b_350_1200_16777215_00_images_201718_haxn_sta21.jpgDie Zeiten sind vorbei, dass man vor einem Namen ehrfürchtig den Hut zieht. Das meinte schon Wilhelm Tell, der Gesslers Kopfbedeckung einst den Gruß verweigerte. Angeblich. Denn sowohl der Schweizer Held als auch sein in Habsburger Diensten stehender Widerpart sind leider nur Legende. Aber was für eine. Der kleine, unscheinbare, dessen Namen kaum jemand kennt, verweigert dem auf einer Stange aufgespießten Hut den Respekt, mehr noch, verhöhnt ihn und bringt ihn letztendlich zu Fall. Was für ein Lehrstück. Vielleicht sollten die Schwarz-Grünen noch schnell Guillaume Tell von Gioachino Rossini anschauen, vorm Spiel gegen Hartberg, und das nicht nur wegen der Musik...

 

 

Hut ab!

Wenige hatten mit Hartberg gerechnet zu Beginn dieser Saison. Und wenn, dann bestimmt nicht so. Keinen Respekt zeigten sie, die Steirer. Nicht vor Namen, nicht vor Tradition, vor gar nichts. Bis Runde 13 lagen sie niemals schlechter als auf Rang drei, im ersten Meisterschaftsviertel gab es nur eine Niederlage, der FC Wacker konnte wie auch die allseits als Meisterkandidat bezeichnete SV Ried aus zwei Partien nur einen einzigen Punkt mitnehmen. Wie eine wildgewordene Verkörperung der Overtüre zu Rossinis großartigem Musikwerk stürmten sie über die Plätze der zweiten Liga, zeigten Wattens dreimal die Grenzen auf, schlugen Kapfenberg zweimal zu Null, blieben gegen sechs von neun Teams ohne Niederlage. Sie hielten es mit Friedrich dem Großen, der meinte, eine Krone sei lediglich ein Hut, in den es hineinregnet. Nur Wiener Neustadt war für Hartberg nicht zu knacken, zweimal reichte jeweils ein Tor der Niederösterreicher, um als Sieger vom Platz zu gehen. Zweimal gab es auch nur eine einzige Karte für die Steirer, die mit 35 Karten um gleich zehn weniger aufweisen als die Innsbrucker, und die als einziges Team der Liga auch noch keinen Ausschluss hinnehmen mussten. Noch mehr, auch im Cup sind sie noch mit von der Partie, mit Mattersburg wartet nun aber der erste höherklassige Gegner im laufenden Bewerb. Bislang also eine Saison, mit der Christian Ilzner, der ehemalige Fitnesscoach der U19-Nationalmannschaft und Co-Trainer des WAC unter Heimo Pfeifenberger, sehr zufrieden sein kann. Wären da nicht zwei kleine Störfaktoren. Gegen zwei Mannschaften musste man bislang zwei Niederlagen einstecken. Bei Wr. Neustadt war es wohl zwar ärgerlich, aber Ilzner dürfte da nicht die Hutschnur aufgegangen sein. Das zweite Team war aber – der Floridsdorfer AC. Die Niederlage in Runde 11 läutete eine Mini-Krise mit nur einem Punkt in vier Spielen ein, mit einer Niederlage verabschiedete man sich auch in die Winterpause. Nebenbei die erst zweite Heimniederlage in der Saison. Der zweite Störfaktor: die Wintertransferzeit.

Hut oder Scherm

Auf den ersten Blick war es recht ruhig, was die Wechsel anlangt. Zwei Abgänge, ein Neuzugang, keine völlige Neukonstellation der Mannschaft. Felix Koller, in dieser Saison ohne Einsatz in der Liga, wurde an Lafnitz verliehen, Daniel Gremsl wechselte zu Zwickau in die dritte deutsche Liga. Und das könnte schmerzhaft werden für Hartberg. Denn Gremsl bestritt 18 Spiele für die Blau-Weißen in der Liga, stand dabei 12mal in der Startelf, schoss zwei Tore, bereitete vier vor. Ein Mittelfeldspieler, der Gefahr ausströmte. Mit 32 Schussvorlagen war er trotz eingeschränkter Zeit am Feld – nur in einem Spiel stand er 90 Minuten am Platz – zur Hälfte der Meisterschaft der viertgefährlichste Spieler der Liga. Wenn auch abgeschlagen hinter dem Spitzenreiter in dieser Statistik, Daniele Gabriele. So einen Spieler ziehen zu lassen tut immer weh. Hartberg hat aber Ersatz gefunden, der dafür sorgen soll, dass man im Frühjahr nicht den Scherm auf hat, sondern gut behütet bleibt. Und wo könnte man so jemanden besser finden als in Domzale! Sie kennen Domzale nicht, den slowenischen Cupsieger von 2017, den kleinen Ort nahe Laibach? Macht nichts, kannten auch vor 100 Jahren noch nicht viele, als man ihn Domschale nannte und er noch in der Krain lag. Aber man kannte die Produkte, die dort hergestellt wurden, in der ganzen Monarchie und darüber hinaus. Ob Stroh- oder Filzhut, ob für die Freizeit oder modisch-elegant zum Flanieren in Wien, Budapest, München, Mailand, London, New York, Moskau. Die Hüte der dortigen Modisten wurden überall hin exportiert, Domschale stand für Qualität. Und mit dem kleinen slowenischen Ort die Namen der Hutmacher: Oberwalder, Tegischer, Mellitzer, Ladstädter, Stemberger – alles Tiroler aus dem Defereggental, die 11 km neben Laibach eine kleine deutschsprachige Kolonie aufbauten mit sogenannten „Forschtgiehner“ (also Fort-Geher) aus der Heimat. Nun ist auch Alen Ozbolt ein Forschtgiehner. Er soll Qualität bringen, im Mittelfeld der Steirer. Ozbolt durfte schon Europa League schnuppern, gegen Freiburg und Marseille. Er spielte bereits in Dortmund, wenn auch nur im zweiten Team der Borussen. Aber auch das sind alles nur Namen, und Namen sind ein alter Hut. Die Leistung, die kommen wird, ist das einzige, das zählt.

Auf der Hut

Und da heißt es für Wacker: auf der Hut sein. Denn Hartberg wird sicherlich kein leichter Gegner. In den 9 Testspielen gegen Bischofshofen, Neusiedl, LASK, Vorau, Bad Gleichenberg, Gleisdorf, Sturm Graz Amateure, Traiskirchen und Krsko (aus der ersten slowenischen Liga) setzte es für die Steirer nur gegen die Linzer eine Niederlage, sieben Siege konnten eingefahren werden. Und man hat sich warmgeschossen: 39 Tore, davon sieben von Dario Tadic und je fünf von Manfred Fischer und Alen Ozbolt, haben sicherlich Selbstvertrauen gegeben. Selbstvertrauen, das einem vermeintlichen Underdog helfen kann, den angeblich Großen zu schlagen. Vor allem, wenn dieser zum Siegen und zum Aufstieg verdammt ist. Aber davon redet man ja nicht öffentlich in Innsbruck. Hoffen wir nur, dass man es sich nicht nach dem Spiel schon fast wieder auf den Hut stecken muss, wenn mit Hartberg die erste Standortbestimmung erfolgt ist.

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Stefan Weis Stefan Weis

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