Am Boden der TatsachenKann eine Person Retter und Totengräber gleichzeitig sein? In der Diskussion um Walter Kogler scheiden sich daran die Geister. Die Anzahl derer, die in ihm das personifizierte Abstiegsgespenst sehen, nahm in den letzten Wochen dramatisch zu. Das ist soweit nachvollziehbar – die Horror-Bilanz spricht schließlich für sich selbst. Und tatsächlich liegt die Verantwortung zunächst beim Trainer. Woran liegt es aber, dass Kogler, der selten als unumstritten galt, von vielen Seiten das Image des fast schon Alleinschuldigen umgehangen worden ist?

Der Hintergrund

Blicken wir in den Sommer 2008 zurück – die Stunde Null in der jüngsten Vergangenheit des FC Wacker Innsbruck. Die damalige Abstiegsmannschaft inklusive ihres trainierenden Sportdirektors hatte sich auf klägliche Weise der Verantwortung entzogen. Die Erste Liga rief und der Tiroler Traditionsverein stand fast komplett ohne Kampfmannschaft vor einem Scherbenhaufen. Die erschwerten finanziellen Rahmenbedingungen in Österreichs zweithöchster Spielklasse sowie die Ankündigung eines bekannten Vereinssponsors auf Kürzung der Beträge taten ihr Übriges für eine depressive Stimmung.

Der Nutzen

Es brauchte nun jemanden, der aus der sportlichen Ungewissheit neue Fakten schaffen konnte, eine neue Philosophie in einen in Schockstarre geratenen Verein brachte. Diese Gunst der Stunde nutzte Walter Kogler. Er war es, der innerhalb kurzer Zeit eine neue, funktionierende Mannschaft nach seinen Ideen formte und dabei ein gutes Händchen bei der Kaderzusammenstellung bewies. Ein Job, für den heute Oliver Prudlo zuständig ist. Auf jenen entscheidenden Wochen im Sommer 2008 fußt auch das Aufstiegswunder von Pasching. In jener Mannschaft wuchsen Spieler wie Marco Kofler oder Julius Perstaller zum Stamminventar der zweiten Bundesliga-Phase des neu gegründeten FCW heran. Eine behutsame Weiterentwicklung und, zugegeben, erzwungenes Glück in den entscheidenden Phasen der Saison machten jene Meisterschaft 2010 erst möglich. Das ist das Verdienst des Walter Kogler und hierfür verdient er Dank, Respekt und Anerkennung.

Das Unvermögen

Jene Glücksmomente verdeckten allerdings schon damals Elemente, die heute von seinen Gegnern oftmals kritisiert werden. So scheinen Koglers unbestrittene Sturheit und Beharrlichkeit, die ihm in den Anfangsjahren beim Neuaufbau eine große Hilfe waren mittlerweile zum Verhängnis geworden zu sein. Ein Mensch, der bewusst viel Energie in seine Arbeit investiert, irgendwann nicht mehr nach Links und Rechts schaut, der nutzt sich schneller ab. Und mit ihm auch sein System. War die Aufstiegssaison noch von einer Euphoriewelle dominiert, traten schließlich in den Folgemonaten jene Mängel zu Tage, die kaum mehr Nachhaltigkeit offenbarten. Schon in der letzten Saison demonstrierte die Mannschaft eindrucksvoll, dass Abnutzungserscheinungen im Verhältnis Trainer-Spieler kaum mehr wegzudiskutieren waren: Die Cup-Partie gegen Grödig wird jedem noch ein Begriff sein. Und was tat Walter Kogler? Er machte weiter wie bisher. Kontinuität war ihm immer wichtig, Rotation und Wandel suchte man vergeblich.

Die Konsequenz

Hieran lag das meiste Übel. Das, was in den ersten zwei, drei Jahren von enormer Wichtigkeit für den FC Wacker Innsbruck war, wurde letzten Endes zum Bumerang, der nun den Verbleib in der Bundesliga ernsthaft in Frage stellt. Die Einführung von neuen Strukturen und das Festhalten an Bewährtem führte letzten Endes zu fehlender Innovation und mangelndem Veränderungswillen. Aber genau jene Veränderungen wären jetzt dringend erforderlich, wenn der Erfolg zurückkehren soll. Walter Kogler hat nicht erkannt, dass hierzu auch Selbstreflexion notwendig ist und so einem Entwicklungsstillstand klammheimlich und unbewusst Vorschub geleistet. Das brachte ihn in die missliche Lage, aus der es bisher kein Entrinnen gibt. Ist es schon zu spät?

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Sebastian Kollemann Sebastian Kollemann

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