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Humpty Dumpty

Ich bin medienverseucht, wie so viele meiner Generation. Die ersten der nicht ganz so begüterten Landeier, die die Flimmerkiste schon in Farbe genießen durften. Die ersten, die ein ganzes Nachmittagsprogramm von Enrico bis Mini-Zib erleben konnten, FS1 sei Dank. Und die zwischendrin von Serien berieselt wurden, wie die von Lewis Carroll geschriebene Alice im Wunderland. Die Titelmelodie muss ich zu Ostern immer pfeifen, kein Wunder, geht’s ja um hoppelnde Hasen, Verstecke und Eier auf einer Mauer. Und um viel mehr…

 

Die Frage ist…

Das Ei auf der Mauer bei Alice im Wunderland, Humpty Dumpty, war dabei allerdings nicht unbedingt ein sympathischer Zeitgenosse. Zumindest nicht für ein Kind. Mehr Sympathie kriegt er als Erwachsener auch nicht, aber viel mehr Respekt, denn die Kalkschale war keineswegs hohl. Mit Alice diskutierte er stets über Semantik, über die Bedeutung von Worten, und wer die Bedeutung beherrscht. Und schon fühl ich mich wieder im Umfeld von Wacker Innsbruck. Was ist ein Tiroler Verein? Warum kann der eine als Tiroler Traditionsverein Leute in schlechten Tagen anlocken, der andere Verein aller Tiroler in guten aber nicht? Warum kümmert sich ein Verein nicht um den Tiroler Nachwuchs, wenn er sechs Nicht-„Da-ige“ am Feld laufen hat, aber der mit zwei Tirolern ist die letzte Bastion des Fußballs? Warum schafft es ein Verein, in wenigen Wochen eine leere Lizenz mit einer Damenmannschaft zu füllen, einem anderen glaubt man aber aufs Wort, dass er im letzten Jahrzehnt wegen der drückenden Konkurrenz kein Frauen-Team aufstellen konnte? Und warum ist eine solche Neuinterpretation von Worten möglich? Da braucht es keinen – auf Grund seiner Jugend zwischen Rapid und Austria zum Wacker-Innsbruck-Anhänger mutierten – Politik- und Fußballexperten Filzmaier im Abendstudio, da gab schon eine Zeichentrickfigur im Nachmittagsfernsehen die Antwort, zumindest im Buch: „Wenn ich ein Wort verwende, dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“ – „Die Frage ist doch“, sagte Alice, „ob du den Worten einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst.“ – „Die Frage ist“, sagte Humpty Dumpty, „wer die Macht hat – und das ist alles.“ Ziemlich gscheit, das Ei.

Humpty Dumpty sat on a wall

Gut nur, dass das nun nicht mehr die Probleme des FC Wacker Innsbruck sind, denn medial ist man einfach zu weit weg vom durchgehenden Interesse. Die Wahrheit auf dem Platz liegt nun in der Inntalfurche und den Seitentälern, alles innerhalb der Bezirke Nordtirols. Denn wie das Vorbild aus dem Kindergedicht hatten auch die Schwarz-Grünen „a great fall“. Was Wunder, dass dabei so manches zu Bruch gegangen ist. Wobei nicht alles auf den Sturz zurückzuführen ist, da war auch schon vorher genug im Argen. Genug, dass es weder all „the King’s horses and all the King’s men“, noch hanseatische Kaufmannsfamilien oder schwäbisches Unternehmertum schafften, Humpty wieder zusammenzusetzen. Drum heißt es jetzt SK Ebbs statt SV Horn, wenn es um den Ligaalltag geht. Gut, nicht unbedingt weniger attraktiv, da sind wohl mehr die Spielergebnisse schuld, wenn sich da wie dort Ernüchterung einstellt. Drei Spiele, zwei Niederlagen, ein Remis. Und das Unentschieden gegen das Tabellenschlusslicht. Nicht gerade eine Glanzleisung, vor allem, wenn das Ziel die Top fünf sind und man sich vor dem Start in die Rückrunde dort auch ganz gut aufgehalten hat. Ah, ´tschuldigung, bevor es zu Verwirrungen kommt, ich red‘ von den Grün-Weißen aus der Kufsteiner Nähe. Der SK Ebbs ist wirklich nicht erfolgreich reingegangen ins Frühjahr. Während zu Saisonbeginn sieben Punkte nach drei Partien zu feiern waren und erst der FC Wacker auf heimischen Boden eine Niederlage als Gastgeschenk brachte, setzte es jetzt gegen Oberperfuss und Volders zwei Dämpfer, gekrönt von einem torlosen Unentschieden gegen den SVI. Man trifft sich am Tivoli also auf Augenhöhe, aber halt nicht auf der Mauer, sondern schon davon heruntergerutscht. Denn auch nahe der Sill steht im Frühjahr ein einziger Punkt auf der Habenseite, sieben Gegentreffer, sechs Verwarnungen, zwei Elfmeter, zwei Gelb-Rote und ein direkter Ausschluss auf der anderen.

The Humpty Dumpty Love Song

Man kann jetzt die eigenen Wunden anschauen, die Kalkblättchen zusammensuchen und die Löcher in der Schale anstarren und dabei verzweifeln. Weil wohl niemand mehr helfen kann, wie das auch Travis besingt: „All of the king’s horses and all of the king’s men, couldn’t pull my heart back together again. All of the physicians and mathematicians too, failed to stop my heart from breaking in two.“

Oder man bleibt kindlich-naiv und hofft auf das, von dem der FC Wacker Innsbruck als einziges noch genug hat: auf die Kraft der Liebe der eigenen Fans, der Freunde und langjährigen Wegbegleiter. Denn auch, wenn manche sich mit dem fehlenden Erfolg abgewandt haben, es ist noch genug liebe da für: „Yeah you got the glue – so I’m gonna give my heart to you.“ Wenn das nicht eine österliche Botschaft ist…

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Autor: Stefan Weis

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