b_350_1200_16777215_00_images_201819_Haxn_sta16.jpgTheothanatologie. Das ist griechisch, so wie der Blade mit den Peckerln, der damals beim Wiener Derby... Nein, das ist eine ganz andere Geschichte. Theothanatologie heißt die Lehre vom toten Gott, also dem Tod der Religion, dem Aufleben der Säkularisierung. Am Anfang davon steht das Sterben eines Unsterblichen – etwa so wie Rapid Wien derzeit. Die Grün-Weißen, Ursprung der Religion um Wien Penzing, röcheln seit einiger Zeit schon vor sich hin. Aber noch sind sie nicht tot...

 

„Zurück vom Ring!“

Die letzten Worte Hagens, bevor er sich in Richard Wagners vierten Teil der Nibelungen-Quälerei in die Fluten des Rhein wirft, sind wohl auch beim Rekordmeister der Wiener Liga schon einige Male gefallen. Denn der Ring, respektive der glänzende Teller, ist seit Jahren ein unerreichtes Ziel in Hütteldorf. Da braucht es schon die schicksalsbestimmenden Nornen aus dem ersten Akt, um sich an die glorreiche Vergangenheit zu erinnern. Drei Meistertitel in den letzten 30 Saisonen, da hat selbst Wacker Innsbruck mehr zu bieten. Bei dieser Schlagzahl müssten die Wiener 1699 gegründet worden sein, um auf die 32 vermeintlich gesamtösterreichischen Auszeichnungen zu kommen. Also dem Jahr, als Österreich sich gerade Kroatien einverleibte und Ungarn schnappte, der spanische Erbfolgekrieg seinen Ursprung nahm und Bengalen von den Engländern erobert wird. 320 Jahre später ist nicht nur das Leuchten bengalischer Feuer in den heimischen Stadien immer seltener geworden, weil ein paar fetzdepperte Griechen bei einem Derby in Wien... Na, lass ma das. Auch der Glanz Rapids hat Schaden genommen. Seit 10 Jahren kein Titel mehr, in der Jahrestabelle sogar hinter Salzburg, LASK und Sturm auf Augenhöhe mit Wolfsberg und Mattersburg liegend, in der laufenden Saison gar nur auf Rang 8 und einen Punkt vom 10. Platz entfernt, in der Qualifikationsgruppe, vulgo Abstiegsplayoff, um die letzte Chance kämpfend – Rapid hat in der Liga eine veritable Krise. In den letzten fünf Partien einen Sieg, aber drei Niederlagen, nur Altach und Admira schlechter, von einem Ring weit und breit keine Spur.

„Mit einem Satze in den brennenden Scheiterhaufen.“

Hagen wird von den Rheintöchtern im Fluss ertränkt, Brünnhilde wirft sich mit dem Leichnam ihres Siegfried ins Feuer, in einem hellen Feuerschein am Himmel sieht man das brennende Walhall. Hollywood-Ende hat Wagner seiner Opern-Reihe keines verpasst. Ganz so arg ist es in Penzing gerade nicht. Zwar kam es zu Protesten und Trainer Goran Djuricin wurde entlassen, von Rebellion, Revolution und Weltuntergang ist man aber weit entfernt. Eine Religion übt sich in Geduld, eine katholisch geprägte Gesellschaft weiß, man muss viel Leid hinnehmen, um letztendlich erlöst zu werden. Etwa die Saison 2018. Drei Niederlagen in Folge, vier Spiele ohne Sieg – das sind Serien, die in Wien wohl nicht einmal bei den Amateuren toleriert werden. Abseits des neuen Weststadions hat man in dieser Saison seit Juli nicht mehr gewonnen, zwei Unentschieden und vier Niederlagen lassen die Grün-Weißen schon zittern, wenn sie ihren Teambus besteigen. Dabei hat Rapid seine sportlich derzeit nicht argumentierbare Favoritenrolle noch nicht abgelegt. Die Ansprüche, spielbestimmende Mannschaft zu sein, zeigt sich etwa im Ballbesitz. Zu Hause mit 60% knapp hinter Salzburg zweiter, ist man auch auswärts mit 55,1% noch deutlich im positiven Bereich. Innsbruck, im Vergleich, weiß da um seine Spielstärke gut Bescheid, ist auf fremdem Terrain nur 40,1% (Schlusslicht der Liga) und selbst zu Hause nur in 48,1% der Fälle am Ball zu finden. Ballbesitz bedeutet aber nicht gleich Gefahr. 57% wies Rapid im letzten Spiel gegen den LASK auf, daraus resultierten aber laut Bundesliga nur 9 Torschüsse (gegen 17 bei den Linzern), und nicht zuletzt eine Niederlage. Denn geraten die Grün-Weißen in Rückstand, gibt es nur selten Punkte. Achtmal war dies bislang der Fall, ein einziges Remis konnte noch erkämpft werden. Das Kämpferherz des ursprünglichen Arbeitersportvereins scheint nicht mehr auszureichen, um zu reüssieren. Selbst die klassische Rapidviertelstunde, in der die Wiener ihre Konditionelle Überlegenheit ausspielen konnten, ist nur mehr Mythos und Legende einer angekratzten Religion. Drei Tore gab es bislang in der letzten Viertelstunde zu bejubeln, nur die Admira schoss noch weniger. Die Kurve zeigt nach unten, seit Runde sieben hat man sich im unteren Playoff festgesetzt. Und fast scheint es so, als wäre man dorthin gekommen, um zu bleiben. Fast.

Götterdämmerung

„Als die Götter von den Flammen gänzlich verhüllt sind, fällt der Vorhang.“ Mit dieser Szene, einem tauben Allerwertesten und eingeschlafenen Gliedmaßen endet Wagners Mammutprogramm. Ob die Götter jedoch wirklich sterben, das bleibt offen. Denn Phönix entstieg der Asche, Christus öffnete das Grab. Und Rapid? Zeigte unter dem neuen Trainingsleiter Didi Kühbauer, dass auch in Wien noch nicht alle Götter zu Grabe getragen worden sind. Auswärts reüssierte man, fast etwas Neues in dieser Saison. Ein Rückstand wurde aufgeholt, mehr noch, in einen Sieg verwandelt. Die Hütteldorfer damit wieder im Rennen um den Aufstieg in der Europa League. Und dass die beiden Treffer von Mert Müldür und Philipp Schobesberger gegen Spartak Moskau auch noch in der Rapid-Viertelstunde erfolgt sind, lässt hier geskripteten Kitsch vermuten. Kühbauer sieht den „Rapid-Geist“ schon wieder zurück in der Mannschaft. Den Geist, der Rapid zu einer Dauerkonstanten im österreichischen Fußball gemacht hat. Und das ist nicht der Geist eines Toten. Eher der heilige Geist einer Religion.

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Stefan Weis Stefan Weis

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