tivoli12 - das schwarz-grüne magazin

Ausgabe: 02. Juni 2021

Christoph Geiler

Chaos bei Wacker Innsbruck: "Unser Geldgeber tut wie ein Diktator"

Das Tischtuch zwischen dem FC Wacker und dem Hamburger Investor ist zerrissen. Wie kommt der Klub aus dieser Nummer heil heraus?

Am 6. April erhielt Wacker-Präsident Joachim Jamnig eine Nachricht von Matthias Siems. Die Botschaft des Investors aus Hamburg war unmissverständlich: "Rücktritt oder Insolvenz, bitte entscheidet selbst". Entweder Jamnig würde freiwillig den Vorstandsposten räumen, oder der Traditionsverein würde in die Pleite geschickt.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Vorstände von Wacker Innsbruck noch geglaubt und gehofft, dass sie die richtige Wahl getroffen hätten, als sie im März 2020 Matthias Siems als "finanzstarken Partner" mit an Bord geholt hatten. 15 Monate nach der Präsentation des Geldgebers ist die große Euphorie aber längst blankem Entsetzen und riesiger Ernüchterung gewichen.

"Wir möchten uns bei den Fans und Mitgliedern des FC Wacker Innsbruck entschuldigen", sagte Felix Kozubek am Dienstag im Namen des gesamten Vorstandes. "Wir haben leider einen Investor an Bord geholt, der seit einem Jahr nicht pünktlich, nicht vollständig und nicht ausreichend bezahlt und damit seinen Verpflichtungen nicht nachkommt."

Die Beziehung zwischen dem Wacker-Vorstand und Investor Matthias Siems, sofern sie überhaupt jemals eine solche war, ist am Ende. Nicht nur Präsident Joachim Jamnig scheint in den vergangenen Wochen zur Einsicht gekommen zu sein: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. "Das Tischtuch ist zerrissen. Es ist keine Option, mit dem Investor zusammenzuarbeiten." Nachsatz: "Wir werden ihm den Abgang aber nicht einfach machen."

War also alles nur ein Luftschloss? Wie geht's jetzt mit dem FC Wacker weiter? Kommen die Innsbrucker aus dieser Nummer wieder heraus? Und wenn ja wie?

Der KURIER versucht die brennendsten Fragen rund um den Traditionsverein zu beantworten.

Wie groß sind die Außenstände des Investors mit Stichtag 1.Juni?

Ein hoher sechsstelliger Betrag sei ausständig, heißt es seitens des Vereins. In den vergangenen beiden Monaten konnten die Gehälter für die Spieler und Angestellten deshalb nur mit Verspätung ausgezahlt werden. "Seit mehreren Monaten werden die vertraglich fixierten Leistungen, seitens des Investors, nicht mehr in voller Höhe und Umfang geleistet, was den Verein und seine Tochtergesellschaften in finanzielle Schwierigkeiten gebracht hat."

Allein Lieferanten warten auf Gelder in Höhe von knapp 200.000 Euro. Vorstandssprecher Felix Kozubek berichtete in der Pressekonferenz von einer Sitzung mit dem Deutschen. "Glaubt ihr, mich interessiert es, ob die Mitarbeiter ihr Gehalt pünktlich bekommen", soll er demnach gesagt haben.

Seit wann gibt's Differenzen und Probleme mit den Zahlungen?

In den ersten Monaten waren die vereinbarten Gelder noch pünktlich auf dem Vereinskonto gelandet. Doch mit Fortdauer wurden die Zahlungen immer wieder an Bedingungen, wie etwa den Rücktritt von Präsident Jamnig oder die Bestellung der drei Geschäftsführer Dennis Aogo sowie Jens und Dennis Duve, geknüpft. "Auch die Bestellung von drei Geschäftsführern – auf Wunsch des Investors – hat zu keiner Verbesserung der Zahlungsmoral geführt", monieren die Vorstände.

Was plant nun der Wacker-Vorstand?

