b_350_1200_16777215_00_images_201920_Haxn_sta8.jpgWenn die Sportvertreter des großen Limonadenherstellers anrufen, läuten bei Eltern talentierter Jungkicker alle Glocken. Der Bub in der Akademie? Dann kickt er sicher gleich bei Liefering, der Talenteschmiede der großen Bullen, und von dort aus geht es in Österreichs höchste Liga und dann in die große, weite Welt! Liefering ist der nächste Gegner der Nachwuchsballesterer von Wacker Innsbruck – aber sind sie auch das erhoffte Sprungbrett?

 

V for Victory

Keine Frage, vor den Toren der Landeshauptstadt unserer Nachbarn wurde ein Paradies für Nachwuchsförderung in die Landschaft gestellt. Eigentlich gelegt, denn von oben zeichnen die Gebäude ein V in die Sportplätze, als wolle man schon mit dem Gebäude das Siegeszeichen verankern. Rundherum: Teiche, Regenerationsflächen, zwei Eishallen und sechs Fußballplätze. Gut ein Dutzend Betreuer umsorgen über 100 Internatsschüler ab 14 Jahren, trainiert wird hier aber von allen Nachwuchsteams des Konzerns, ob Ballkicker oder Eishackler, in Summe rund 400 Spieler. Mit dem, was man in Tirol als Akademie kennengelernt hat, hat das ganze System recht wenig zu tun. Aus ganz Österreich und manchmal darüber hinaus werden Talente angekarrt, erhalten eine schulische Ausbildung bis zum Abschluss – auch wenn sie im sportlichen Bereich abfallen und nicht den Ansprüchen der Bullen genügen, erhalten Ernährungsberatung, Nachhilfe, durchgehend sportpsychologische Betreuung in Gruppen und auf Wunsch einzeln und werden in Eigenverantwortung geschult. Denn die Kinder müssen selbst über ihr Essen, die Zeit, ihren Lerneinsatz entscheiden, die private Wäsche selbst waschen, dürfen – oder müssen – über Inanspruchnahme von zusätzlichen Angeboten und Betreuungen selbst entscheiden. Der ausgelutschte Werbespruch des Geldgebers, der in Abänderung schon im alten Rom zu finden war und wohl auch schon früher, wird hier Wirklichkeit, weit weg vom Energydrink: man belebt Geist und Körper. Im September 2014 wurde diese Menschenschmiede in Betrieb genommen, ihr Bau erfolgte parallel mit dem Umbau im Salzburger Fußballunterbau. Im Juni 2012 wurde der USK Anif in FC Liefering umbenannt, die über 500 bisherigen Mitglieder traten aus und gründeten den FC Anif. Warum? Weil die damalige Amateurmannschaft der Bullen, die Juniors, nicht mehr für die zweithöchste Spielklasse spielberechtigt waren und sich RB nicht aufhalten lässt, nicht durch gesetzliche Reglementierungen noch durch finanzielle Limitierungen.

F wie Flügel?

