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Ausgabe: 15. April 2021

Florian Madl

„Als Investor will ich irgendwann überflüssig sein“

Vor eine Kamera oder ein Mikrofon treten will der Wacker-Investor Matthias Siems nicht. Aber die Ziele des Hamburgers sind im TT-Interview ebenso hochtrabend wie vielversprechend.

Sie gaben bislang keine Interviews, Ihr Name wurde vom Verein unter Verschluss gehalten. Was bewog Sie dazu?

Siems: Das ist einfach: Wenn Sie als Investor arbeiten, haben Sie zehn Projekte. Fünf, die gut laufen, und wenn Sie mit denen in der Presse stehen, ist das wunderbar. Aber es ist normal, dass andere weniger gut laufen. Und wenn Sie dann zwei Jahre schlechte Projekte hatten, haben Sie eine schlechte Presse. Versuchen Sie dann einmal jemand zu überzeugen, dass Sie der richtige Investor sind ...

Natürlich fragt sich die Öffentlichkeit: Warum gehen Sie gerade nach Tirol?

Siems: Ich wollte mich im Sport engagieren. Mein Vertrauter Jens Duve (Ex-Fußballprofi, Anm.) nahm mich mit nach Tirol, hier lernte ich als Kind schon Ski fahren, zweimal jährlich waren wir da im Urlaub. Ich habe den Bezug zu Tirol, da fließt positive Energie. Dann lernte ich Joachim Jamnig (Wacker-Präsident, Anm.) und Co. kennen, die hatten Feuer in den Augen. Die wollten für den Klub Sicherheit und Stabilität und hatten den Traum von der Bundesliga.

Und Sie stiegen prompt als Sponsor ein ...

Siems: Das war mir einen Tick zu einfach. Ich glaube, das Schönste ist es, wenn man als Investor irgendwann überflüssig ist, dass das Projekt selbst so viel verdient, dass man nicht gebraucht wird. Somit hatte ich den Vorschlag, dass man Sport mit Infrastruktur und Geschäftsfeldern kombiniert.

Was heißt das?

Siems: Ich will, dass der Fußball aus sich herauswächst, dass der Verein Sponsoring betreibt, um in der Bundesliga ein gesunder Klub zu sein, der keine Angst vor Lizenz-Einreichung hat. Wir wollen aber der Realität treu bleiben und nicht glauben, wir könnten Champions League spielen. Wir wollen eine Entwicklung vom Sportverein zum Unternehmen.

Wo liegt der Mehrwert für Sie, einen Zweitligisten zu übernehmen?

Siems: Ich möchte beweisen, dass sich ein Verein selbst tragen kann, wenn man eine clevere Strategie hat. Die Infrastrukturprojekte, die beeinflussen das Einkommen des Vereins. Und ich werde auch beweisen, dass man mit E-Sport so viel verdienen kann, um einen Bundesliga-Klub in Ruhe finanzieren zu können.

Sprechen wir über Stadtteilentwicklung. Was schwebt Ihnen vor?

Siems: Mein Auftrag ist das Sportunternehmen, der Verein ist ein Teil davon, das Infrastrukturprojekt ist gesondert zu betrachten. Zunächst soll das Trainingszentrum für den Leistungsfußball (ab der Altersklasse U15, Anm.) kommen.

Und wo?

Siems: Es gibt mehrere Möglichkeiten, das wird gerade überprüft, wir hoffen auf schnelles Feedback (kolportiert werden Rum und Kematen, Anm.). Spätestens in vier Wochen soll eine Entscheidung getroffen sein.

Ist damit das Projekt in Mieming vom Tisch?

Siems: Es gab eine rege Diskussion im Vorstand, um mit dem Trainingszentrum dichter an Innsbruck zu kommen. Mieming ist wunderschön, aber hier muss es erlaubt sein, über Alternativen nachzudenken.

Sie planen rund um das Stadion einen Riesenkomplex.

Siems: Ich habe gelernt, dass Holz in Tirol eine enorme Bedeutung hat und Innsbruck fast eine der Holzhandelshauptstädte Europas ist. Für das Stadion und die 1000 Studentenappartements soll Holz ein elementarer Bestandteil sein. Wir wollen rund ums Tivoli aber mehr: Unterhaltung für Kinder, Abenteuerland, Arztpraxen, Shopping. Die Variante (siehe Visualisierung, Anm.) geht übrigens auch spiegelverkehrt.

Ein Projekt, das 600 Millionen Euro verschlingt.

