Na, schon getriggert? Natürlich haben Sie es gleich erkannt, die Textzeile aus dem Lied von Reinhard Fendrich. Eines, das mir zeigt, wie alt ich bin. Als es rauskam, als der Wiener Barde mit seinen 80er-Farben durch den Schnee den Gipfel erklomm, war’s mir als Kind schon zu schnulzig. Als dann Österreichische Fahnen nicht aus Stolz, sondern Trotz zu diesem Lied geschwenkt wurden, war’s mir zuwider. Wenn nun Stiegl-Werbeecken am Plastikröhrchen im Takt dazu bewegt werden – dann tuts mir leid, das Lied. Denn es liegt so viel in dem Text, der wegen der wenigen Refrain-Worte stets unverstanden bleibt. Und weil er schon so oft missverstanden wurde, weil man ihm nicht wirklich zuhört, muss der Text auch das ertragen, was ich jetzt mit ihm mach. Entschuldige, Reinhard.
Von Ruhm und Glanz is wenig über
„Ihr lebt’s in der Vergangenheit.“ Schon mal gehört, so rund um Wacker? Sicherlich. Ist ja ein Geschwisterchen von „Geschichte schießt keine Tore“. Aber es geht jetzt nicht um Innsbruck, sondern um dessen nächsten Gegner Kapfenberg. Und ja eigentlich die halbe Liga Zwa. Da ballt sich Vergangenheit, da sammeln sich Emotionen, da tummeln sich Titel und Erfolge. Und eben auch die bitteren Jahre danach. Die Steirer, die können ein Lied davon singen. Denn deren hohe Zeit hat auch schon ein bisschen Staub angelegt. Es waren die 1950er, und die Jahre danach. Als Stadt und als Verein. Als Stadt blickt man auf eine Geschichte zwischen Grafen und Babenbergern, zwischen Ottokar und Habsburg zurück. Und im 20. Jahrhundert ist Kapfenberg ein Brennglas Österreichs: Industrialisierung und Arbeitslosigkeit, Schutzbund und Heimwehr, Bürgerkrieg und Putsch, NS und Bomben, Zwangsarbeit und DPs, Verstaatlichung – und Sport. Der Markt, der 1870 knapp über 3000 Einwohner zählte, hatte sich 100 Jahre später verzehnfacht. Knapp 30.000 Einwohner, 8.000 Arbeitsplätze direkt bei Böhler. Der Stahl bot Essen. Und Fußballsport. Da die Voest, dort Donawitz, hier Kapfenberg. Die Kapfenberger Sportvereinigung stürmte die Staatsliga, seit 1951 in der höchsten Liga, 1955 gar Sechster. Und damit beste Mannschaft außerhalb Wiens. In Innsbruck, nebenbei, hatte man gerade erst das Tivoli eröffnet und Wacker war gerade in die Landesliga aufgestiegen, während in der Arlbergliga ISK, Austria, SVI, IAC und Polizei kickten, aber auch Dornbirn, Wattens, Lustenau, Hall… Von Ruhm und Glanz noch nicht viel zu spüren, während sich Kapfenberg im Fußball etablierte.
Und a die Höll hast hinter dir
Selbst das Nationalteam profitierte von den Steirern. 1957 etwa war die Nationalmannschaft im Alpenstadion zu Gast, Testspiel Österreich gegen die KSV, als Vorbereitung für das Holland-Spiel. Die Adler in ihren weißen Leibchen, die Falken in Rot, und in deren Mittelfeld der junge Ignaz Puschnik. Zumindest eine Halbzeit lang, denn er begeisterte den Nationalteam-Trainer dermaßen, dass er in der Pause das Leiberl wechselte und zu seinem ersten Länderspiel kam. Puschnik kannte und prägte den Fußball. Kickte vor mehreren tausend Zuschauern im Sog der Metallverarbietung der Böhler-Werke, ging direkt von der Arbeit als Former auf das Feld, um Staatsliga zu spielen. Er war mit den Falken auf Tournee, sah Frankreich und Nordafrika, Israel und die Sowjetunion – man musste Geld verdienen, und im Ligaalltag war das kaum möglich, nur mit Exhibition-Matches. Man kickte so gut, dass man nicht nur Spieler, sondern auch Zuschauer anlocken konnte. Etwa den jungen Helmut Gustav Friedrich Qualtinger, der im Oktober 1958 den Sieg der Roten in Simmering live mitverfolgte, als Torschütze Helmut Hauberger kurz vor Ende mit Tormann Bruno Engelmeier zusammenstieß, sich schwer verletzte und seine Karriere beenden musste. Was folgte, ist ein Bonmot für die Ewigkeit – auch wenn Puschnik höllischere Spiele erlebt hatte, wie er festhielt. „Simmering gegen Kapfenberg – das nenn´ ich Brutalität!“
Die wahre Hölle, die kam für Kapfenberg aber mit dem industriellen Abstieg der Region, der Hand in Hand ging mit dem sportlichen Niedergang. Die fixe Zweitliga-Mannschaft fand sich in der Regionalliga wieder, kämpfte sich zurück, schaffte 2008 die Rückkehr in die Bundesliga – und machte Schlagzeilen, nicht wegen ihres sportlichen Erfolges, wegen des kleinen Wunders, wieder an die 50er anschließen zu können. Sondern auf Grund von Betrug ihrer Spieler, wegen eines Wettskandals. „I kenn´ die Leut´, i kenn´ die Ratten, die Dummheit, die zum Himmel schreit“. Man hatte lange daran zu knappern in Kapfenberg, doch stand auch das durch.
I steh´ zu dir bei Licht und Schatten, jederzeit.
Die Steirer sind der Inbegriff der Zweitliga-Mannschaft. In der ewigen Tabelle seit Einführung 1974 nach Leoben der Verein mit den zweihäufigsten Saisonen, in jener ab 1950 mit 1081 Spielen sogar die Nummer eins. Und auch wenn die Erfolge ausbleiben, wenn die Region stagniert, wenn Kapfenberg schrumpft – man verlor seit den 70ern trotz Eingemeindungen so viele Einwohner wie die 49 kleinsten Katastralgemeinden Tirols, von Frauensee/Lechauschau bis Kosten/Assling, oder anders gerechnet, etwas mehr als ganz Axams, oder ganz Kirchbichl, einfach weg. Kapfenberg bleibt Fixpunkt der zweiten Liga, begrüßt in den letzten Jahren stets zwischen 500 und 800 Gäste im Alpenstadion. Und zeigt echten Zweitligafußball. Jederzeit.
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