Liefering ist also die Fortsetzung der Talenteschmiede, mehr noch, die Auslese der besten Akademiebesucher am Weg nach oben. Könnte man meinen, wenn man die Konstruktion auf dem Papier betrachtet. Doch der Zuckerlsafterlproduzent wäre nicht der Zuckerlsafterlproduzent, wenn er sich nicht ständig neu erfinden würde, um den Markt noch besser zu bespielen. Es gibt ja nicht nur Akademien an der Endstation der Linie 4 in Salzburg. Und es gibt ja nicht nur gute Spiele in den hauseigenen Schmieden in Afrika, Südamerika und sonstwo. Die Braut, in die man sich zuletzt verliebte und sie um teures Geld in der Höhe des Innsbrucker Wunschbudgets (wohlgemerkt für alle Spieler, Angestelten, Spieltagesbetrieb, Damenmannschaften, Nachwuchsteams, Marketing etc.) nach Österreich lotste, Erling Haaland, lernte das Kicken bei Bryne FK. Jener norwegischen Kleinstadt in der Größe von Lienz, die auch schon den ehmaligen GAKler Roger Nilsen und den ehemaligen Rapidler Ragnvald Soma hervorgebracht hat. Die Bullen blicken in die Welt. Und die Talente daheim? Vom ersten Kader aus der Saison 2012/2013, der 28 Spieler umfasste, haben nur wenige ihre Flügel ausgebreitet. Andre Ramlho kickt bei den großen Bullen, Stefan Laimer in Gladbach und Felix Adjei bei den Tiroler Kristallwelten. Der Letztgenannte zeigt die Grenzen. Sicherlich, ein Austrianer, ein Nürnberger, ein Kicker in Bukarest und eine Hand voll Zweit- und Drittligakicker sind auch dabei bei einem Kader, der damals noch neun Über-21-Jährige beinhaltete. Aber der große Sprung war nicht bei vielen dabei. Oder doch? Immer wieder finden sich Namen, die man kennt, ja, kennen muss. Alexander Schlager, der LASK-Torhüter, Stefan Peric, der WAC-Verteidiger, Valentino Lazaro, der den Sprung nach Italien gemacht hat, finden sich bei Liefering 2.0. Das dritte Jahr bietet nicht nur Alexander Joppich auf, der nun Schwarz-Grün trägt, sondern auch Konrad Laimer von Leipzig, Xaver Schlager von Wolfsburg, Hee-chan Hwang und Smail Pevljak von den großen Bullen. Dann zogen auch Caleta-Car, Samassekou, Okugawa, Wolf, Haidara, Daka, Szoboszlai, Camara und einige weitere das Leiberl der Lieferinger über. Sicherlich, deren Mitspieler haben oftmals nicht den Sprung geschafft und laufen nun für Schalding-Heining, Mannsdorf/Groß-Enzersdorf, Bürmos oder auch Wattens dem runden Leder nach. Aber wer hat erwartet, dass hier eine ganze Klasse in die Champions-League aufrückt?

W wie Wechsel

Für die Bullen hat sich das Investment ausgezahlt. Talente konnten an den Spitzensport herangeführt werden, Spielern aus der Ersten im Sinne der vermeintlichen „Kooperation“ eine Ruhephase gegönnt oder sie nach einer Regenerationsphase wieder in den Spielbetrieb integriert werden. Und die Lücke zwischen Regionalliga und Bundesliga wurde elegant geschlossen, zum Ärgernis der Mitbewerber, die oft nicht wissen, ob sie gegen die Youth-League-Finalisten, die angeschlagenen großen Bullen oder blauäugige Nachwuchskicker antreten, die die große Chance wittern. Und wie in jedem Jahr trifft man auf eine völlig neue Mannschaft, das Team wurde beinahe völlig ausgewechselt. 18 Abgängen stehen derzeit 8 Neuzugänge aus Österreich, Bosnien, Dänemark, Brasilien, Slowenien, den USA und Mali gegenüber. Zwei davon, David Affengruber und Amar Dedic, kommen direkt von der U18 der Akademie. Die beiden und all ihre Kollegen wollen nur das eine: den Weg gehen, den schon so manche „Salzburger“ Talente vor ihnen gegangen sind. Mannschaften wie Wacker Innsbruck sind dabei weniger Gegner als Sparring-Partner, befindet man sich doch im Dauertraining und Dauer-Scouting. Dieser unbändige Wille nach oben ist Gefahr für die Kontrahenten – aber auch Chance. Denn manchmal spielt hier nicht eine Mannschaft, sondern elf Spieler am Weg zum ganz persönlichen Glück. Und dann sind auch für jene, die sich im Training einen halben Kunstrasenplatz teilen müssen, ein paar Punkte drin.

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Stefan Weis Stefan Weis

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