In Linz beginnt´s
Eigentlich hätte man schon bei der Anreise merken können, dass das kein gewöhnlicher Freitagabend werden würde. Ein Geisterfahrer sorgte in Tirol für Aufregung. Und als wäre das noch nicht kurios genug, vermeldete der Verkehrsfunk auf einer deutschen Autobahn tatsächlich einen Rollstuhlfahrer. Willkommen zurück im Abenteuer Auswärtsfahrt!
1457 Tage waren vergangen, seit der FC Wacker Innsbruck zuletzt zu einem Auswärtsspiel in der 2. Liga unterwegs war. Damals verloren sich gerade einmal rund 60 Wackerianer in St. Pölten. Und jetzt? Schwarz-Grün, wohin man schaute. 560 Karten für den Gästesektor waren vergriffen, weitere 200 Tickets wurden für Wacker-Fans hinterlegt. Mindestens 760 Schwarz-Grüne begleiteten ihre Mannschaft damit nach Linz. Nach Insolvenz der Profi-GmbH, Tiroler Liga, Regionalliga Tirol, Regionalliga West und drei Aufstiegen in Folge waren wir wieder da.
Ein Schmuckkästchen mit großem Preisschild
Der neue Donaupark ist schon eine eigenwillige Erscheinung. Das Spielfeld liegt gewissermaßen im zweiten Obergeschoss über einem Möbelhauslager, direkt an der Donau. Auf den ersten Blick tatsächlich ein kleines Schmuckkästchen. Auf den Zweiten relativiert sich manches. Auch der Rasen sah von weitem wunderbar aus, entpuppte sich aus der Nähe stellenweise aber als ziemlich holpriges Geläuf. Da hatte man schon fast Heimatgefühle – das Tivoli lässt grüßen. Und auch die Entstehungsgeschichte des 2023 eröffneten Stadions bekam mittlerweile einige Kratzer ab. Der Rechnungshof nahm den Neubau genau unter die Lupe. Insgesamt wurden für das Stadionprojekt, Grundstücke und Infrastruktur 59,9 Millionen Euro investiert. Kritisiert wurden unter anderem eine fehlende umfassende Kosten-Nutzen-Analyse, mangelnde Information des Linzer Gemeinderates sowie Mängel bei Kostenkontrolle und Abrechnung. Ein Schmuckkästchen also – aber eines, bei dem der Kassenzettel offenbar etwas länger wurde.
Wenn der Fuchs im Hühnerstall umgeht
Beide Fanlager eröffneten den Abend mit beeindruckenden Choreografien. Blau-Weiß auf der einen, Schwarz-Grün auf der anderen Seite. Zwei Kurven, zwei Farbwelten und eine Kulisse, wegen der man solche Auswärtsfahrten macht. Zum Fotografieren hatte ich mir allerdings einen Standort ausgesucht, der sich innerhalb weniger Augenblicke als eher suboptimal herausstellen sollte. Die Kinder, die zuvor den Bundesliga-Banner gehalten hatten, stürmten plötzlich auf unsere Seite. Hinter mir rückte die Polizei auf. Fotografen drängten sich durch den viel zu engen Gang zwischen Tribüne und elektrischen Werbebanden, während die Techniker der digitalen Werbebanden einen Riesenstress hatten, diese irgendwie zu schließen.

Ich musste unweigerlich an meine Kindheit am Bergbauernhof denken. An den Hühnerstall und daran, was dort los war, wenn der Fuchs umging. Ungefähr so muss es ausgesehen haben. Zum ersten Mal in meiner langen Fotografenzeit musste ich tatsächlich die Ellbogentechnik auspacken.
Willkommen im Profifußball
Auf dem Rasen wurde relativ schnell deutlich, warum Blau-Weiß Linz als großer Aufstiegsfavorit gehandelt wird. Wacker versteckte sich keineswegs, versuchte mitzuspielen und hatte seine Möglichkeiten. Doch genau in solchen Spielen zeigt sich, was Profifußball bedeutet: Fehler werden nicht mehr verziehen. Im Gegenteil: Sie werden sofort bestraft. Nach einem Ballverlust im Mittelfeld und einer verunglückten Abwehraktion, traf Dario Kreiker in der 35. Minute zum 1:0. Kurz vor der Pause hatte Wacker die große Möglichkeit zum Ausgleich, doch beinahe im Gegenzug stand es 2:0. Wieder eine Abwehraktion, die so im Profifußball nichts zu suchen hat (Kopfball im eigenen Strafraum zur Mitte), und sofort bestraft wurde. Das tat weh. Blau-Weiß war in den entscheidenden Momenten abgeklärter, cleverer und konsequenter.
Nach der Pause versuchte Trainer Sebastian Siller mit mehreren Wechseln noch einmal neue Impulse zu setzen. Doch die Linzer ließen sich die Partie nicht mehr aus der Hand nehmen. Nico Grimbs machte mit dem 3:0 in der 79. Minute endgültig den Deckel drauf. Die Rote Karte für Florian Kopp in der Nachspielzeit passte schließlich zu einem Abend, an dem für Wacker irgendwann nicht mehr viel zusammenlaufen wollte.
Nach dem fulminanten 5:0 gegen Bregenz hätte man leicht ins Träumen geraten können. Linz hat uns daran erinnert, dass diese Liga eine andere Welt ist. Blau-Weiß verfügt über andere finanzielle Möglichkeiten, über viel Erfahrung und über jene Abgezocktheit, die man sich erarbeiten muss. Vielleicht war dieses 0:3 deshalb lehrreicher als mancher Sieg der vergangenen Jahre. Vor etwas mehr als drei Jahren spielten wir noch gegen Mannschaften aus der Tiroler Liga. Jetzt ärgern wir uns über eine 0:3-Niederlage beim Bundesliga-Absteiger und großen Aufstiegsfavoriten Blau-Weiß Linz. Auch das nennt man Fortschritt.

