Alte Namen, neue Zeiten

Alte Namen, neue Zeiten

26. Oktober 2026·Rudolf Tilg·5 Min. Lesezeit

Es gibt Begegnungen, da geht es um mehr als drei Punkte. Wenn Admira Wacker und der FC Wacker Innsbruck aufeinandertreffen, begegnen sich zwei große Namen des österreichischen Fußballs – mit Erfolgen, Abstürzen, Neuanfängen und einer Verbindung, die sogar im Namen steckt. Wacker trifft Wacker Das „Wacker“ in Admira Wacker ist kein Zufall. 1971 fusionierte die […]

Wacker trifft Wacker

Das „Wacker“ in Admira Wacker ist kein Zufall. 1971 fusionierte die Admira mit dem Traditionsverein „SC Wacker Wien“, österreichischer Meister und Cupsieger von 1947. Die Admira hatte bis dahin acht Meistertitel erobert. Somit hat Admira Wacker neun österreichische (oder soll man sagen Wiener) Titel zu verbuchen. Plus sechsmal österreichische Cupsieger. Hier kreuzen sich die Geschichten auf besondere Weise: Am 19. Juni 1971 gastierte der FC Wacker Innsbruck bei Wacker Wien, gewann 4:2 und holte dort seinen ersten österreichischen Meistertitel. Zugleich war es das letzte Meisterschaftsspiel des eigenständigen SC Wacker Wien. Wenige Wochen später ging dieser in Admira Wacker auf.

Aus Wacker Wien gegen Wacker Innsbruck wurde Admira Wacker gegen die Innsbrucker – und die Duelle gingen weiter. Legendär wurde das ÖFB-Cupfinale 1989, Nach einem 0:2 im Hinspiel und einem frühen 0:1 im Rückspiel brauchten die Tiroler vier Tore – und schossen sechs. Das 6:2 vor 17.000 Zuschauern am alten Tivoli gehört bis heute zu den großen Innsbrucker Fußballabenden. Diese spannenden Duelle fanden in der Meisterschaft ihre Fortsetzung. Die Begnung am Samstag kann man getrost als Inbegriff österreichische Fußballtradition bezeichnen.

Alte Namen, viele Geschichten

Beide Traditionsvereine haben seither viel erlebt. Meistertitel, Cupsiege und internationale Auftritte stehen ebenso in den Geschichtsbüchern wie Fusionen, Spielgemeinschaften, Namenswechsel und wirtschaftliche Probleme. In Innsbruck führte der Weg über Europacupnächte und Meisterschaften bis zum Konkurs des FC Tirol 2002 – und beim heutigen FC Wacker schließlich zum Absturz 2022. Gerade deshalb haben Begegnungen mit der Admira heute besonderen Reiz. Denn Wacker ist zurück im Profifußball.

Vor kurzer Zeit führte die Reise noch über Tirols Fußballplätze. Drei Aufstiege später spielt Schwarz-Grün wieder in der 2. Liga und trifft auf Vereine, gegen die solche Duelle früher selbstverständlich waren – aber heute etwas Besonderes sind. Wir sind wieder da. Zuschauermäßig lagen allerdings Welten, wischen den beiden wackeren Vereinen. Während unweit der Sill die Hütte bebte, die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte sich über zusätzliche Patienten aus dem Innsbrucker Tivoli freuten und mitunter sogar die Nordkette brannte, verloren sich bei der „grauen Maus“ aus der Südtstadt kaum mehr als 500 Zuschauer in die große Arena des Wiener Vororts. Aber die Admira war bekannt, für ihre stetig gute Nachwuchsarbeit. Und so waren die Südstädter über viele Jahre eine fixe Größe im österreichischen Fußball.

Passabel gespielt – und wieder nichts

Vom Zurücksein allein gibt es allerdings keine Punkte. Das zeigte die Südstadt schonungslos. Wacker machte über weite Strecken ein ordentliches Auswärtsspiel, steigerte sich nach der Pause deutlich und hätte sich den Ausgleich verdient. Kirchmayr hielt stark, vorne gab es Möglichkeiten, und über den ausgebliebenen Elfmeterpfiff nach dem Foul an Lechl darf man ebenfalls diskutieren. Am Ende stand trotzdem ein 0:1.

