Zwei Derbys, ein Tivoli – der Westen lebt

Zwei Derbys, ein Tivoli – der Westen lebt

1. Oktober 2026·Rudolf Tilg·8 Min. Lesezeit

Herz, was willst du mehr? Weihnachten ist heuer schon im Oktober und unter dem Oktoberbaum liegen zwei Derbys, das Tivoli und eine große Menge an Fußballgeschichte. Was im Herbstlaub raschelt, hat Fußball-Tirol vielleicht noch nie erlebt. Am 16. Oktober kommt Austria Salzburg zum traditionsreichen Westderby nach Innsbruck. Zwölf Tage später, am 28. Oktober, wartet im ÖFB-Cup die WSG Tirol. Der alte Rivale aus Salzburg und der ehemalige Partner aus Wattens. Zwei Spiele, zwei Geschichten – und zweimal eine rappelvolle Hütte.

Mehr als nur Innsbruck gegen Salzburg

Wacker Innsbruck gegen Austria Salzburg ist kein gewöhnliches Fußballspiel. Dieses Duell reicht weit zurück und hat beinahe alles erlebt, was Fußball ausmacht: Meisterschaftsentscheidungen, Freundschaft und Feindschaft, große Siege, bittere Niederlagen, volle Stadien, Ausschreitungen – und sogar ein Ferkel.

Dabei waren Innsbrucker und Salzburger Fans nicht immer erbitterte Rivalen. In den 1970er- und 1980er-Jahren gab es zwischen Teilen der Fanszenen freundschaftliche Beziehungen. Gemeinsam verstand man sich als „Westfront“ gegen die Wiener Übermacht. Es gab sogar Westfront-Aufnäher. Als Wacker 1977 seine Europacup-Spiele wegen einer Stadionsperre des Tivoli in Salzburg austragen musste, standen sogar Salzburger hinter den Tirolern. Und bevor sich jüngere Leser:innen wundern: Zu dieser Zeit gab es keinen Bundesliga-Fußball in Vorarlberg. Wacker und das violette Salzburg waren die westlichsten BL-Vereine. Weshalb auch vom „einzig wahren Westderby“ gesprochen wird.

Irgendwann zerbrach diese Freundschaft. Spätestens Anfang der 1990er-Jahre wurde aus Nähe eine erbitterte Rivalität. Am 9. April 1991 erlebten 7000 Zuschauer am Tivoli eine bittere 2:3 ÖFB-Cup Niederlage. Aus dem Auswärtssektor kamen Beschimpfungen und Provokationen. Nach dem Spiel kam es zu ersten Scharmützeln zwischen Schwarz-Grün und Violett-Weiß. In der Folge kam es rund um mehrere Westderbys zu heftigen Auseinandersetzungen. Die Westfront war zerbrochen. Was einst verband, trennte plötzlich.

Auch sportlich kann die Geschichte einiges erzählen. Je nachdem, welche Innsbrucker Vereinsbezeichnungen und Bewerbe einbezogen werden, unterscheiden sich die Bilanzen. In einer historischen Westderby-Auswertung stehen 108 Begegnungen mit 49 Innsbrucker Siegen, 31 Unentschieden und 28 Salzburger Erfolgen. Ein Ergebnis überstrahlt aus schwarz-grüner Sicht ohnehin vieles: Am 22. Mai 1982 gewann Wacker Innsbruck mit 9:0 gegen Salzburg. Es ist bis heute die höchste Niederlage der Violetten. Die höchste dokumentierte Niederlage des FCW gegen die Austria war ein 0:5.

Schon 1970/71 standen sich beide Vereine in einem ganz besonderen Fernduell gegenüber. Wacker und Austria Salzburg kämpften um die österreichische Meisterschaft. Am Ende wurde Wacker mit einem Punkt Vorsprung erstmals österreichischer Meister. Ausgerechnet Wattens nahm den Salzburgern damals beim 2:2 wichtige Punkte ab. Wer hätte gedacht, welche Rolle Wattens wenig später in der Geschichte Wackers spielen würde?

