b_350_1200_16777215_00_images_202021_Haxn_sta29.jpgEs geht um die Zukunft. Mehr noch, es geht um die Existenz. Um das weiterbestehen einer langen Tradition, um den Lebensinhalt, um die Identifikation einer ganzen Region. Und derzeit schaut es nicht gut aus. Man hat gepokert, abgestimmt – und wie es derzeit ausschaut, wohl mit einem Hasard-Spiel alles auf die falsche Karte gesetzt. Ah, sorry, ich spreche nicht von Innsbruck, das hätte man jetzt missverstehen können. Steyr und MAN war gemeint.

MAN

Man könnte jetzt einwerfen, dass dies Vorwärts ja nicht wirklich betreffe, immerhin ist der LKW-Fabrikant ja nicht Sponsor der Rothemden. Stimmt schon, aber MAN ist für Steyr mehr als nur einer unter vielen Arbeitgebern. Und das Endprodukt mehr als nur das Ergebnis der Brotarbeit. In Steyr identifiziert man sich mit den Schwerfahrzeugen, die vom Betriebsgelände rollen. Denn sie rollen schon seit über 100 Jahren. Wenn der Vater, der Großvater, ja bereits der Urgroßvater für eine Firma arbeitete, wenn Schwester und Bruder, Schwager und Schwägerin, ganze Großfamilien nur einen Beschäftigungsstandort kennen, dann hat ein Verlust eine vielfältige Auswirkung. Sämtliche Einkünfte einer ganzen sozialen Kleinstruktur von heute auf morgen dahin, alle von dem wiederinvestierten Geld Abhängigen, vom Bäcker, Friseur und Häuslbauer zum Freizeitdienstleister, ohne Einkünfte. Zusätzlich der unsanfte Stoß aus einem sicher geglaubten emotionalen Netz durch Verlust des Identifikationspunktes, den es seit Kaisers Zeiten gab. Und eine klaffende Wunde im Stadtbild. Wenn in einem Ort von 38.000 Einwohnern mit lediglich 26 km², eingezwängt zwischen Steyr und Enns, plötzlich 500.000 m² und 2.366 Mitarbeiter vor dem Nichts stehen, dann ist das eine Krise, die alles überstrahlt. Und auch Auswirkungen auf den Fußballverein hat. Denn nicht nur im Ostblock, nicht nur auf den Tribünen werden sich Betroffene finden, auch die vielen Kleinsponsoren werden den Einschnitt im Alltag zu spüren bekommen.

Es ist nicht die erste Krise, die Steyr durchlebt. Zuletzt etwa 1987, als das verworrene und gesättigte Firmenkonstrukt filetiert und einzeln verscherbelt wurde und vier Jahre später von 17.000 Beschäftigten nur noch 8.900 am Standort Steyr übriggeblieben waren. Zur selben Zeit war Vorwärts am Zenit, mit dem 7. Tabellenrang in Liga eins so gut platziert wie niemals zuvor – und auch nie mehr wieder. Denn während man nach außen im UI-Cup glänzte, waren die Kassen völlig geleert und der Liga-Alltag historisch: sechs Punkte und kein einziger Sieg in einer ganzen Saison. Etwas zeitversetzt mit dem Arbeitgeber der Region begann auch der Abstieg der Ballesterer.

Mann

Langsam und mühevoll hat sich die Vorwärts zurückgekämpft. Mit kleineren Gönnern, kleineren Brötchen und abermals dem Verkauf des Vereinsnamens - der schon schlimmere Zeiten erlebt hatte, als nämlich der stolze, rotweiße Sportklub in blau-weiß als SK Komm und Kauf Vorwärts Österreich Steyr auf das Feld gehen musste, wie ein Symbol für die Geschehnisse in der Industriestadt. Seit 2018 hält die Vorwärts einen Fuß in der Tür des Profigeschäfts, mal als Profiteur von Lizenzentzügen und Zwangsabstiegen, mal als sportliche Überraschung.

In dieser Saison ist es wohl wieder mehr das Glück, dass Steyr ruhig spielen lässt. Denn auch wenn der Abstand zu Platz 14 nur einen einzigen Punkt beträgt – ohne Absteiger ist die Spannung wohl etwas draußen. Und das ist auch gut so, denn es wären harte zwei Runden für die Oberösterreicher. Den Aufstiegsaspiranten Wacker im vorletzten Saisonspiel, und dann die jungen Violetten, den direkten Gegner, im kleinen, nun abgesagten Finale. Es heißt also durchatmen. Doppelt durchatmen. Denn derzeit kommt es in Steyr auf jeden einzelnen Mann an. Der Ausfall der Verteidiger Halbartschlager und Pasic: bitter, aber keine Tragödie. Die verletzungsbedingte Vorgabe des ersten und zweiten Torhüters, welche dem jungen Benedikt Tober ausgerechnet an seinem 19. Geburtstag das Zweitliga-Debüt gegen Dornbirn bescherte: ohne große Folgen für die Zukunft. Und auch die Gefahr, in der letzten Partie gegen die Violets mit Brandstätter, Martinovic, Halbartschlager, Hofstätter, Seiwald, Bilic und dem Freund eines jeden Scrabble-Spielers, Thomas Himmelfreundpointner, gleich auf sieben akut Gelb-gefährdete Spieler verzichten zu müssen – auch das kann man mit einem Lächeln nehmen. Vorwärts hat die Liga gehalten, sich für das kommende Jahr qualifiziert. Mehr zählt derzeit nicht.

Mannomann

Wer auch immer aufs Feld läuft, kann befreit aufspielen. Nach vier Niederlagen in den letzten fünf Spielen – u.a. gegen die Nicht-Aufsteiger Linz, Lafnitz und Liefering – wird von Steyr gegen Innsbruck nicht viel erwartet. Und gerade das kann zum Erfolg werden. Denn Innsbruck braucht zwei Siege, um zumindest sportlich zu reüssieren und die Relegation zu erreichen. Und das ist nicht der einzig spannende Schauplatz derzeit. Aber der einzige, der von den Spielern entschieden werden kann. Mannomann, langweilig wird es nie an der Sill.

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Stefan Weis Stefan Weis

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