Azzurro

Azzurro

4. September 2026·Stefan Weis·5 Min. Lesezeit

Da ist sie wieder. Die Farbe, die heuer schon einmal das Weltbild zurechtgerückt hat. Nicht himmelblau eigentlich, stahlblau eher. Das war die Liga, das war der allseits vermutete Meisterkandidat. Das, was jetzt kommt, das ist ein Zweitligist, der auch schon seine Grenzen aufgezeigt bekommen hat. Und es ist Cup – ancora una volta verso Linz, einmal mehr gegen die Stahlstädter im Pokalbewerb…

E allora io quasi quasi prendo il treno e vengo, vengo da te

Angefangen hat es mit einer Auswärtsfahrt, 1971. Es ging an die Donau, zum SK Vöest, dem anderen schwarz-weißen Verein aus der oberösterreichischen Landeshauptstadt, der im Fahrwasser des ASK und inspiriert von der Gugl Nationalliga-Luft schnupperte. Veränderung lag in der Luft. Der Meister aus Innsbruck hat sich mit der finanzkräftigen Gemeinde im Unterland zusammengetan, der SKV wollte seine Farben loswerden, und erstmals trafen die beiden im Pokalbewerb aufeinander. Also rein in den Zug und rüber in die Industriestadt. Von Sommer war dabei aber nichts zu spüren, auch nicht von der Euphorie, die noch wenige Monate zuvor 16.500 Besucher ins Linzer Stadion gelockt hatten, als man Wacker ein 0:0 abringen konnte. Immerhin 5000 verirrten sich nun im Dezember auf die Ränge und sahen erneut ein Spiel, das keinen Sieger finden wollte. Den Führungstreffer von Ulmer glich Jara in der 5. Minute aus. Und dann passierte nichts mehr bis zum Elfmeterschießen. Vöest vergab, Obert netzte ein. Als Jara, der vorherige Torschütze, dann den ruhenden Ball nicht versenken konnte, war auch hier alles wieder offen. Erst der sechste Schütze, Roland Hattenberger entschied – für den SKV, sein Ball wollte nicht über die Linie.

Ma il treno dei desideri, nei miei pensieri, all’incontrario va

Aber der Zug fährt nicht nur in eine Richtung. Und manchmal erfüllen sich die Hoffnungen nicht so ganz, das zeigte sich schon in der Saison darauf. Erneut trafen Linz und Innsbruck im Pokal aufeinander, diesmal aber im in zwei Spielen ausgetragenen Semifinale. Nichts Neues auf der Gugl, erneut Jara, wiederum das altbekannte Remis, 1:1. Diesmal verirrten sich schon nur mehr 2.500 Zuschauer ins Stadion, ein Mittwoch ist halt auch kein Fußballfeiertag. Also nicht in Linz, drei Wochen später am Tivoli schon. Vor 12.000 Schwarz-Grünen brachten Rebele und Hattenberger, der seinen verschossenen Penalty ausmerzte, Innsbruck auf die Siegesstraße, als Sahnehäubchen verwandelte Breuer einen Corner direkt. Wacker holte 1973 das Double, die Vöestler blieben auch in der Liga unbelohnt und scheiterten um einen Punkt am internationalen Geschäft.

Und weil es so schön war, wiederholte man den Kick zwei Jahre später nochmal. Aber mit etwas verdrehten Rollen. Die Stahlstädter waren der Meister, der den Erfolgslauf der Tiroler in der Meisterschaft durchbrochen hatte, die titellosen Kicker von der Sill gierten nach Wiedergutmachung. Die gelang, und wie. Die 1:2 Niederlage an der Donau hätte beinahe das Aus bedeutet, denn vor heimischem Publikum wollte der Ball nicht über die Linie. Auch die zahlenmäßige Überlegenheit nach Ausschluss von Scharmann konnte nicht ausgenützt werden. Mehr noch, die Verletzung von Manfred Gombasch und ein bereits ausgenütztes Austauschkontingent (nur zwei Spieler konnten gewechselt werden, Branko Elsner hatte dies bereits in der 24. und 46 genützt und Horvath und Pezzey vom Feld genommen) bedeutete ab der 71. Minute, dass auch Innsbruck nur noch zu zehnt spielte. Es brauchte also wieder einen ruhenden Ball. Und den Fuß von Kurt Welzl. Er drehte vier Minuten vor Spielende das Leder ins Netz, 1:0, mit der Auswärtstorregel weiter. Double, zum zweiten Mal.

Sono solo quassù in città

Einmal noch traf man sich in den 70ern. Zum Finale, 1978. Im Hinspiel das schon beinahe traditionelle Remis, Kurt Welzl brachte Innsbruck die Chance, zu Hause nicht allzuviel tun zu müssen. Und das war dann auch fast so, überfallsartig stürmten die Blau-Weißen aufs Tor, Hagmayr brachte sie schon in der 5. Minute in Führung. Aber es war nicht genug, Wacker drehte das Spiel, gewann 2:1, holte den Cup – und stand bald alleine da. Nicht, weil keine Freunde mehr vorbeischauten, sondern weil das goldene Jahrzehnt mit einem großen Krach und den Abstieg in die zweite Liga zu Ende ging. Weit und breit kein Bundesligist mehr zu sehen. Es sollte bis in die 90er dauern, bis man sich wieder mit Linz im Cup duellieren konnte. Ein 2:1-Auswärtserfolg gegen Stahl 1993 vor nur 1000 Besuchern im Viertelfinale, ebnete den Weg zum 7. und letzten Pokalsieg. 1996, kurz bevor der FC Linz ausgelöscht werden sollte, verabschiedete sich Innsbruck mit einem 2:0-Sieg von den Blau-Weißen, um in der Runde darauf vom LASK und dessen einzigen Torschützen des Abends, Christoph Westerthaler, eleminiert zu werden. 2000 Zuschauer am Tivoli, der Cup hatte seine Attraktivität verloren, und das Tirol im Namen war auch nicht der gewünschte Magnet, der Besucher ins Stadion lockte.

Azzurro, il pomeriggio è troppo azzurro e lungo per me

Aber aufgelöst, geschluckt zu werden, heißt noch lange nicht, dass es nicht weitergeht. Blau-Weiß kehrte zurück, Wacker ist auch wieder auf der Bühne. Die Nachmittage waren plötzlich wieder blau – doch manchmal halt auch wirklich zu lange. Man begann wieder von vorne: 2015, Cup, Donaupark statt Gugl. Aber, halten Sie sich fest, ein 1:1, eine Verlängerung, Elfmeterschießen, der erste Schütze – Jürgen Säumel – haut daneben. Diesmal dreht sich das Glück aber. Der sechste Schütze, der erst in der 120. Minute eingetauschte Thomas Hirschhofer, verwandelt und bringt Innsbruck eine Runde weiter. 10 Cupspiele waren es bislang, das elfte steht an – gegen keinen anderen Gegner haben die Linzer so oft im Pokalbewerb spielen müssen. Mi accorgo di non avere più risorse senza di te – es scheint, als kriegt man in Linz nichts hin ohne Innsbruck. Beinahe schon eine Liebe zwischen Donau und Inn…

Foto: privat

Artikel Info

Autor: Stefan Weis
Veröffentlicht: 4. September 2026
Lesezeit: 5 Minuten

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