Der Vorstand bietet Matthias Siems den Rücktritt an, wenn dieser seinen Zahlungen nachkommt, zu denen er sich vertraglich verpflichtet hat. Das beeinhaltet neben den Geldern für zwei weitere Saisonen auch die Finanzierung des Trainingszentrums. Ein entsprechendes Schreiben hat der Anwalt des Hamburgers bereits erhalten. Insgesamt geht es dabei um eine Summe im zweistelligen Millionenbereich. Altpräsident Gerhard Stocker sagt: "Wir haben geglaubt, wir haben den Richtigen an Bord geholt. Ein fieseres Spiel habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Unser Geldgeber tut wie ein Diktator."

Warum hat der Vorstand die drei Geschäftsführer abberufen?

Seit Montag sind Dennis Aogo, Jens und Dennis Duve nicht mehr Geschäftsführer der FC Wacker GmbH. Der Vorstand sah sich aus mehreren Gründen zu dieser Maßnahme gezwungen. Der Verein war zuletzt nicht mehr handlungsfähig, weil Geschäftsführer und Vorstand praktisch nur mehr schriftlich oder gar via Anwälte miteinander verkehrten. Dazu herrschte bei den Vorständen die Sorge, der Investor bereite seine persönliche Exit-Strategie vor.

"Die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens über die FC Wacker Innsbruck GmbH würde dem Investor den sofortigen Ausstieg aus dem Investitionsvertrag ermöglichen. Da in den letzten Wochen längst überfällige Rechnungen von Lieferanten nicht beglichen wurden, war Gefahr in Verzug, dass eine mögliche Insolvenz schlagend geworden wäre", heißt es seitens des Vereins.

Wer ist Matthias Siems?

Mittlerweile würden die Verantwortlichen bei Wacker Innsbruck auch gerne wissen, auf wen sie sich da eingelassen haben. Bei seiner Präsentation wurde er als Spross einer alteingesessenen und vermögenden Hamburger Kaufmannsfamilie vorgestellt. Im Internet ist über diesen Matthias Siems erstaunlicherweise nichts zu finden. „Wir sind auch aktiv dahinter, uns zu verstecken“, sagte er im April im Gespräch mit dem KURIER, bei dem er nicht fotografiert werden wollte.

Der FC Wacker ließ Matthias Siems seinerzeit sogar durch das Innenministerium prüfen und holte bei Banken Auskunft über die Bonität des Hamburgers ein. Präsident Jamnig zuckt mit den Achseln: "Du kannst die Leute nicht menschlich und nach ihrem Charakter überprüfen." Laut KURIER-Informationen ist Siems übrigens nicht der vollständige Name des Investors.

Hat der FC Wacker einen Vertrag mit Matthias Siems abgeschlossen?

Die Zahlungen seien für drei Jahre fixiert, also bis Abschluss der Saison 2022/'23. Auch über die Errichtung und Finanzierung eines Trainingszentrum gebe es eine schriftliche Vereinbarung, heißt es seitens des Klubs. Es gibt einen Vertrag mit der TARU Family Holding Trust GmbH mit Sitz in Hamburg. Als Geschäftsführerin fungiert offiziell eine gewisse Arezu Tarrahi, laut Auskunft der Wacker-Vorstände die Frau von Matthias Siems. "Wir werden das Geld auf jeden Fall einklagen", versichert Präsident Jamnig.

Wie trat Siems in Innsbruck auf?

Der Hamburger ist in Innsbruck mittlerweile stadtbekannt. Er hatte Treffen mit dem Bürgermeister und anderen hochrangigen Lokalpolitikern, denen er vor allem seine Infrastrukturpläne (neues Stadion, Wohnungen) präsentierte. Augenzeugen beschreiben den Norddeutschen als "sehr bestimmend". Das geht auch aus Gesprächsprotokollen vor, die Vorstandssprecher Felix Kozubek am Dienstag vorlas. "Dann drehe ich den Schlüssel um, kaufe mir eben einen anderen Verein und schreibe das Investment ab."

Wie sehr mischte sich der Investor ein?

