b_350_1200_16777215_00_images_201819_Haxn_sta24.jpgNoch neun Spiele bis zum Ende der Meisterschaft. Mit Rapid Wien kommt ein alter Bekannter nach Innsbruck. Ein alter Bekannter mit vielen Gesichtern. Rekordsieger und Krisenclub. Titelaspirant und Abstiegskämpfer. Ewige Konstante der Bundesliga – und dennoch dem Tod auch schon von der Schaufel gesprungen.

 

Doused in mud

Große Vergangenheit, mittelmäßige Gegenwart, das schrieben italienische Zeitungen über die Wiener nach der deutlichen Europa-League-Klatsche gegen Inter Mailand. Dabei hätte es auch sein können, dass sie gar keine Gegenwart mehr haben. Vor genau 25 Jahren, im April 1994, wurde die Welt vom Ableben Kurt Cobains geschockt. Das Mastermind von Nirvana und Türöffner für die große Verbreitung von Grunge in der damaligen Jugendkultur hatte sich das Leben genommen, Verzweiflung in der ohnehin schon recht orientierungslosen Generation X machte sich breit. Mit einer Krise einer ganz anderen Art beschäftigte man sich zeitgleich in Hütteldorf, die Auswirkungen auf das Gemüt des ohnehin grantigen und leicht depressiven Durchschnittswieners waren aber nicht weniger dramatisch. Anfang April standen der SK Rapid Wien und die Rapid Finanz AG vor dem Konkurs, nur eine Garantie der Bank Austria über 17 Millionen Schilling machten ein Insolvenzverfahren möglich, dass nach nicht mehr bedienbaren Schulden von mindestens 41 Millionen Schilling des Vereins sowie 48,4 Millionen Schilling der Finanz AG notwendig geworden war. Nicht einmal Wien hätte hier noch eine schene Leich gesehen. Dabei hat alles so vielversprechend angefangen. Um der Titel, die der neue Krösus am österreichischen Fußballhimmel, der FC Swarovski Tirol, sich schnappte, um dieser Titel wieder habhaft zu werden, wurden im September 1991 erstmals in der Alpenrepublik Fußballaktien ausgegeben. Diese sollten Geld in die klammen Kassen des ewigen Titelaspiranten spülen und damit ein Duell auf Augenhöhe ermöglichen. 60.000 Stammaktien wurden aufgelegt und um 1100 Schilling (10 Prozent über Nominale) ausgegeben. Für alle, die zu jung sind, um die Dimensionen zu verstehen: 73 Euro je Stück, die den Verein ein wirtschaftliches Handeln ermöglichen sollten, war man doch mit 29 Millionen verschuldet. Schilling, also 2,11 Millionen Euro. Summen, die heute nicht sonderlich dramatisch für einen Großclub klingen, damals aber existenzbedrohend waren. Es sollte aber ganz anders kommen für Rapid.