Ferkel, Meisterfeier und Geisterspiel

Manche Westderbys bleiben aber nicht wegen Tabellen und Statistiken im Gedächtnis, sondern wegen ihrer Geschichten. Eine davon ist für mich eine ganz persönliche. Im Mai 1995 nahm ich meinen Sohn Roland zum ersten Mal mit ins Tivoli. Ausgerechnet gegen Austria Salzburg. Die Salzburger reisten mit der Aussicht auf eine Meisterfeier nach Innsbruck – doch daraus wurde an diesem Tag nichts. Der FC Tirol gewann 2:0 und versalzte den Salzburgern die geplante Feier. Für meinen Sohn war es das erste Spiel im Tivoli. Für mich ist genau deshalb dieses Westderby bis heute mit einer ganz besonderen Erinnerung verbunden. „

Time to Say Goodbye“: Am 20. Mai 2000 wurde das altehrwürdige Tivoli, das so viele legendäre Spieler erlebt hat, zu nostalgischen Preisen gebührend verabschiedet. Die alte legendäre Bruchbude war bis zum letzten Platz ausverkauft. Und meine gesamte Familie auf der Südtribüne ganz oben in der Mitte unter dem Blechdach vereint. Mein Stammplatz der ersten Jahre. Unser letzter Gegner im geliebten Tivoli war niemand geringerer als die Salzburger Austria. Der 3:1-Sieg war Nebensache, denn trotz des Sieges haben wir verloren: Unsere Heimat, unser zweites Wohnzimmer.

Auf den Tag genau ein Jahr nach dem 20. Mai 1999, an dem das Ende jenes FC Wacker Innsbruck bekannt gegeben wurde, der unter Obmann Fritz Schwab noch einmal versucht hatte, den Namen Wacker im Profifußball am Leben zu halten. Zweimal 20. Mai, zweimal ein schmerzlicher Abschied.

2003 lief beim Cupspiel zwischen der damaligen SPG Wattens/Wacker und Austria Salzburg plötzlich ein Ferkel mit violettfarbenem Schal über den Rasen. Sechs Ordner versuchten vor rund 11.000 Zuschauern, das Tier einzufangen. Das süße Ferkel hatte als erwachsenes Schwein noch ein langes und saugutes Leben. Man glaubt es kaum.

2010 folgte beim Regionalliga-Duell der Wacker-Amateure gegen Austria Salzburg die nächste wenig appetitliche Episode: Nach Ausschreitungen rund um das Spiel lief der Innsbrucker Torhüter mit einem von Fans übergebenen aufgespießten Schweinekopf über den Platz.

Dann war da noch 2015. Austria Salzburg gegen Wacker Innsbruck. Aufgrund der Sicherheitsbedenken wurde das Spiel in Schwanenstadt unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen. Mehr als 300 Polizisten waren im Einsatz, während jeweils Hunderte Innsbrucker und Salzburger Fans außerhalb des Stadions standen. Ihre Gesänge waren sogar im leeren Stadion zu hören. Wacker gewann dieses denkwürdige Geister-Westderby mit 4:3. Das zweite „Heimspiel“ der Violetten ging im 21. Wiener Gemeindebezirk auf dem FAC-Platz über die Bühne und Salzburg konnte sich für die erlittene Heimniederlage in Oberösterreich im „Heimspiel in Wien“ revanchieren.

Das letzte Meisterschaftsduell am Tivoli endete im Mai 2016 mit einem 2:2. Etwas mehr als zehn Jahre später ist es nun endlich wieder so weit. Und wie sehr die Menschen darauf gewartet haben, zeigt der Vorverkauf: 16.125 Tickets wurden in kürzester Zeit an den Mann und die Frau gebracht.

Das dürfte die Leser und Leserinnen des „tivoli12 magazins“ ebenso interessieren: Der 27. November 1998 ging in die Historie des Tiroler Traditionsvereins ein. Und das negativ. Gerade einmal 870(!) zahlende Zuschauer wollten den damaligen FC Tirol gegen Austria Salzburg siegen sehen. Gesehen haben sie eine 0:3 Niederlage. Für den 16. Oktober 2026 waren 16.125 Karten für die Neuauflage des traditionsreichsten Derbys im Westen Österreichs in nur wenigen Stunden vergriffen. Aus dem für die 2. Liga zu großen Tivoli wird ein zu kleines Tivoli. Laut FCW-Präsident Hannes Rauch hätte man gut und gerne 25.000 Tickets verkaufen können.

Nach Violett-Weiß kommt Grün-Weiß

Kaum wird man sich vom Westderby erholt haben, wartet bereits das nächste Stück Tiroler Fußballgeschichte: FC Wacker Innsbruck gegen WSG Tirol. ÖFB-Cup. Achtelfinale. 28. Oktober. Tivoli.