Kein Beinbruch, aber Fragezeichen
Unter den Wacker-Fans wird diese Niederlage unterschiedlich bewertet. Die einen sagen: Kein Beinbruch. Beim großen Aufstiegsfavoriten darf man verlieren. Schon gar nicht durfte nach dem 5:0 zum Auftakt erwartet werden, dass Wacker nun in diesem Tempo durch die 2. Liga marschiert.
Andere schauen genauer hin – und dabei primär auf die Aufstellungen der ersten beiden Meisterschaftsrunden. Denn sowohl gegen Schwarz-Weiß Bregenz als auch in Linz stand neben dem neuen Tormann Juri Kirchmayr lediglich eine weitere Neuerwerbung in der Startelf (Robin Littig). Die anderen Neuen sind wohl eher als Perspektivspieler zu sehen. Doch das Spiel war ein lauter Schrei nach schneller Weiterentwicklung aber vor allem auch nach den lang angekündigten Verstärkungen, die das Niveau heben sollen. Warum die immer noch nicht da sind, wirft natürlich Fragen auf. Noch ist die Saison blutjung, die Transferperiode dauert noch knapp einen Monat. Zwei Spiele sind viel zu wenig für endgültige Urteile. Die neuen Spieler müssen ankommen, sich einfügen und ihre Chance bekommen. Sollte sich an diesem Bild in den nächsten Wochen aber wenig ändern, könnten genau diese Personalfragen für Gesprächsstoff sorgen – und viel schneller als man denkt – auch für Druck. Auch das gehört zum Profifußball.
Danke, Blau-Weiß
Bei aller Rivalität und bei allen Sticheleien auf den Fantribünen gehört an dieser Stelle auch eines gesagt: Danke an den FC Blau-Weiß Linz. Von den Funktionären über das Ordnerpersonal bis hin zur Einsatzleitung begegnete man uns ausgesprochen freundlich und zuvorkommend. So soll Fußball sein. Auf den Tribünen darf es laut werden, dort darf gestichelt werden und dort dürfen zwei Kurven ihre Farben verteidigen. Danach reicht man sich wieder die Hand. Und die Atmosphäre in diesem kleinen Stadion direkt an der Donau? Mehr als top!

Dann war da noch dieser Himmel. Während sich der Abend langsam über die Donau legte und ein Gewitter näherzukommen schien, begann der Himmel über dem Stadion plötzlich alle Farben zu spielen. Blau, Rot, Orange, „Violett“. Minutenlang veränderte sich das Bild. Fast kitschig, fast unwirklich – magisch. Das angekündigte Gewitter blieb schließlich aus, die Schwüle allerdings nicht. Die Luft stand förmlich im Stadion und wurde mit fortschreitender Stunde beinahe unerträglich. Irgendwie lag an diesem Abend ständig etwas in der Luft.
Beinahe wie in alten Zeiten
Natürlich sind wir nicht nach Linz gefahren, um drei Tore zu kassieren. Natürlich hätten 760 Wackerianer gerne gefeiert. Natürlich fährt sich die lange Strecke zurück nach Tirol mit drei Punkten leichter als mit einem 0:3 im Gepäck. Und trotzdem blieb etwas anderes hängen: 2.227.680 Minuten-So lange mussten wir auf diesen Moment warten. Freitag, den 13. Mai 2022, setzte es vor kaum 1500 Zusehern eine 1:3 Niederlage bei St. Pölten. Dazwischen liegen Jahre, in denen dieser Verein beinahe von der Fußballlandkarte verschwunden wäre. Jahre auf Tiroler Sportplätzen, drei Aufstiege, Rückschläge, volle Tribünen und eine Fangemeinde, die ihrem Verein auch dann gefolgt ist, als Profifußball nur noch eine ferne Erinnerung war. Deshalb war Linz trotz allem ein besonderer Abend. Wir haben verloren, deutlich sogar. Wir haben gesehen, dass in dieser Liga andere Maßstäbe gelten, und wir haben Fragen mit nach Hause genommen, auf die uns erst die kommenden Wochen Antworten geben werden. Aber wir waren wieder auswärts unterwegs. In der 2. Liga. Mit hunderten Wackerianern.
Willkommen zurück im Abenteuer Auswärtsfahrt. Willkommen zurück in der 2. Liga!
Fotos: Rudolf Tilg