Soaked in bleach

Während in Innsbruck die Farbe wieder von blau-weiß zu schwarz-grün wechselte, wurde „kreidebleich“ Modefarbe im 14. Wiener Gemeindebezirk. Die von Skender Fani, Vorstand der Rapid AG, für das erste Geschäftsjahr prognostizierten vier Millionen Gewinn wollten sich nicht ganz einstellen. Ein Geldwäscheskandal, Kursverluste um mehr als 50% des Ausgabepreises, teure Fehleinkäufe, die unter Trainer Hans Krankl nur zu vier Spieleinsätzen kamen – Rapids Zukunft hing am seidenen Faden, sogar eine Fusion mit den Violetten vom Verteilerkreis wurde in Bankkreisen angedacht. Zwar konnte man mit den wertlos gewordenen Aktien nur noch sein Zimmer tapezieren, der Verein wurde aber gerettet. Und entstieg der Krise wie Phoenix aus der Asche. Unter dem neuen Trainer Ernst Dokupil wurde jungen Spielern eine Chance gegeben, Nachwuchskicker wie Zoran Barisic, Stefan Marasek oder Didi Kühbauer rockten die Liga, holten 1995 den Pokal nach St. Hanappi und zogen im Jahr darauf sogar ins Finale des Europacups der Cupsieger ein. Der Meistertitel war nur noch eine Zugabe. Innsbruck hatte sich parallel an Rapid ein Vorbild genommen. Nicht jedoch am Konzept, aus der Not eine Tugend zu machen und mit den heimischen Talenten die Liga zur rocken, sondern an dem der kreativen Finanzführung. Denn 1994, im Jahr der Rapid-Insolvenz, wurde Klaus Mair Präsident am Tivoli, holte Krankl unter die Nordkette, Skender Fani war sein Betreuer, der (wie auch Stögers Berater Meischberger) Boni und Ablösesummen lieber steuerschonend „bar aufs Handerl“ abwickelte. Der Anfang vom Ende, das die Marke FC Tirol untrennbar mit Betrug, Finanzskandalen und Steuerhinterziehungen verband und den langjährigen Gönner Gernot Langes, der sein Herz an das runde Leder verloren hatte, vom Tivoli vertrieb. Aber auch die Wiedergeburt des FC Wacker Innsbruck.

As a known enemy

Innsbruck kehrte zwar in die Bundesliga zurück, auf Augenhöhe mit Rapid Wien darf man sich aber nicht mehr fühlen, selbst wenn die Hütteldorfer mit einer veritablen Krise daran arbeiten, sich dorthin zu begeben. In den vergangenen 34 Spielen seit 2004 gingen die Schwarz-Grünen nur zweimal als Sieger vorm Platz, seit 11 Duellen gab es keinen vollen Erfolg mehr gegen den selbsternannten Rekordmeister. Für Rapid stellt dies selbst einen Rekord dar, gegen kein anderes aktuelles Bundesliga-Team hat man eine derart lange Erfolgsserie. Auf eine Ladehemmung der Wiener darf man auch nicht hoffen, in allen der letzten 12 Aufeinandertreffen mit Innsbruck durften die Grün-Weißen jubeln. Mehr noch, in den letzten 8 Auswärtsspielen am Tivoli blieb man nie torlos. Und auch die jüngere Vergangenheit schaut nicht mehr ganz so schlecht aus für Rapid. Nach dem Trainerwechsel zu Kühbauer hätten sich die Wiener bei nicht erfolgter Ligateilung knapp in die obere Hälfte geschummelt. Die Defensive wurde verbessert, die sechs unter Don Didi erreichten Siege waren stets zu Null, in den fünf Ligaspielen des Jahres 2019 musste Rapid nur vier Gegentreffer hinnehmen, halb so viele wie Innsbruck. Dass man gegen die Hütteldorfer aber auch Tore schießen kann, das zeigte nicht nur Inter Mailand, sondern auch Mattersburg, das in Runde 21 als Sieger vom Platz ging. Und: vieles bei Rapid ist nur lange vergangener Mythos. So auch die Kondition des Arbeitervereins, der zur Legende der Rapid-Viertelstunde führte. Im Winter lagen die Wiener in einer 2.-Halbzeit-Tabelle mit nur 15 Punkten aus 18 Spielen sogar hinter Innsbruck und nur an vorletzter Stelle, mit sechs Toren im zweiten Durchgang war man das deutlich am wenigsten erfolgreiche Team. Auch im neuen Jahr hat man Probleme nach der Pause, gegen Mattersburg verlor man das Spiel in Hälfte zwei, gegen Hartberg gab man einen Zwei-Tore-Vorsprung noch aus der Hand. Und wenn alle Offensivbemühungen des Gegners ohne Erfolg bleiben, greift man selbst noch ins Spiel ein: Rapid ist das Team mit den meisten Eigentoren der Liga. Come as you are, as you were, as I want you to be (https://www.youtube.com/watch?v=vabnZ9-ex7o)...

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Stefan Weis Stefan Weis

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