b_350_1200_16777215_00_images_201819_Haxn_sta3.jpgDer Weg ist klar gezeichnet: Bambini-Kick im lokalen Verein, möglichst früh als Nachwuchsspieler in den nächsten Club mit Namen und Anspruch, pendelnde Eltern im Landesleistungszentrum oder gleich Umzug der Familie in die Nähe einer Akademie, vielleicht kommt der Bub auch ins Internat, um in Salzburg, Wien, München seine Ausbildung zu erhalten. Und am Ende steht der Profivertrag. Wenn sie jetzt ganz leise sind, hören sie ein lautes Lachen über den Arlberg, es kommt wohl aus Altach. Denn dort, beim SCRA, sind zwei Tiroler Systemfehler engagiert, die dem FC Wacker Innsbruck das Leben schwer machen wollen.

 

Error 25

Hannes Aigner zum Beispiel, der Mann mit der Nummer 25. In Weerberg, überregional weniger für Fußball denn für Motorsport bekannt – schon Jochen Rindt und Jo Siffert zeigten dort ihr Können – in Weerberg also begann seine Spielerkarriere. Mit 15 debütierte er in der Kampfmannschaft, legte aber zunächst Wert auf eine berufliche Ausbildung: Telekommunikationstechnik, absolviert in Graz. Als er 2001 zum ISK stieß, schien das beinahe das Ende der Fahnenstange im Tiroler Fußball zu sein. Ein paar Straßen weiter zerbröselte es aber zeitgleich den Meister der Bundesliga und Champions-League-Aspiranten, am Tivoli mussten wieder kleinere Brötchen gebacken werden. Der junge Hannes, 21 Jahre alt, verstärkte die neu zusammengewürfelte Truppe aus dem Stamm der WSG Wattens, den beiden Routiniers Wazinger und Hörtnagl und Offensivspielern wie Schreter aus Telfs und natürlich Koejoe aus Lustenau. Aigner war aber mehr als nur Sidekick, 20 Tore in der Regionalliga-Saison zeigten seinen Torriecher, auch beim 5:0 gegen Altach trug er sich in die Scorerliste ein. Neue Konkurrenz im Sturm wie Wolfgang Mair ließen ihn sogar kurz mit dem Ausland spekulieren, doch nach dem Probetraining beim Viertligisten Darlington verließ ihn der Mut. Das war aber nicht unbedingt ein Fehler, die Wiener Austria war auf den schlacksigen, aber doch eher körperbetont kämpfenden Tiroler aufmerksam geworden, zwei Saisonen am Verteilerkreis folgten, ebenso der erste große österreichische Titel, der ÖFB-Pokal 2007, zu welchem er ein Tor im Viertelfinale gegen die SV Ried beitrug. Nebenbei erzielte er in der Liga auch drei Tore gegen Innsbruck, wo man sich schlagartig bewusst wurde, welches Talent und Torgefahr man hatte ziehen lassen müssen. Der Systemfehler war im System angekommen und zum Profi avanciert. Dies zeigte er auch bei seinen Stationen Wiener Neustadt, LASK und nunmehr Altach. Insgesamt drei Zweitligaaufstiege, 277 Bundesliga-Partien, 76 Tore in der höchsten Spielstufe und 73 (bei 139 Spielen) in der zweithöchsten, zwei internationale Treffer gegen Tel Aviv und Guimaraes – nur in das Nationalteam schaffte er es als vierter Aigner nach Rudolf, Franz und Ernst nicht. Aber das wird Hannes verschmerzen können, zeigt er doch aktuell, wie gefährlich ein 37jähriger mit Einjahresverträgen noch sein kann. Zwei Tore gegen Mattersburg, den Ausgleich zum ersten Altacher Punkt gegen Rapid, das alles in nur insgesamt 90 Minuten. Innsbruck kann da leicht ins Schwitzen kommen.

Error 9

Oder Christian Gebauer zum Beispiel. Wieder so ein Tiroler Bub, der sich ohne Akademie und Netzwerk eines großen Vereins nach oben gespielt hat. Gut, welche Akademie, könnte man fragen, aber das ist ein anderes Thema, stören sie nicht mit ihren frechen Einwürfen. Gebauer spielte zunächst beim SV Matrei, ab 7 Jahren dann bei Navis. Dort, wo Grundwehrdiener versuchen, nicht vom Rückstoß panzerknackender Munition versengt oder umgeworfen zu werden, dort avancierte der kleine Christian zum Mittelfeldspieler mit Torgefahr. Und mit noch etwas Lernbedarf im Spiel nach hinten, wie Hannes Aigner noch vor einem Jahr meinte. Mit 17 Jahren ging es zurück nach Matrei, dann zum Landesligisten Reichenau, mit welchem der Aufstieg in die Regionalliga knapp verpasst wurde. Die Innsbrucker mussten weiter in der vierten Leistungsstufe spielen, Gebauer selbst wurde nach Florian Jamnigs Abgang zum FC Wacker in die Kristallmetropole Wattens geholt. Und dort blühte Gebauer auf, wie es kaum jemand vermutet hätte. Der Rotschopf spielte mit seiner Geschwindigkeit die Gegner an der rechten Seite schwindlig und trug dadurch dazu bei, dass nicht nur er, sondern die ganze WSG in den Profibetrieb aufstieg. Die Saison 2016/17 bedeutete dann den endgültigen Durchbruch, 10 Tore und fünf Assists zeigen seine Offensiv-Gefahr, nur eine gelbe Karte in 36 Spielen seine Kontrolle im Zweikampf. Zum Lieblingsgegner erkor der Innsbruck Landler dabei die Stadtler aus, in vier Aufeinandertreffen traf er viermal in drei Spielen, im vierten gab er den Assist zum einzigen Tor der Partie. Damit wurde er nicht nur zum Held der Werksportler im Derby, er trug damit auch maßgeblich zum Klassenerhalt der Grün-Weißen bei, die lange am Abgrund baumelten. Auch bei Gebauer war in der zweiten Liga nicht Schluss, unter Klaus Schmidt durfte er in Altach nicht nur Bundesliga spielen, sondern auch für acht Spiele nach Europa. Gleich beim ersten Auftritt gegen den georgischen Vertreter Sachkhere kam der entscheidende Pass für Ngwat-Mahops Treffer von Christians Schuhspitze, erst vier Minuten hatte er da in Tiflis gespielt. Der Erfolg setzte sich, trotz schwieriger Anpassung an die höchste Liga, weiter fort. So sehr, dass Sturm Graz vor dieser Saison Gebauer an sich binden wollte.

Error – oder Erfolg?

Die Systemfehler scheinen zum Erfolgsmodell zu werden. Oder das System selbst Fehler zu haben, wie jede Struktur, die nicht Durchlässig für Quereinsteiger ist. Wenn man Bildung durch Zugangsbeschränkungen und Gebühren einengt, wenn sportliche Ausbildung Talente wie Aigner, Gebauer und viele, viele andere ausschließt, dann sind nicht die Sportler die Fehler, die das System durchbrechen. Vielleicht liegt dann der Fehler im System. Für Innsbruck ist das am Samstag aber einerlei, denn Schwarz-Grün muss punkten – ansonsten frisst sie ein anderes System. Das des Kaputtjammerns, das in Tirol ja so gerne gepflegt wird. Und man will ja nicht, dass schon wieder ein lautes Lachen über den Arlberg dringt...

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Stefan Weis Stefan Weis

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