b_350_1200_16777215_00_images_201819_Haxn_sta_cup1.jpgTeam Wiener Linien – klingt wie eine Betriebssportmannschaft. Ein paar Straßenbahnschaffner, der Rest U-Bahn-Stationsmitarbeiter, in der Defensive ein Schwarzkappler ohne Humor und vorne der Star der Mannschaft, ein junger Techniker aus der Hauptwerkstätte der Wiener Linien nahe dem Zentralfriedhof im 11. Wiener Gemeindebezirk Simmering. Dann wäre auch die Ansage am Samstag klar: „Zurücktreten hinter die gelbe Linie, Zug fährt ab.“. Nur – dem ist nicht so. Aber sogar nicht.

 

Ausstieg links

Wenn Wacker Innsbruck auch nur in einem kurzen Moment glaubt, mit halber Kraft die erste Runde überstehen zu können, wird es schon zu spät sein. Die junge Truppe aus Favoriten hat das Potential eines typischen Cup-Killers. Vollgetankt mit Energie und Selbstvertrauen – die letzte Niederlage am heimischen Rax-Platz datiert vom 19. Mai 2017, die gesamte letzte Saison musste man sich zu Hause nicht beugen. Seit Anfang November 2017 überhaupt nur eine einzige Niederlage, dabei hat man sich richtig warmgeschossen. Union Mauer wurde mit 7:0, der FavAC mit 6:1 nach Hause geschickt. 89 Tore in 30 Ligaspielen, davon 63 vor eigenem Publikum bei 13 Siegen in 15 Spielen – die Mannschaft von Josef Schuster, der die Favoritener schon seit 2009, also seit fast 3500 Tagen betreut, ist immer für einen Treffer gut. Kein Wunder also, dass die Wiener Linien ihren Streckenplan erweitert haben und nun auch Orte außerhalb Wiens ansteuern – souveräner Aufstieg als Meister der Stadtliga in die Regionalliga Ost, ein Umsteigen zu weiteren Linien nicht ausgeschlossen. Wenn da nicht der ständige Abgang von Talenten wäre. Transfers in höhere Ligen, etwa nach Floridsdorf, fallen da gar nicht so ins Gewicht, schmerzvoller ist die Abgabe von Rohdiamanten der eigenen Nachwuchsarbeit. Allein im vergangenen Jahr ging Leonardo Ivkic in die Akademie der Wiener Austria, Ivan Sercevic zur U17 des Vfl Wolfsburg und Adin Mujanovic zur U17 des VfB Stuttgart. Und natürlich wird auch die eigene Kampfmannschaft bestückt. Ein Kader, im Schnitt 23,1 Jahre alt, fünf Kicker unter 20. Im vergangenen Jahr konnte selbst ein 44-jähriger Tormann nicht verhindern, dass man einen Schnitt unter 23 aufwies. In Favoriten setzt man auf die Jugend, gepaart mit einer Achse an Erfahrung. Vorne weg Jasmin Delic, der in 238 Stadtliga-Partien 153 Tore erzielte, der Defensive Rückhalt Gerald Lintner mit der Erfahrung von 293 Partien in der vierten Leistungsstufe oder der in Klagenfurt und Graz ausgebildete Gailtaler Thomas Zankl, der seine 1,89m in der Innenverteidigung zum Einsatz bringen wird. Betriebssportkick mit Grillerei wird das wohl keine werden in Wien.

Bitte überlassen Sie ihren Sitzplatz dem, der ihn nötiger hat

Betriebssport stand aber am Anfang der Wiener Linien, die als Sportverein erst seit 2005 diesen Namen tragen und eigentlich auch erst 1974 entstanden sind. Uneigentlich durften sie bereits ihren 100er feiern, und das völlig zu Recht im Jahr 2012. Am Anfang stand nämlich der SV Straßenbahn Wien, man kickte als Amateure zweitklassig und hatte damals schon beneidenswerte Nachwuchsspieler. Georg Braun etwa, der Schurl, wuchs als Sohn eines Straßenbahners nahe dem Prater auf und wechselte 1923 zum SV. Als der Fußballsport professionalisiert wurde und die Betriebssportler nicht mitzogen, ging er zum Wiener AC, holte den Cupsieg, erreichte das Pokalendspiel, wurde Teil der Nationalmannschaft und als solcher einer des legendären Wunderteams von Hugo Meisl. Er schupfte den Ball auch noch bei Wacker Wien, Stade Renne und dem LASK, den er – wie auch die VÖEST – später auch trainieren durfte. Aus dem Nachwuchs der Favoritener stammt auch ein anderer Ballesterer, der aber in Hütteldorf seine Endstation fand und zuvor noch den armen Eduard Finger um den Verstand brachte, und vermeintlich auch den Vater des Spielers: „Der Hansiburli! Sein Papa, der Straßenbahner, wird si frein.“. Johann Krankl schnürte seine Schuhe zunächst für die Herren der öffentlichen Verkehrsmittel, zu einer Zeit, als man noch nicht in einer Spielgemeinschaft war. Zu dieser kam es 1974, als die „Gaserer“, also der SC Gaswerk Wien nach Jahren in der Zweit- und Drittklassigkeit ebenfalls alleine keine Zukunft sahen und ab 1973 ihren ASKÖ-X-Platz auch noch mit den Wandervögeln Wiens, dem FK Austria, teilen mussten – den Platz, der nun eine Arena sein soll und eigentlich Franz-Horr-Stadion heißt, erster Schauplatz für Wackers Bundesliga-Saison. Ein fröhliches Sesselrücken durch die Ligen und Bezirke Wiens.

Endstation, bitte alle aussteigen

Einst tönte die Durchsage von Franz Kaida, Abteilungsleiter der Verkehrsbetriebe, durch alle Garnituren der Wiener Linien. Am Rax-Platz ist aber keine Endstation. Nicht für den 15a, der zum Enkplatz oder Meidling Hauptstraße führt, nicht für die 67er, die am Reumannplatz oder Otto-Probst-Platz umkehrt. Klingt doch eigentlich ganz nett, denn ein bisschen mehr Cup-Feeling täte der Innsbrucker Fußballseele gut.

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Stefan Weis Stefan Weis

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