Siems: Moment! 588 Mio. Euro, haben wir errechnet, wären die Kapazität, die mehrere Geschäftspartner in zehn Jahren als Gesamtinvestment aufbringen. Die Wertschöpfung soll in Tirol bleiben, wir wollen mit lokalen Wohnungsbaugesellschaften, lokalen Unternehmen zusammenarbeiten. Wir wollen aus lokaler Kraft Projekte stärken, nicht aus Deutschland. Aus Tirol für Tirol, dann kann so etwas funktionieren.

Gibt es dafür einen Zeitrahmen?

Siems: Ich bin an schneller Umsetzung interessiert, wir wollen nicht nur reden, sondern handeln. Aber die Möglichkeiten der Politik sind nicht unbegrenzt. Wir wollen keine Fördergelder und Subventionen. Aber wir fragten etwa: Könnt ihr uns nicht Land geben, das wir mieten oder pachten, oder ein Baurecht? Mittlerweile sind wir an einem Punkt, an dem wir fragen: Wie viel kostet das Areal rund ums Stadion? - und machen dann vielleicht ein Kaufangebot, um die Stadt zu entlasten.

Wer soll in den Wohnungen ein Zuhause finden?

Siems: Was braucht Innsbruck? Günstigen Wohnraum, u. a. für Studenten. Der muss nicht hochpreisig sein, wir denken an 9 Euro/Quadratmeter Mietpreis. Das wäre eine Art soziales Wohnen für Studenten. Und wenn wir clever kalkulieren, wäre das möglich. Wir verdienen nicht über Mieten, die sollen nur Break-even ermöglichen.

Ihr Anliegen betrifft also die Gesamtentwicklung, nicht allein den Verein.

Siems: Der Verein ist der Grund, warum ich hier bin, aber er ist nur ein Teil des Ganzen. Es war nicht mein Ansinnen, als Sponsor oder Mäzen eines Fußballklubs aktiv zu werden, das finde ich langweilig, das ist auch keine Herausforderung. Denn was ist der Schlüssel für Erfolg dort: Portemonnaie geht auf, Kader wird stärker, Portemonnaie geht zu, Kader schlechter. Wer für Geld kommt, geht auch für Geld.

Gab es schon ein Gespräch mit Landeshauptmann Günther Platter?

Siems: Das war ein Kennenlern-Gespräch und ich hatte das Gefühl, dass er sportbegeistert ist und alles in seiner Macht Stehende tun würde, um uns zu unterstützen.

Wie ist Ihr Eindruck von der Gesprächsbasis mit Stadt und Land?

Siems: Ich bin naiv, Optimist, und ich glaube: gut. Aber es ist mein erstes Mal, dass ich Geschäfte mit einer Stadt machen will. Viele werden sagen: Der soll sich die Hörner abstoßen, aber ich setze meiner Energie darauf, etwas für die Zukunft zu gestalten.

Sie versprühen Energie. Wann sollen die Bagger fürs Trainingszentrum rollen?

Siems: Im Dezember dieses Jahres, die Planung fürs Stadion läuft auch. 2023 soll es losgehen.

Zuletzt war von internen Spannungen zwischen Ihnen und dem Vereinsvorstand die Rede.

Siems: Nicht alle werden immer gelobt, das ist klar. Aber am Ende kommen wir immer zu dem Punkt, dass das Team das richtige ist und wir gemeinsam den Weg gehen.

Sie halten also am Vorstandsteam fest.

Siems: Ich bin kein Mensch, der kommt, Leute einstellt und rauswirft. Natürlich knistert es in Diskussionen mal, das ist normal, aber das Team ist aus meiner Sicht das richtige.

Und wie sehr streben Sie nach dem Bundesliga-Aufstieg des FC Wacker?

Siems: Ich habe nie gesagt: Wir müssen heuer aufsteigen. Ich habe, um ehrlich zu sein, zu wenig Ahnung vom Fußball. Ich bin ein Fan, schaue mir das gerne an, aber ich bin kein Experte. Als ich hier gestartet bin, hat man mir gesagt: Der aktuelle Kader ist nicht in der Lage aufzusteigen. Das habe ich angenommen, weil ich gesagt habe: Leute, wir sprechen bei diesem Projekt über einen Zeitraum von acht bis zwölf Jahren. Wir haben in aller Ruhe Zeit, die Mannschaft so aufzubauen, dass wir nicht gleich wieder absteigen müssen. Das würde mir wehtun als Fan.

Was sind die nächsten Schritte?

Siems: Wir versuchen, eine Handschrift ins Team zu bekommen. Eine Kombination aus jungen Österreichern, ergänzt durch erfahrene Spieler. Dann wollen wir zusehen, dass wir einen Kader haben, der bestehen kann.

Darf man heuer aufsteigen?

