während meiner Zeit in Japan, als wir bei Urawa Red Diamonds mehrere A-Nationalspieler aus Japan gehabt haben, die sich auf die WM 2010 in Südafrika vorbereitet haben, habe ich die Erfahrung gesammelt, wie wichtig es ist, mit dem Verband inhaltlich eng zusammenzuarbeiten.
Beim ÖFB wird nachweislich hervorragend gearbeitet, daher ist es auch unsere Pflicht, das gesamte System zu unterstützen und uns kooperativ einzubringen. Alles im Sinne des österreichischen Fußballs.

Wie sieht das strategische Ziel der Wacker-Damen aus?

Ein Fundament für den Leistungsfußball hier am Standort Tirol zu schaffen. Dieses Ziel impliziert natürlich verschiedenste Inhalte. All diese Punkte auszuführen würde jetzt den Rahmen sprengen. Daher erwähne ich hier nur 2 Punkte.
Erstens, Tiroler Spielerinnen, die im NZFBB aufgenommen worden sind, haben durch die Wacker-Damen weiterhin die Möglichkeit in ihrer Tiroler Heimat – möglicherweise auch mit ihren befreundeten Mitspielerinnen aus den TFV-Auswahlmannschaften - Woche für Woche ordentlichen Leistungsfußball zu spielen. Sie brauchen also nicht, neben ihren Heimatbesuchen an den Wochenenden in Tirol extra noch in ein anderes Bundesland zu fahren, um an einem Ligaspiel teilzunehmen.
Zweitens, Tiroler Spielerinnen, die nicht im NZFBB sind, bekommen bei den Wacker-Damen die Möglichkeit, bestmögliche, fußballspezifische Aus- und Fortbildung außerhalb des NZFBB zu bekommen. Natürlich im Rahmen vorhandener Möglichkeiten.

Ein etwas schwieriges Thema ist das Zuschauerinteresse. Trotz der erfolgreichen Resultate sind die Zuschauerzahlen bei Heimspielen eher mäßig.

Ja, das stimmt, auch wenn wir dankenswerterweise bei den Wacker-Damen absolut treue Fans und Eltern haben, die Woche für Woche unsere Teams anfeuern. Jedoch sollten wir bei diesem Thema auch den Blick über den Tellerrand hinaus wagen. Wenn man sich die Zuschauerzahlen im benachbarten Ausland anschaut, ist es ehrlich gesagt auch nicht so berauschend. Borussia Mönchengladbach spielt im Schnitt vor ca. 100 Zuschauern, Bayer 04 Leverkusen hat im Schnitt ca. 150 Zuschauer... und auch beim FC Basel in der dortigen 1.Liga kommt es mal vor, daß sie nur 60 Zuschauer bei einem Ligaspiel haben, und das in einer fußballverrückten Stadt wie Basel! Man sieht also, dass dies kein tirolspezifisches Problem ist.

Wie schaut es im österreichischen Vergleich aus?

Ich habe neulich gelesen, dass SK Sturm Graz im Schnitt 88 Zuschauer hat und USC Landhaus im Schnitt 139 Zuschauer. FFC Vorderland mit 226 Zuschauer im Schnitt belegt den 1.Platz bei den Zuschauerzahlen. Sogar der Serienmeister SKN St.Pölten tut sich schwer und hat nicht immer mehr als 100 Zuschauer... wobei man bei denen beachten muss, dass sie aufgrund der infrastrukturellen Situation nicht direkt in St.Pölten, sondern in einer Nachbargemeinde spielen. Sie würden wahrscheinlich mehr Zuschauer haben, wenn sie direkt in der Stadt spielen würden.

OK, es ist also kein spezifisches Problem in Tirol, sondern ein allgemeines. Aber was kann man unternehmen, um mehr Zuschauer zu lukrieren?

Dass sich nicht nur unsere Wacker-Spielerinnen, sondern allgemein alle Fußballerinnen, die Woche für Woche im Wettkampf stehen, mehr Zuschauer verdient haben, steht außer Frage.
Die Frage ist viel mehr, wie wir gemeinsam Impulse setzen können, um mehr Zuschauer zu bekommen. Ich kenne zwar verschiedene Marketing- und PR-Maßnahmen aus Japan oder den USA - dort gibt es dementsprechend oft mehrere tausend zahlende Zuschauer in einem Ligaspiel - diese sind jedoch zumindest bei den Wacker-Damen kaum umzusetzen, vorallem weil da das Personal fehlt - sei es professionell oder ehrenamtlich.

Also doch keine Besserung in Sicht?

Doch! Nur zu jammern, dass wir wenig Zuschauer haben, wird wenig helfen. Es gibt positivere Herangehensweisen. Aufgrund der sehr geringen finanziellen und arbeitstechnischen Kapazitäten wird es umso wichtiger sein, dass sich alle Personen, die mit den Wacker-Damen zu tun haben, sei es direkt oder indirekt, als Botschafter der Wacker-Damen bzw. des Tiroler Frauenfußballs sehen und die Begeisterung weitergeben.

Aktuell haben wir bei den Wacker-Damen wirklich viele positive Inhalte, damit meine ich nicht nur die reinen Spielresultate. Daher gibt es genug positive Themen, über die man sich unterhalten kann. Durch solche Gespräche kommen die Menschen zusammen, und dabei könnte eine Basis geschaffen werden, aus der nachhaltigeres Interesse entsteht. Klar denke ich hierbei sehr langfristig, aber eine Arbeit mit Nachhaltigkeit wird den Wacker-Damen mehr helfen, als wenn wir ausschließlich kurzfristige Lösungen anvisieren würden.

Im zweiten Teil des Interviews werden die Themengebiete Kaderentwicklung der Wacker-Damen, Ost-West-Gefälle im österreichsichen Frauenfußball und warum es für jeden Trainer von Vorteil ist auch Mal im Frauenfußball tätig zu sein, behandelt.



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Christian Hummer Christian Hummer

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