Immer wieder wurde Matthias Siems mit seinen Wünschen vorstellig. Mal wollte er ein Vorstandsmitglied, das ihm offenbar nicht zu Gesicht stand, entlassen - was die Statuten übrigens nicht erlauben - mal wünschte er, dass Udo Lindenberg die neue Hymne singt. Ein anderes Mal trug er auf, den Ausrüstervertrag mit Macron vorzeitig zu kündigen und mit der Saison 2021/'22 zu einem neuen Partner (Nike) zu wechseln. Wegen des vorzeitigen Aufkündigens des Ausrüsters wurde eine Pönale von 200.000 Euro fällig, die bis Ende Mai zu bezahlen gewesen wäre. Stand 31.5. war das Geld noch nicht überwiesen.

Was hat es mit den Vorwürfen der Ex-Geschäftsführer auf sich?

Die drei Geschäftsführer, die mittlerweile abberufen wurden, wollen finanzielle Unregelmäßigkeiten im fünfstelligen Bereich ausgemacht haben. Die Wacker-Vorstände wehren sich dagegen und lassen die Finanzen von einem unabhängigen Wirtschaftsprüfer kontrollieren. "Wir stehen für Transparenz", sagt Präsident Jamnig. Die Vorstände behalten sich rechtliche Schritte wegen Rufschädigung vor. Ein weiterer Grund für die Abbestellung: Die Geschäftsführer hätten nicht im Sinne des Vereins, sondern im Auftrag des Investors gehandelt. Wenige Stunden nach der Trennung trudelten übrigens Hotelrechnungen von Aogo und Jens Duve beim Verein ein.

Wie reagieren die ehemaligen Geschäftsführer?

Dennis Aogo und Jens Duve meldeten sich am Dienstag mit einer Presseaussendung zu Wort. Sie sprechen inzwischen nur mehr als "Vertreter des Investors". Auf die fehlenden Zahlungen und die Differenzen zwischen dem Vorstand und dem Investor gingen sie dabei freilich nicht ein. "An voller Transparenz, an voller Aufklärung geht kein Weg vorbei. Deshalb freuen wir uns, dass unabhängige Wirtschaftsprüfer alles durchleuchten. Bei der GmbH und dem Verein", wird Aogo zitiert, der zudem festhalten will: "Wir haben niemanden persönlich beschuldigt oder angeklagt."

Jens Duve pocht derweil darauf, schnell die Vorstandsfrage zu klären."Eine außerordentliche Mitgliederversammlung, wo die Mitglieder einen neuen Vorstand wählen können, dem sie den nächsten großen Schritt zutrauen, ist wohl für alle das Beste. Aber es geht auch darum jetzt wieder schnell arbeitsfähig zu werden. Uns - und auch dem Investor - geht es um Wacker. Wir müssen handlungsfähig werden. Wacker so aufzustellen, dass wir nicht nur konkurrenzfähig sind, sondern voll angreifen können. Deshalb hoffen wir, dass die Dinge schnell besprochen und gelöst werden.“

Wie kann's jetzt mit dem Verein weitergehen?

Der FC Wacker skizzierte am Dienstag drei Szenarien. 1. "Der Investor kommt seinen Verpflichtungen nach und beweist, dass er es mit dem FC Wacker Innsbruck ernst meint". Das erscheint mittlerweile eher unwahrscheinlich. 2. "Es finden sich alternative Partner. Sollte dies nicht zeitnahe möglich sein, braucht es eine Überbrückungsfinanzierung". Schwer vorstellbar, dass sich in der Kürze der Zeit ein neuer strategischer Partner finden lässt. Es stellt sich nach den jüngsten Erfahrungen auch die Frage, ob das so klug ist.

Das dritte Szenario erscheint im Moment am realistischsten: Das Budget muss drastisch gekürzt werden und der Verein, wie nach dem Abstieg, gesundschrumpfen. "Das wird schwierig", sagt Alfred Hörtnagl. Altpräsident Gerhard Stocker hat dem Verein bereits seine Unterstützung zugesichert. Er ist optimistisch, dass der FC Wacker auch diese Krise meistern wird. "Da hatten wir in den letzten knapp 20 Jahren schon größere Herausforderungen."