Bloß keine Depression

Bloß keine Depression

19. Oktober 2026·Rudolf Tilg·7 Min. Lesezeit

Alles war angerichtet. Ausverkauftes Tivoli, 16.125 Menschen, stimmungsvoller Besuch des Abschlusstrainings, Fanmärsche, eine Stadt im Derbyfieber – nur Wacker vergaß das Wichtigste: das Tor. Und so feierten am Ende ausgerechnet die Violetten. Das tut weh. Verdammt weh sogar, weil diese Niederlage so unnötig war. Chancen waren da, Leidenschaft auch – Tore nicht. Und durch die schwarz-grüne Brille hin oder her: Zero Tore bei einem Heimderby sind zu wenig. Punkt.

Aber jetzt Trübsal blasen? Sicher nicht! Dafür war dieser Freitag viel zu groß. Dieses Westderby hat nämlich noch etwas anderes gezeigt: Welche Wucht dieser Verein wieder entfacht, welche Erwartungen damit entstehen – und wie verdammt wichtig es ist, bei aller Euphorie den eigenen Weg nicht aus den Augen zu verlieren.

Innsbruck im Ausnahmezustand

Eigentlich begann das Westderby schon Tage vor dem Anpfiff. Unzählige Stunden Arbeit flossen in die Choreos und sogar das Abschlusstraining wurde von den Fans zelebriert. Man wollte der Mannschaft einen zusätzlichen Push geben.

Am Spieltag selbst war Innsbruck im Ausnahmezustand. Stau, Polizei, eine Klimademo unweit des Treffpunkts der Wackerianer fand auch noch statt und gleich zwei Fanmärsche. Das hat Tirols Hauptstadt auch noch nie erlebt. Tausende Schwarz-Grüne zogen durch die Stadt Richtung Tivoli, die verspätet angekommenen Violetten vom Fennerareal zum Stadion. Nebenan der Zirkus im Zelt – rund ums Tivoli der Zirkus auf den Straßen und später auf den Tribünen. Drei Stunden vor Spielbeginn war die Hölle los. Selbst ein Unterländer Radiosender schien regelrecht in Derby-Euphorie verfallen zu sein, der sonst mit dem FCW so rein gar nichts am Hut hat. Dass ich das noch erlebe…


16.125 machten das Tivoli voll. Wahrscheinlich hätte Wacker beinahe doppelt so viele Karten verkaufen können. Für ein Spiel in der österreichischen 2. Liga! Vor wenigen Jahren sportlich praktisch bei null, der Verein kurz vor dem Aus – und heute legt ein Westderby Innsbruck lahm. Aber genau darin liegt auch eine Gefahr: je größer die Begeisterung, desto größer die Erwartungen und der Druck. Plötzlich soll alles sofort gehen – Siege, Derbysiege, Aufstieg. Dabei ist Wacker gerade erst wieder in den Profifußball zurückgekommen.

Ein Derby wiegt schwerer

Für uns Fans ist ein Derby kein normales Spiel. Tage vorher dreht sich alles darum. Man diskutiert, erinnert sich, stichelt und zählt irgendwann die Stunden bis zum Anpfiff. Ein Sieg trägt einen tagelang – eine Niederlage verfolgt einen genauso lange. Was muss dieser Druck erst mit einer Mannschaft machen, in der zahlreiche junge Spieler stehen? Wacker hat sich bewusst für entwicklungsfähige Spieler entschieden, die gemeinsam mit diesem Verein wachsen sollen. Und dann stehen plötzlich 16.125 im Tivoli, Hunderte besuchten am Donnerstag stimmgewaltig das Abschlusstraining, Tausende marschieren durch die Stadt und ganz Tirol spricht vom Derby. Das kann Flügel verleihen – aber auch tonnenschwer auf jungen Schultern liegen. Deshalb darf man enttäuscht sein und kritisieren. Wer daheim ein Derby gewinnen will, muss treffen. Null Tore sind null Tore. Aber wegen eines verlorenen Derbys alles infrage zu stellen, wäre genauso falsch.

Dann begreifen wir euren Weg halt nicht

Natürlich durfte die Provokation nicht fehlen. Die Violetten erklärten per Spruchband sinngemäß, ganz Tirol würde ihren Weg nicht begreifen. Stimmt. Einiges ist tatsächlich schwer zu begreifen. Zum Beispiel die ewigen Stadionvergleiche. Was kostet langfristig mehr: die kleine Gstetten (Anlage) in Maxglan (1566 Personen Kapazität) oder das große Tivoli zu bespielen? die Austria sucht ein geeignetes größeres Stadion, Wacker hätte manchmal gerne ein kleineres und vor allem billigeres – aber bei solchen Spielen scheint dann selbst das Tivoli plötzlich zu klein zu sein.

Auch interessant: Wackers Weg belächeln, aber Tiroler und schwarz-grüne Fußballqualität durchaus gerne nehmen. Florian Rieder, Simon Pirkl, Christian Gebauer, Lukas Schweighofer und Christian Huetz tragen Violett. Dazu sitzt mit Roli Kirchler als Sportdirektor eine echte Innsbrucker Fußballgröße in Salzburg. Ganz so schwer dürfte unser Weg dort also doch nicht zu begreifen sein.

Wacker ist zudem weit mehr als nur eine Kampfmannschaft: Im Gegensatz zu den Violetten bietet der Verein Frauenfußball bis in die 2. Bundesliga, mit der U14 auch eine reine Mädchenmannschaft und dazu eine breite und erfolgreiche Nachwuchsarbeit mit hochkarätig besetzen internationalen Turnerteilnahmen. Davon können der violette Sportdirektor Roli Kirchler und Co nur träumen. Natürlich kostet das Geld und natürlich braucht es Partner dafür. Denn auch in Innsbruck bringt das Geld nicht der Föhn vom Patscherkofel herunter. Trotzdem bleibt Wacker ein Traditions- und Mitgliederverein – und das schon viele Jahre länger als die heutige Salzburger Austria.

