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Der Dorfclub (angeblich)

Man nennt sich ja gerne „größtes Dorf Österreichs“. Aber von einem Dorf, einer „Gruppensiedlung im ländlichen Raum“, davon ist so weit und breit gar nichts zu sehen, wenn man durch Wals fährt. Gleich viele Einwohner wie Schwaz oder Hall – ohne die Gäste in der größten Kaserne Österreichs, der Schwarzenbergkaserne. Das drittgrößte Stadion Österreichs. Das größte Gewerbezentrum Westösterreichs, das Airportcenter. Was man halt so erwartet im Dorf neben Kuh und Schaf, Kirche und Wirtshaus. Ah, und einen Fußballclub haben‘s auch.

Klein-Linz (angeblich)

„Hätten die Salzburger von heute Salzburg erbaut, so wäre bestenfalls Linz daraus geworden.“ Das Witzchen wird gerne Karl Kraus in den Mund gelegt. Und trotzdem findet sich das Bonmot erst 1978 das erste Mal, da war der angebliche Urheber der Worte halt schon 42 Jahre nicht mehr unter den Schreibenden. Dabei haben schöne Zitate doch ihre Kraft nicht im Autor, sondern im Inhalt. Der Salzburg-Linz-Vergleich etwa, der lässt doch den Blick gleich auf die Vorstadt streifen, auf Wals. Eigentlich Wals-Siezenheim, so wie der Ursprungsname des Stadions, in dem der angeblich 17fache Meister aus Salzburg spielt. Angeblich, denn die ersten drei Titel wollte man lange nicht in seiner Geschichte verankert wissen. Und angeblich Salzburg, denn damit ist nicht die Stadt, sondern das Land gemeint, hat man doch seinen Sitz in Wals-Sitzenheim. Und diese Gemeinde ist, wie so ziemlich alles hier, ja auch nur ein neues Konstrukt. Wals, das ist eine Gemeinde und ein Stadtteil der Hauptstadt. Siezenheim genauso. Und die ehemals eigenständige Gemeinde Siezenheim umfasste auch Liefering und Taxham, also den Namensgeber des nächsten Fußballclubs, der aber in Wals-Siezenheim kicken muss, und des Trainingszentrums der Bullen, da draußen neben dem Europapark-Einkaufszentrum. Das ist also gemeint, wenn man sagt, die heutigen Salzburger würden Salzburg nicht mehr bauen können. Und mittendrin in diesem Geflecht aus Gewerbe, Sport und Wohnbauten, Durchzugsstraßen und Outlets, findet sich ein kleiner Fußballclub, in den 1950ern gegründet, mit einem alten Wappen, einer leisen Geschichte, ganz ohne Pomp und große Namen.

Erfolg (angeblich)

„Erfolg hat drei Buchstaben: TUN!“ Das dachten sich damals, 1957, auch eine Hand voll Walser, und gründeten einen Sportverein in dem Dorf, das damals mit knapp 3000 Einwohnern nur ein Fünftel der heutigen Größe hatte. Und das hatte auch etwas mit Goethe an sich zu tun. Nicht, weil dieses dem Dichterfürsten untergeschobene Zitat von ihm stammen würde (das wurde ihm erst 2005 in die Feder gedichtet, und nebenbei hätte „thun“ zu Goethes Zeiten vier Buchstaben gehabt). Sondern wegen Faust. Also nicht der Tragödie erster Teil, sondern der zusammengeballten Hand. Der ATSV Wals war nämlich zunächst ein Faustball-Club. Irgendwie wurde nichts daraus, drum traf man sich, fast unverändert, zwei Jahre später wieder, gründete den noch immer bestehenden Verein neu, ließ den Ball aber nun mit dem Fuß kicken. Mit einem kleinen Problem: Man hatte kein Geld, keine Dressen und keinen Fußballclub. Nachdem man die Utensilien zusammengeschnorrt hatte, aber jedes Spiel ein Auswärtsspiel am Danubia-Platz in Lehen war, wurde dann in den 60ern doch selbst gebaut, im Ortsteil Grünau. Bald gab es auch Umkleidekabinen und Brausen, man musste sich nicht mehr im Mühlbach waschen. Ende der 70er kam sogar Flutlicht und ein Trainingsplatz dazu. Und mit wachsender Infrastruktur und wachsender Wohnbevölkerung kam auch langsam der Erfolg: Ende der 70er in die 1. Klasse, Anfang der 80er in die 2. Landesliga, Anfang der 90er gewann man die Salzburger Liga und schnupperte erstmals Regionalliga-Luft. Und für ein Jahr, 1994/95, durften sogar die Damen am Feld kicken, jedoch in der Oberösterreich-Liga als SV Grünau.

Wild (angeblich)

Der ganz große Erfolg blieb bislang aus. Mit Helmut Rottensteiner stammt ein, na, sagen wir Bundesligaspieler aus dem Verein. Ein anderer, eine Legende mit schwarz-grüner Vergangenheit, stand auch einmal an der Seitenlinie: Edi Glieder übernahm den Job, den vor ihm schon Helmut Baic und nach ihm Franz Aigner innehatte. Und 2012/13 wurden gegen die Amateure des FC Wacker Innsbruck vogelwilde Partien gefeiert. Zwei Spiele, 14 Tore. Das erste Aufeinandertreffen gewannen die Tiroler nach 0:2-Rückstand mit 6:4, im zweiten konnte Alexander Joppich in der Nachspielzeit nur noch zusehen, wie ein 2:0-Vorsprung von den Salzburgern noch egalisiert wurde. Ganz schön wild, diese Spiele. So, wie auch Astrid Lindgren ihre Pippi sagen lässt: „Lass dich nicht unterkriegen, sei frech, wild und wunderbar.“ Also angeblich. Denn nicht einmal der Kraus-Experte und begnadete Kuckucks-Zitate-Forscher Gerald Krieghofer konnte einen Beleg dazu finden. Aber klingt halt alles besser, wenn man es nicht selbst gesagt hat, sondern wer anderer…

Buchtipp: Gerald Krieghofer, Die besten falschesten Zitate aller Zeiten. Was Einstein, Freud und Pippi Langstrumpf so niemals gesagt haben, Molden Verlag 2023.

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Autor: Stefan Weis

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