Weckauf im Cup
Es gibt Orte, die muss man nicht groß beschreiben. Kufstein ist so einer. Man fährt hin, blickt kurz nach oben zur Festung – und wird daran erinnert, dass sich hier seit jeher eine gewisse Sturheit in Stein gemeißelt hat.
Im Oktober 1504 stand dort oben Maximilian I. und machte die Erfahrung, dass Dinge, die als „uneinnehmbar“ gelten, meist nur eine Frage der Perspektive sind. Oder der Mittel. Die Festung hielt, bis sie es nicht mehr tat – und als aus dem Innsbrucker Zeughaus „Purlepaus“ und „Weckauf von Österreich“ aufgefahren wurden, verwandelte sich Überzeugung recht rasch in Einsicht. Drei Tage später war man sich einig.
Man könnte daraus lernen, dass es manchmal nicht schadet, das größere Argument zu kennen. Oder zumindest zu wissen, wann man es einsetzen sollte.
Der FC Wacker Innsbruck reist diesmal ohne Artillerie an, dafür aber mit Tabellenführung. 56 Punkte, +42 Tore – Zahlen, die eine gewisse Souveränität suggerieren. Eine Saison, in der vieles aufgegangen ist. Vielleicht ein bisschen zu viel.
Denn zuletzt hat dieser Wacker etwas gemacht, das in Innsbruck traditionell nicht vorgesehen ist: Er hat sich selbst überrascht. Das 1:2 gegen Kitzbühel war weniger ein Betriebsunfall als eine kleine Erinnerung daran, dass Überlegenheit ein Zustand ist, der Pflege braucht. Und dass sie sich gelegentlich verabschiedet, wenn man sie für selbstverständlich hält.
Die spielfreie Woche danach kam nicht ungelegen.
Vorne bleibt das Angebot beeindruckend: Okan Yilmaz, Bright Owusu, Anderson Rodriguez – drei Spieler, die normalerweise ausreichen, um Spiele in jene Richtung zu lenken, die man sich vorgestellt hat. Vorausgesetzt, sie erinnern sich daran, dass sie das können.
Der FC Kufstein hingegen steht dort, wo man nicht unbedingt stehen möchte. Tabellenletzter, 13 Punkte, eine Tordifferenz, die wenig Spielraum für Interpretation lässt. Und doch ist da diese leise Irritation: ein Sieg in Kuchl, eine passable Stunde gegen Wacker im Herbst, vereinzelte Momente, die darauf hindeuten, dass die Realität nicht immer das ganze Bild erzählt.
Vielleicht ist das der eigentliche Reiz dieses Abends. Dass er sich der eindeutigen Dramaturgie entzieht. Dass er sich weigert, nur das zu sein, was die Tabelle vorgibt.
Kufstein war nie ein Ort für Selbstläufer. Das hat Maximilian gelernt, und es gilt bis heute in leicht abgeschwächter Form. Man gewinnt hier nicht, weil man es sollte. Man gewinnt, wenn man bereit ist, den nötigen Aufwand zu betreiben.
Damals brauchte es Kanonen, um die Dinge zu klären.
Heute reicht möglicherweise schon die Fähigkeit, ein Spiel ernst zu nehmen.
Bild: Von Bonanza – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=474290