Und langsam wird es mühsam. Wie schon eine Woche zuvor gegen Austria Salzburg war vieles ordentlich, manches sogar richtig gut – doch vor dem Tor fehlte erneut das Zielwasser. Aus guten Ansätzen wurde zu oft zähe Murkserei, aus Möglichkeiten nichts Zählbares. Über Pech, Schiedsrichterentscheidungen und fehlende Spieler kann man reden. Alles richtig. Aber irgendwann muss der Ball ins Tor. Gut gespielt ist schön. Punkte wären schöner.

Die 2. Liga verzeiht wenig. Fehler werden bestraft, und wer seine Chancen nicht nutzt, fährt mit leeren Händen nach Hause. Genau an dieser Realität muss die junge Mannschaft wachsen. Auch wenn das als neutraler Sicht eine Top-Begnung war. Aber trotz Nationalfeiertag – im Fußball kenne ich da keine „Neutralität“.

Jetzt wartet die WSG

Viel Zeit zum Grübeln bleibt nicht. Schon am Mittwoch, 28. Oktober, wartet am Tivoli das nächste große Kapitel: Im Achtelfinale des ÖFB-Cups fordert Wacker die WSG Tirol. Zweitliga-Aufsteiger gegen Bundesligist – die Rollen waren wohl noch nie so klar verteilt. Wacker ist krasser Außenseiter, Wattens haushoher Favorit. Dazu kommt erneut eine volle Hütte, die für Wackers junge Mannschaft zusätzlichen Druck bedeuten kann. Doch wir wissen auch: Das Tivoli kann Druck erzeugen – und er kann Flügel verleihen.

Immer wieder kommt die Frage: Muss man als Tiroler nicht beiden Tiroler Vereinen die Daumen drücken? Nein! Ich respektiere die WSG und ihre sportlichen Leistungen. Aber Fußball ist keine Frage der Postleitzahl. Respekt ist nicht Verbundenheit. Mein Herz hängt an Wacker – an seinen Farben, seiner Geschichte und an diesem einzigartigen Gefühl. Tirol ist meine Heimat. Wacker ist mein Verein.

Warum eigentlich?

Vielleicht liegt darin eines der faszinierendsten Phänomene des Fußballs. Kaum eine andere Sportart schafft eine derart starke Identifikation. Ein Verein steht für Familie, Freunde, gemeinsame Erlebnisse und oft für einen wesentlichen Teil der eigenen Lebensgeschichte. Man wechselt den Arbeitsplatz, das Auto oder vielleicht sogar die politische Meinung – den Verein aber nicht.

Die Wissenschaft nennt das „Identity Fusion“ – die Verschmelzung persönlicher und kollektiver Identität. Bei besonders verbundenen Fans wird „mein Verein“ beinahe Teil des eigenen Ichs. Siege werden gemeinsam gefeiert, Niederlagen gemeinsam erlitten. Fußball wird nicht nur angeschaut – er wird erlebt.

Bei Derbys und großen Rivalitäten wird dieses Gefühl noch stärker. Aus dem „Wir“ entsteht ein „Wir gegen die“. Alte Spiele und Geschichten werden über Generationen weitergetragen. Auf der Tribüne stehen Arbeiter neben Akademikern, Unternehmer neben Studenten und Pensionisten – Menschen, die sonst kaum etwas verbindet und sich nach einem Tor plötzlich in den Armen liegen. Tausende singen dieselben Lieder und sind eins. Wenn diese Schule des Lebens doch auch fern der Stadien ebenso Schule machen würde…

Das ist die Kraft dieses Sports: Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Erinnerungen fürs Leben. Deshalb schmerzt die Niederlage in der Südstadt. Und deshalb ist sie am Mittwoch für 90 Minuten schon wieder vergessen. Lets Go Wacker!

Foto: GEPA pictures/Alexander Solc

Artikel Info

Autor: Rudolf Tilg
Veröffentlicht: 26. Oktober 2026
Kategorie: Fanleben
Lesezeit: 5 Minuten

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