(K)ein blaues Wunder
Österreich hat ja eine lustige Geschichte von direkter Demokratie. Lass das Wahlvolk abstimmen, aber bitte eher so, dass es keine Auswirkung mehr auf unser Projekt hat, so scheint manchmal die Devise zu lauten. Prominentestes Beispiel dafür: das auch international viel beachtete, fix fertige Atomkraftwerk Zwentendorf. Der Bau wurde in der VP-Alleinregierung 1969 genehmig, der Bau 1972 begonnen. Da war es dann aber schon eine SP-Alleinregierung. Als das Kraftwerk fertig war und quasi die Brennstäbe schon anrollten, wurde in namentlicher Abstimmung ein Gesetz über die friedliche Nutzung der Atomenergie beschlossen, als demokratisches Deckmäntelchen eine Volksabstimmung angesetzt. Und man erlebte sein blaues Wunder – 50,5 Prozent stimmten gegen den Kurs der Regierung. Und man hielt sich dran. Zwentendorf blieb inaktiv.
Ein Verein, so blau
Das ist nicht immer so. Das sieht man am anderen Dorf. Dem Rheindorf – ‘tschuldigung, Reichshof am Rhein. Dem größten Markt Österreichs, dem Dorf, das nie Stadt sein wollte: Lustenau. Der Kirchplatz ist hier Mittelpunkt. Zumindest geographisch, denn so richtig den Charakter eines Stadt- oder besser Dorfzentrums strahlt er nicht aus. Oder wie Bernd Bösch von den Grünen Lustenaus es ausdrückte: „Der Platz hat den Charme eines verlassenen Großstadtparkplatzes.“ Dabei hat sich hier so viel Geschichte abgespielt. Etwa 1907, am 20. September, strömten ein paar Sportler und Funktionäre des Turnvereins von 1880 ins Gasthaus zur Sonne, das kulturelles Highlight Lustenaus war. Der Musikverein Harmonie probte hier, der Gesangsverein Liederhalle ebenso, Theater- und Konzertsaal gab es. Und eben auch ein Bier, bei dem man sitzen, sinnieren und neue Vereine gründen konnte. Wieder war es ein Bösch, der hier Geschichte schrieb, diesmal Eduard, vulgo Leibs Ferdis. Er wurde Präsident des neuen, des ersten Fußballclubs vor dem Arlberg, 21 seiner Mit-Turner traten schon am Gründungstag den Ballesterern bei. Blau wurde zur dominierenden Farbe. Nicht nur, weil man schon zwei Wochen vor jenem Tag im Gasthof Sonne gegen die Blue Stars St. Gallen „getschuttet“ hatte, sondern weil der FC seine ursprünglichen, großdeutschen Farben Schwarz, Rot, Gold im Vereinsemblem 1910 durch blaue Dressen ersetzte.
Eine Gemeinde, so blau
Den FC gibt es noch immer. Den Gasthof zur Sonne nicht mehr. Ein Großbrand hat 1958 das Haus bis auf die Grundmauern zerstört. Die Mohren Brauerei unterhielt dann dort ein Lager, dann ging der Grund an Sutterlüty, die dort den ersten Supermarkt Vorarlbergs errichtete. Ihre Spuren hat sie aber hinterlassen, galt die Sonne ja als „blaue“ Wirtschaft, als Hochburg der verschiedenen Parteien des großdeutsch-liberalen Lagers. Und das hatte jeher Macht in Lustenau. Neben den christlichen Turnern, die später aus dem Turnerbund die Austria gründeten, gab es mit dem FC Hag in der Zwischenkriegszeit noch einen dritten Verein, der dem Leder nachlief. Deutschnational, dann deutsch und national, und groß genug für eine sportliche Gemeinschaft, die ab 1934 mit dem Verbot der NSDAP pausieren musste. Oder politisch. Die Freiheitlichen waren in Vorarlberg nie ein Minderheitenprogramm, 1949 stiegen sie in den Landtag mit über 20 Prozent ein, selbst in den schwierigsten Zeiten wurden sie nie einstellig. Und ab April 1960 stellten sie etwa auch den Bürgermeister in Lustenau. Ein Bösch natürlich, wie könnte es anders sein. Robert Bösch, Angestellter bei Mäser in Dornbirn, löste die VP am Gemeindevorsitz ab. Josef Bösch hieß sein Vorgänger, wie denn sonst, sie alle folgten Hans Bösch, dem ersten Amtsverweser und Bürgermeister 1807. Bösch, also Robert, färbte Lustenau blau, für Jahrzehnte. Erst 2010, nach 50 Jahren, mussten die Freiheitlichen den Sessel räumen. Und das hat Spuren hinterlassen.
Ein Platz, so blau
Die FP Vorarlberg galt lange als vergrößerte Ortsgruppe Lustenau. Und gestaltete als Regierungsmitglied nicht nur Reichshof, sondern das Land. Man hinterließ aber auch farbige Spuren. Als der FC ab den späten 90ern gerade seinen zweiten Höhenflug erlebte (nachdem man in der politisch turbulenten Zwischenkriegszeit zahlreiche Landesmeistertitel, Erfolge im Landescup feierte und an der Bundesamateurmeisterschaft teilnahm und bis ins Finale kam), änderte auch Lustenau sein Aussehen. Und da kommt Zwentendorf ins Spiel. Die Stadtregierung beschloss 1998, den Kirchplatz für 1,8 Millionen Euro umzugestalten. Nicht gerade zur Freude der Bevölkerung, die sich in einer Abstimmung mit klarer Mehrheit gegen den Umbau aussprach. Blöd nur, dass man schon zu bauen begonnen hatte. Und das Projekt einfach durchzog. Den Kirchplatz gibt es nicht mehr, es ist jetzt der „Blaue Platz“, denn der Belag wurde mit Kunststoffgemisch blau eingefärbt, nächtens mit Lichtmasten und im Boden integrierten Lichtpunkten beleuchtet, was die Farbe verstärkte. Nach abgebrannten und abgerissenen Landmarks und neugestalteten Kirchen blieb am blauen Platz kaum noch ein Gebäude historisch. Bis auf eines, wie zum Hohn: Das Cafe Austria des FC-Konkurrenten. Mit dem Umzug der Grün-Weißen ins Reichshofstadion schloss nun auch dieses.
Blaues Wunder
So viel blaue Geschichte kommt aufs Tivoli. Und auch eine lange gemeinsame. Der FC gründete mit „Fußball Innsbruck“ 1909 die erste gemeinsame Meisterschaft. 1919 traf der FC Wacker Innsbruck erstmals auf die blauen Lustenauer – und verlor zweimal, mit 1:5 und 1:3. Am Weg in den Profisport begegnete man sich hin und wieder, und abseits von Amateuren in den 80ern und 90ern erstmals in der „neuen Ära“ im Achtelfinale des ÖFB-Pokals 2002/2003. Völlig sensationell zwang man den Zweitligisten, die Mannschaft um Roger Prinzen, Mario Sara, Christian Schrammel und Bernhard Erkinger ins Elfmeterschießen und ging als Sieger vom Platz, nachdem man in der vorhergehenden Runde schon die Lustenauer Austria eiskalt ausschalten konnte. Nicht viel besser erging es ihnen im vergangenen September, als man zu Hause an der Holzstraße mit 1:5 unter die Räder geriet. Damals traf man allerdings auf einen anderen Wacker, der aktuelle hatte in den vergangenen Runden mehrmals nicht unerhebliche Probleme. Und da kann ein blauer Besuch schnell zum „blauen Wunder“ werden…
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