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Tiroler Flagellanten

Grad ist noch Fasching. Wir haben es lustig, finden alles super, führen nette Gespräche und erzählen uns lustige Geschichten, dass selbst Hieronymus Carl Friedrich – Gott hab ihn selig, den geselligen Baron – kaum glauben würde, was er denn hört. Und dann hat uns der Alltag wieder. Die Fastenzeit, die Zeit der Buße und Umkehr, des Verzichtes und Verlustes, des Gedenkens an die Vergänglichkeit aller weltlichen Dinge. Patsch. Da knallt der erste Peitschenhieb. Nicht ausgeführt von anderen, Selbstgeißelung ist angesagt, wenn die Flagellanten unterwegs sind.

 

Confiteor

Flagellanten, das sind jene von Selbstzweifel zerfressenen, tief gläubigen Menschen, welche in der Verzweiflung ob der Erbschuld ihrer Vorfahren und verängstigt durch den nahenden Untergang ihren Tag damit verbrachten, sich selbst Schmerzen und Schläge zuzufügen. Und dabei gerne auch von redegewandten Charismatikern vereinnahmt wurden. Mhm. Als Massenbewegung gibt es sie vielleicht nicht mehr, aber aus dem Alltag scheinen die Flagellanten nicht verschwunden zu sein. Zumindest nicht im Umfeld des Tivoli-Stadions. Da braucht es keine externen Peitschenknaller, kein prozessionsartigen Zug von Geißler zu Geißler. Bei Wacker ist man zumeist noch selbst für die Schläge verantwortlich, die Innsbruck treffen. Selbstgeißelung mit jahrzehntelanger Expertise, als würde man anders nicht leben können. Dabei hat jede Selbstgeißelung doch nur einen Zweck: zur Erlösung zu kommen. Der erste Schritt, damals wie heute – ein lautes „Confiteor – ich bekenne“. Ein Eingeständnis der aktuellen Situation, des eigenen Zustandes, des Blickes auf das Hier und Jetzt. Einen Tag vor dem ersten Frühjahrsspiel ist dies in sportlicher Hinsicht bei Schwarz-Grün nicht gerade eine glänzende Offenbarung. Der langjährige Vorstand Sport wurde verabschiedet, der neue, ungeübte ist auch schon wieder Geschichte, jener eingeplante mit Erfahrung darf den Job nicht ausüben. Der Trainer war wohl nicht die erste Wahl, darf nun aber gleich beide Aufgaben erfüllen. Drei Spieler mit 301 Spielen Zweit- und 77 Spielen Bundesliga-Erfahrung wurden suspendiert, die als Leistungsträger geholten Fridrikas und Aydin abgegeben, Tekir sitzt eine Rotsperre ab, Viteritti und Zaizen kurieren an einem Kreuzbandriss, vier weitere Spieler sind mit Verletzungen in der Vorbereitungszeit konfrontiert. Die Jungen, die langsam an den Profisport herangeführt werden sollten, werden zum Notanker, verdonnert zum Leistungsbeweis auf professioneller Ebene. Vom Aufstieg spricht längst keiner mehr, das Spiel wird beinahe zur Nebensache oder sehnlichst erwarteten Ablenkung. Patsch. Der nächste Peitschenhieb.

Misereatur tui

Die Selbstgeißelung war aber auch eine Bitte um Hilfe. Misereatur tui, antwortete der Priester, er erbarme sich deiner. Noch ist man in Innsbruck nicht so weit, scheint es. Dabei gibt es nicht nur an der Sill Verzweiflung und Not, der Ausflug in die Steiermark zeigt es. Die Falken aus dem Fekete-Stadion haben auch schwere Jahre hinter sich, von den goldenen Zeiten spricht kaum noch jemand. Und ganz ruhig ging es auch diesen Winter nicht zu an der Mürz. Fünf Abgänge, auch hier Leistungsträger. Bei Mario Cetina schmerzt dabei nicht nur die fußballerische Dimension, der 1,96 Meter große Abwehrhühne wechselte nicht zurück in seine Heimat Kroatien, sondern in die feindliche Nachbarschaft nach Leoben. Das Lachen hört man noch immer durch das Murtal schallen. Mit Cherif, Sarac und Komolafe gingen weitere Stammspieler und der zweitbeste Torschütze dieser Saison verloren. Der Ersatz ist fast schon klingend, und doch nicht gleichwertig. Marko Iharos kickte in der kroatischen Nachwuchsnationalmannschaft und bei Dinamo Zagreb, Nemanja Zikic ging mit Salzburgs Primavera durch die Youth-League, Meletios Miskovic lief elfmal im serbischen Nachwuchstrikot auf. Aber bei jedem gab es wohl einen Bruch – der eine hat eine Osteuropa-Wanderschaft mit vereinslosen Tagen hinter sich, der andere blieb bei Wals hängen, der dritte bevorzugte den Vorgarten des Tivoli, bevor er von der Reichenau in die Steiermark übersiedelte. Der Verein kämpft mit den Finanzen, aber auf deutlich stabilerer Ebene und mit ausgeglichenerem Umfeld. Nicht so in Innsbruck. Umbruch in der Mannschaft, Umbruch im Backoffice, Umbruch im Vorstand, Umbruch im finanziellen Umfeld. Es geht nicht mehr um drei Punkte, es geht um den Erhalt des Vereines, um nicht weniger, wenn Land und landesnahe Geldgeber ein letztes Ultimatum stellen. Patsch. Und wieder ein Peitschenhieb.

Indulgentiam

Bei der liturgischen Selbstgeißelung wurde der gequälten Seele nach drei Schlägen ein „Indulgentiam“ gewährt, ein Nachlass aller Sünden. Bei Wacker ist nach drei Schlägen meist nicht einmal Dienstagmittag. Man freut sich auf den Spieltag, um nicht um die Liebe des fußballerischen Lebens bangen zu müssen. Man freut sich sogar über Kapfenberg. Und über Kapfenberg als Gegner hat man sich zuletzt durchaus gefreut. Aus den letzten vier Begegnungen holte man 10 Punkte. Dafür knallte  in den letzten drei Partien vor der Winterpause gehörig die Peitsche. Gegen St. Pölten, Dornbirn und Young Violets verlor man auf zum Teil durchaus peinliche Art und Weise. Miserere, Domine – erbarme dich, o Herr.

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Autor: Stefan Weis

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