b_350_1200_16777215_00_images_202223_Haxn_fenner.jpgNein, nicht die Fernsesehrie. Die hab ich nie verstanden. Lost, das bezog sich nicht nur auf den ungefähren Plot, der die Erlebnisse von Überlebenden eines Flugzeugabsturzes auf einer einsamen Insel beschrieb, sondern auf den Zustand der Zuschauer, die hin und wieder mal reinswitchten. Zwei Folgen ausgelassen, plötzlich eine völlig andere Story, kein Zusammenhang mit dem, was wenige Tage vorher noch als fix gegolten hat. Ein bisserl wie die Union in dieser Saison, deren Stärke die völlige Überraschung ist. In beide Richtungen.

 

Lost Games

Anfang August, da durfte man schon ein bisserl Angst haben um die Innsbrucker Nachbarn. Die stehen zwar als Verein sicher im Leben, am Platz standen sie aber auch ein bisserl zu viel. Und das, nachdem die Vorgeschichte ja so gut ausgesehen hatte. Ein Frühjahr, das es in sich hatte. 32 Punkte in der ersten Hälfte des Jahres 2022, ein breiter Kader, viel Freude im Training und am Platz. Die Mannen um Aleksandar Matic waren ein Versprechen für die Saison 22/23. Und waren dann völlig Lost. Lost am Trainingsplatz, als in der Vorbereitung der breite Kader im Urlaub war und nicht am grünen Rasen. Lost im Cup, als man sich gleich zu Beginn dem SV Thaur, dem Landesligisten, mit 3:1 geschlagen geben musste. Lost am Feld, und wie. 1:6 gegen St. Johann, 0:3 gegen Prutz, 2:8 gegen Mils. Das war dann auch dem Trainer zu viel, sechs Punkte aus sieben Spielen, 13:25 Tordifferenz. Matic machte von sich aus den Weg frei, die Union war führungslos. Da musste dann der Führungsspieler einspringen, der Kapitän und vereinsinterne Torschützenkönig, um als Nummer 10 auch noch den Trainerposten zu übernehmen. Die Gegend kennt er ja, er war in der Jugend der Union und bei Rum, beim IAC und für ein Jahr auch im Nachwuchs von Wacker. Kickte für Axams-Götzens und für wenige Wochen in Staad, ging nach Jenbach, Schwaz, in die Reichenau und Zirl, um mit 30 Jahren wieder bei der Union anzudocken, von der alles ausging. Jetzt darf er sie leiten, mit 32, am Platz als Kicker und neben dem Platz als Betreuer. Es läuft mal gar nicht so schlecht, zwischenzeitlich. Gut, die erste Partie nach dem Rücktritt von Matic endete mit einem 7:1 für Mayrhofen, aber dann gings auf, zusätzlich begünstigt durch die Auslosung. Die letzten vier Spiele hat die Union nicht verloren, hat 10 Punkte geholt und sich vom Tabellenende an Wacker angeschlichen. 13 Tore sind in diesen vier Spielen für die Blau-Weißen gefallen, der SVI im Stadtderby geschlagen. Jetzt geht es gegen Wacker, in der Woche darauf gegen den IAC. Am Ende steht die vorläufige Nummer 1 in Innsbruck mal fest.

Lost Places

Innsbruck kennenlernen, das kann man nicht nur mit den Stadtderbys, sondern auch den Vereinsgeschichten. Und begegnet dabei Lost Places, eigentlich wirklich untergegangene Orte und wunderschöne Alliterationen. Etwa Kooperationen katholischer Kampfmannschaften, das Kennedy-Kripp-Haus oder die spitzbübische Freude Südtiroler Eltern, die ihren auf dem Fennberg bei Salurn geborenen Sohn Franz Philipp Fenner nannten, der dann ein von Fenneberg wurde. Das erste, das war eine der vielen Kooperationen, welche die Fußballer der katholischen Jugend in ihrer Geschichte eingingen. Es gab eine SPG mit Natters und eine mit der Reichenau. Es gab eine Kooperation auf Nachwuchsebene und damit Geburtshilfe für den FC Wacker Innsbruck, als 1986 das glitzernde Swarovski dem Verein Farben und Name nahm, um mit der Lizenz und der Spielerlaubnis für den UEFA-Cup die Stadien zu rocken. Die Geburtshilfe zeigt sich in der ersten Mannschaft der Saison 1986/87, als in der 2. Klasse Mitte Herbert Lener, Günther Glieber, Herbert Siller, Günther Villgrattner, Thomas Blasinger, Michael Peer und Marion Höller von der Union zu Wacker wechselten, um gemeinsam mit Hans Eigenstiller, einer Hand voll Junioren und ein paar weiteren Spielern den Meistertitel einzufahren. 1986 war die Spielgemeinschaft Wacker/Union auf Juniorenebene bereits Tiroler Meister geworden, und Jugendarbeit, das war auch die Kernkompetenz der Union. Denn zu dieser Zeit war man in einer Spielgemeinschaft mit dem Jugendzentrum der Jesuiten, der MK, gleich drüben in der Sillgasse, im legendären Kennedy-Haus, das nach kircheninternen Konflikten über Konservativismus und offene, liberale Zugänge von Pater Kripp auch nach ihm benannt wurde. Die MK gibt es immer noch, so wie die Union, vom Kennedy-Haus ist nichts geblieben. Dort steht jetzt ein Wohnbau der Raiffeisen auf Grund, der 99 Jahre von den Jesuiten angemietet wurde. So geht Stadtentwicklung, auch auf der anderen Straßenseite.

Lost Space

Denn dort, gegenüber den Jesuiten, stand früher das Kloster der Servitinnen, gestifte von Anna Catharina Gonzaga. Ein Ort, der wunderbar zeigt, welche Themen zur entsprechenden Zeit wichtig waren. Denn kontemplative Orte brauchte es plötzlich nicht mehr, die Nonnen flogen raus, das Militär zog ein. Bis man kein Geld mehr für das Militär hatte, das Gebäude verfiel und die SoWi errichtet wurde. Und weil Wirtschaftsbildung, nicht Geistesbildung oder körperliche Ertüchtigung jetzt vorherrschend ist, soll auch der Fußballplatz der Union, der Sportplatz der ehemaligen Fenner-Kaserne, verkleinert werden, um das MCI erweitern zu können. Das Raseneck soll dabei in den Norden wandern, 90 Grad gedreht und ein Schmuckstück werden. Aber halt ziemlich klein. Wenn es denn passiert. Bis dahin geht’s noch zu den Baucontainern, zum Fenner-Areal. Solangs es noch gibt, denn die nächsten Ideen werden folgen, um wertvolles Bauland im Herzen von Innsbruck zu gewinnen. Und dann wird die nächste Geschichte verschwunden sein. Lost. Aber nicht vergessen.

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Stefan Weis Stefan Weis

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