Und da wäre noch der Weg zweier Vereine, die nicht nur österreichweit ihresgleichen suchen. 2005 hat ein Getränkemilliardär der Austria den Garaus gemacht und ihr Weg zurück von der untersten Spielklasse ist aller Ehren wert. Aber nicht weniger, jener der Schwarz-Grünen. Da gibt es sogar einige Parallelen (Stichwort Konkurs). Dort hat ein deutscher Großunternehmer den Verein gerettet, bei uns hat selbiges der strategische Patner LAFC gemacht.

Danach hat Wacker bewiesen, wie man das Unterhaus so richtig rocken kann. Was wollen uns die Violetten eigentlich erklären? Wir haben in Seekirchen, Saalfelden, Kuchl, Wals-Grünau und St. Johann gehört, was man von den Violetten nach ihren dortigen Auftritten so hält. Kein Wunder, dass sich die Austria mit der Lösung ihrer Stadionproblematik so schwer tut…

Wettschulden sind Ehrenschulden

Bei aller Rivalität gehört auch Respekt dazu. Meine Schwester erlebte ihr erstes Westderby (und schwarz-grüne Primäre) 1982 beim legendären 9:0 am Tivoli. Besser hätte sie sich ihren Einstand wirklich nicht aussuchen können. 1994 verlor ich dann eine Wette. Wettschulden sind Ehrenschulden – also fuhr ich mit Schwesterchen und meiner Nichte zum Champions-League-Spiel der Salzburger gegen den AC Milan in den Wiener Prater. Bevor mein Ausschluss aus der schwarz-grünen Glaubensgemeinschaft beantragt wird: Die violette Szene war am anderen Ende des Happel-Ovals! Direkt hinter uns war der Sektor der feurigen „Milanisti“.

Beinahe 60.000 Menschen, von Oma und Opa bis zum Kind. Als unser Zug in Salzburg hielt, wurden sogar wir Tiroler mit Wurstsemmeln, Landjägern, Speck, Säfteln und Sekt versorgt. „Wo kommt’s her?“ – „Aus Tirol! Vom Wacker.“ – „Super!“ Otto Barić und seine Glücksritter gingen mir damals gehörig auf die Nerven. Aber was diese Austria-Anhänger auf die Beine stellten, verdient für mich bis heute Respekt. Der Prater war dreimal ausverkauft. Im Nachhinein war die verlorene Wette mehr oder weniger doch gewonnen.

Das verdammte Runde wollte nicht ins Eckige

Am Freitag war mit der Nostalgie beim Anpfiff Schluss. Ohne Kapitän Rami Tekir hielt Wacker dagegen und hatte seine Möglichkeiten. Guermouche, Gstrein, Sy und Kopp hätten vor der Pause treffen können. Dann die 52. Minute: Freistoß Rieder, Kopfball Gebauer – ausgerechnet zwei Tiroler waren maßgeblich am Salzburger 1:0 beteiligt. Danach rannte Wacker an. Owusu, Biancheri, Guermouche, Kopp – Chancen waren vorhanden. Nur dieses verdammte Runde wollte nicht ins Eckige. Ein Derby gewinnt man nicht mit Möglichkeiten, sondern mit Toren. Salzburg machte eines. Wacker keines. Also jubelten die Violetten. Dürfen Sie. Derbysieger ist Derbysieger. Wer austeilt, muss auch einstecken können.

Der Weg geht weiter

Nach dem Schlusspfiff stand eine schwer enttäuschte Mannschaft vor der Tivoli Nord. Gedämpfter Applaus, lange Gesichter – verständlich. Ein Derby ist eben weit mehr als drei Punkte. Aber gerade jetzt darf die riesige Euphorie nicht zur Falle werden. Volles Tivoli, riesige Nachfrage, große Träume – und schon entsteht das Gefühl, Wacker müsse von Sieg zu Sieg und möglichst schnell weiter nach oben marschieren. So funktioniert Profifußball nicht.

Wacker hat bewusst auf eine junge, entwicklungsfähige Mannschaft gesetzt. Die wird begeistern, Fehler machen, gewinnen und verlieren. Entscheidend ist, daraus zu lernen, sich zu entwickeln und schließlich besser zu werden. Es gibt noch genügend Baustellen – sportlich und strukturell. Nicht die Euphorie darf das Tempo bestimmen, sondern das, was dauerhaft möglich ist. Dieses 0:1 schmerzt natürlich, ist aber wahrlich kein Weltuntergang. Der Blick muss nach vorn gehen.

Der Weg wird noch lang, manchmal steinig und sicher nicht ohne Rückschläge. Bloß keine Depression. Wacker hat ein Derby verloren – jetzt heißt es lernen, entwickeln, besser werden und weitergehen. Denn die nächsten großen schwarz-grünen Kapitel müssen erst geschrieben werden. Dieses Derbyerlebnis kann uns niemand mehr streitig machen. Für meinen Geschmack aber war manches aber schon etwas zu viel des Guten.

Vor allem nach dem Spiel. Das will die überwältigende Mehrheit so nicht. Ganz und gar nicht! Und das Verständnis dafür ist auch massiv enden wollend. Wenn sich Gleichgesinnte irgendwo treffen und sich gegenseitig etwas beweisen wollen, dann ist das nicht zu verhindern. ABER macht den Scheiß irgendwo im nirgendwo. Das wäre für alle am besten.

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Autor: Rudolf Tilg
Veröffentlicht: 19. Oktober 2026
Kategorie: Fanleben
Lesezeit: 7 Minuten

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