Dieses Mal trifft Wacker wahrlich nicht auf einen historischen Erzfeind (wie es etwas das grün-weiße Rapid wäre), sondern auf einen Verein, mit dem man sogar zweimal gemeinsame Sache machte. Wacker und Wattens waren zunächst ganz normale Tiroler Konkurrenten. In den sechs Nationalliga-Duellen vor 1971 gewann Wacker zweimal, Wattens einmal, dreimal gab es ein Remis. Das letzte Spiel vor der gemeinsamen Zeit gewann Wacker im März 1971 vor 9.000 Zuschauern im ausverkauften Wattener Alpenstadion mit 3:0. Danach wurden aus Gegnern Partner. 1971 entstand die Spielgemeinschaft, aus der schließlich Sparkasse Swarovski Wacker Innsbruck hervorging und eine der erfolgreichsten Epochen des Tiroler/Österreichischen Fußballs begann. 1986 endete diese mit der Umbenennung in FC Swarovski Tirol Innsbruck.

Manchmal wiederholt sich Geschichte. So auch bei uns. Nach dem Konkurs des FC Tirol 2002 entstand die SPG WSG Wattens/FC Wacker Tirol. Nahezu die gesamte Wattener Mannschaft, die aus vielen Kooperationsspielern des FC Tirol bestand, wechselte nach Innsbruck. Gemeinsam wurde man Meister der Regionalliga West und schaffte den Aufstieg. Danach trennten sich die Wege wieder frühzeitig, da die Bundesliga keine Spielgemeischaft in ihren Wettbewerben wollte (Stichwort: Haftungsfrage).

Zweimal Gegner, zweimal Partner und jetzt wieder Gegner. Was einst Eins war, kann jetzt nicht unterschiedlicher sein. Viel kurioser kann eine Derbygeschichte kaum sein.

Auch das Tiroler Derby konnte verrückt sein

Wirklich vergiftet wurde das Verhältnis der einstigen Partner aber erst mit dem Einstieg der aktuellen WSG-Präsidentin, die es sich zum Ziel machte den FCW auf allen Ebenen zu bekämpfen.

Nach jahrzehntelanger Pause trafen Wacker und Wattens ab 2016 wieder im Profifußball aufeinander. Acht Zweitligaderbys gab es bis 2018. Wacker gewann fünf, Wattens drei – kein einziges endete unentschieden.

Unvergessen bleibt das 4:3 im April 2017 in Wattens. Wacker führte zur Pause 4:0, Patrik Eler hatte dreimal getroffen. Eigentlich erledigt. Eigentlich. Wattens kam auf 3:4 heran und aus einem gemütlichen Derbysieg wurde noch eine schwarz-grüne Zitterpartie.


Nun kommt es seit Jahren erstmals wieder zum direkten Duell beider Kampfmannschaften. Diesmal allerdings unter völlig anderen Voraussetzungen: Die WSG spielt in der Bundesliga, Wacker ist gerade erst in die 2. Liga aufgestiegen. Auf dem Papier sind die Rollen eindeutig verteilt: Der Bundesligist ist klarer Favorit. Aber Papier spielt bekanntlich nicht Fußball. Der Cup scheint eigene Gesetze zu haben und auch Tirol ist anders. Der Wacker ohnehin.

Gerade am Tivoli kann die Erwartungshaltung schnell die Realität überholen. Das begleitet den FC Wacker Innsbruck seit Jahrzehnten. Deshalb sollte niemand aus einem vollen Stadion und einer aufgeheizten Derbyatmosphäre plötzlich eine sportliche Favoritenrolle für Wacker ableiten. Die WSG ist Bundesligist und damit der klare Favorit. Aber es ist Cup und es ist Derby. Zudem wird der Tivoli ein Hexenkessel in Schwarz-Grün werden. Für die „Gäste“ am Tivoli eine gänzlich neue Erfahrung.

Historisches steht bevor

Innerhalb von zwölf Tagen bekommt Innsbruck zwei Spiele, für die es eigentlich keine zusätzliche Werbung benötigt. Zuerst gegen Austria Salzburg, das traditionsreiche und einzig wahre Westderby, auf das beide Fanszenen mehr als ein Jahrzehnt gewartet haben. Dann die WSG – ehemaliger Spielpartner, heutiger Bundesligist und Tiroler Rivale im Kampf um das Cup-Viertelfinale. Der alte „Lieblingsfeind“ und der ehemalige Partner, der sich unter der schwarz-grünen Anhängerschaft aber äußerst unbeliebt gemacht hat.

Zweimal dürfte das (neue) Tivoli Stadion ausverkauft sein. In zwei aufeinanderfolgenden Heimspielen war das noch nie der Fall. Im Oktober 2026 könnte dies Realität werden. Ein weites Netz von Stromleitungen durchfließt Tirol. Aber nirgends wird die „Hochspannung“ mehr elektrisieren, wie Westderbys im Oktober. Der Westen lebt…

Fotos: GEPA pictures

Artikel Info

Autor: Rudolf Tilg
Veröffentlicht: 1. Oktober 2026
Kategorie: Fanleben
Lesezeit: 8 Minuten

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