Siems: Es ist ja skurril, dass man als Vierter noch aufsteigen kann, sind wir ehrlich. Das ist ja nicht ganz normal. Wir freuen uns, wenn es klappt, müssen aber auch das Risiko abwägen: Ist der Kader bereit, die höchste Liga zu halten, oder sollen wir uns lieber in aller Ruhe vorbereiten?

Wollen Sie spätestens nächste Saison rauf?

Siems: Nächstes Jahr ja.

Was ist eigentlich Ihr Lieblingsklub?

Siems: Atlético Madrid, weil die immer die Großen ärgern. Ich finde aber auch Liverpool mit Klopp gut. Die spielen in den letzten Jahren einen Klassefußball. In Deutschland halte ich mich zurück, weil ich in vielen Städten beruflich engagiert bin, da bin ich neutral (lacht).

E-Sport gilt als eines Ihrer Kernprojekte. Sie wollen eine gute Wacker-Mannschaft auf virtueller Ebene, eine Akademie ...

Siems: Ich habe mit vier deutschen Bundesliga-Klubs einen Vorvertrag. Sobald die erste Akademie in Innsbruck steht, werden die uns beauftragen, auch bei ihnen so was zu bauen. Die Vereine wissen um die Bedeutung des E-Sports, haben aber alle nicht Ressourcen oder richtige Leute. Innsbruck könnte das Pilotprojekt sein.

Bereits jetzt ist der FC Wacker umtriebig auf dem Gebiet des Gamings.

Siems: Wir geben noch einmal etwas mehr Gas. Wir sind aufgestiegen mit einigen Mannschaften, das kann sich sehen lassen, und das mit bescheidenen Mitteln. Jetzt wollen wir einen draufsetzen, suchen eine Zentrale in Innsbruck, ein schönes Gebäude, eine kleine Fantasy-Welt, wo Kinder zum Spielen und Trainieren kommen, vielleicht für Zuschauer.

Sie wollen ein Zentrum aufbauen.

Siems: Die erste Akademie mit einem Internat für Kinder, das erste dieser Art auf der Welt. Das in Kombination mit dem Verein wäre toll.

Wer darf dort trainieren?

Siems: Die Kinder sollen auf ihr Talent geprüft werden, die besten bekommen ein Stipendium. Wir wollen aber noch eins draufsetzen: Leistung und Bildung verbinden, mit Internat und Schule, am Nachmittag mit E-Sport-Training. Unser Ziel sind 25 bis 28 Kinder zwischen 12 und 16 Jahren. Wir haben einen internationalen Ansatz, haben aber Pflichtplätze für Tiroler. Da werden viele Bewerbungen kommen ...

Was begeistert Sie am virtuellen Sport?

Siems: Es existiert keine Grenze der Entwicklung, im analogen Sport ist das Budget die natürliche Grenze.

Und mit E-Sport soll das Analoge getragen werden?

Siems: Ein Champions-League-Finale sehen 300 Mio. Zuschauer, ein NFL-Finale 800, ein Finale im "Fortnite" (E-Sport, Anm.) 1,5 Mrd. Zuschauer. Stellen Sie sich vor, Sie spielen in diesen Regionen mit: Da hätten Sie ganz andere Sponsoring-Möglichkeiten. Versicherer haben z. B. das Problem, junges Publikum zu erreichen. Über E-Sport erreichen Sie junge Leute mit Bezug zu Marken. Das bauen wir auf, um das den Partnern anbieten zu können.

Die Idee ist langfristig, Sie investieren nie unter acht Jahren Laufzeit.

Siems: Wir wären der erste Verein, der es geschafft hätte. Glauben Sie mir: Ich erlebte nie, dass ein Markt so schnell und so machtvoll sein kann.

Spielen Sie selbst?

Siems: Nein, früher war ich wochenendbegeistert, aber ich wollte dann doch lieber raus ins Freie.

Glauben Sie mit diesem Hintergrund nicht, dass man mit E-Sport auch Bewegungsarmut im Nachwuchs fördert?

Siems: Ich würde Sie einladen, in ein E-Sport-Leistungszentrum zu kommen. Dort trainieren die Leute sechs bis acht Stunden täglich, haben Ernährungstrainer, Fitnesscoaches, Physiotherapie, müssen kochen lernen, bekommen Strategietraining. Das Ganze ist professionell aufgesetzt, aber das bekommt keiner mit. Das hat nichts mehr mit "Chips-Tüte und Cola trinken" zu tun.

Sie haben viele Visionen. Was passiert, wenn etwa das Stadionprojekt scheitert?

Siems: Dann bleiben immer noch Trainingszentrum und E-Sport und das Stadion bleibt, wie es ist. Aber wenn ich eines nicht gerne tue, dann ist es aufgeben. Ich wäre nicht beleidigt, das Gesamtprojekt hängt nicht einzig und allein am Stadionprojekt.