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Kennen Sie Innsbruck?

Ich nicht. Obwohl ich, ehrlich, wirklich lang genug dort gelebt habe. Aber eine Stadt so richtig kennenzulernen, da reicht oft ein Leben nicht aus, drum gibt es immer wieder was zu entdecken. Lohbach zum Beispiel, und deren Fußballplatz. 

Experimente

Kurse in der Technik. Partys im Europaheim, Besuche im Südtirolerheim. Und dann durch die ganze Stadt zurück, zur Not auch zu Fuß. Dass da, wenige Meter dahinter, ein Fußballplatz existiert – völlig ohne Interesse damals. Tja, man erfährt immer erst später, was man verpasst. Einen Stadtteil zum Beispiel, der eine unheimlich spannende Geschichte mit sich bringt. Als so um 1930 die Welt in eine Wirtschaftskrise stürzte, fanden sich überall radikale Ideen, die vorgaben, eine, nein, die einzige Lösung bieten zu können. Südlich des Inns war es ein nationalistischer Zeitungsredakteur aus der Emilia-Romagna, der schon vor der Krise die Macht im neuen Staat Italien an sich gerissen hatte, nördlich der verkappte Kunstmaler aus dem Innviertel, der sich als böhmischer Gefreiter lieber für Deutschland in die Schlacht geworfen hatte. In Österreich wischte der Ständestaat die Demokratie aus dem Tagesgeschäft und hinterließ mit Anhaltelagern wie Finstermünz, Führerkult und mehr einen Vorgeschmack darauf, was dann wie ein Orkan über Europa einbrach. Fast wie ein Experiment, wieviel die Gesellschaft zu tragen bereit ist. Die Notzeiten brachten aber auch andere Experimente für Tirol, etwa auf der Ulfiswiese, einem Fleck in Innsbrucker Eigentum in der noch selbständigen Gemeinde Hötting. Die Stadt errichtete nach Richtlinie des Sozialministeriums Bauten – vielmehr leitete an, denn die zukünftigen Bewohner bauten selbst. Sie, die mindestens ein Kind hatten, weniger als 270 Schillinge verdienten und trotzdem etwas Eigenmittel vorweisen konnten, sie zogen hier eine Siedlung hoch. Mit Garten, mit Stall für Kleinvieh zur Selbstversorgung. Neben der Siedlergemeinschaft Tyrol am Lohbach und der Hörtnaglsiedlung. 1936 eröffnet, war die Odo Neustädter-Stürmer-Siedlung, benannt nach dem Sozialminister aus Dollfuß‘ und Schuschniggs Kabinett, eine der vielen kleinen Lösungen, um Ideologie und Krisenbewältigung zu verbinden.

Mehr Experimente

Dort draußen, im Westen von Innsbruck, wo am „Campus Technik“ Physiker noch heute rumexperimentieren und Architekturstudenten Eier von Dächern fallen lassen, findet sich zwischen Franz Baumann-Weg und Viktor-Franz-Hess-Straße auch der Platz der SPG Innsbruck West. Baumann, der Innsbrucker, wurde Architekt, und hinterließ in seiner Heimatstadt spannende Spuren. Universitätsbrücke, Stationsgebäude der Hungerburgbahn, Adambräu Restaurant, den alten Boznerplatz. Er hinterließ nicht nur dort seine Spuren, sondern auch am Münchner Königsplatz. Dort, wo im Braunen Haus die NSDAP ihre Karteikarten verwahrte. Baumann suchte die Nähe, die andere mieden. Viktor Franz Hess zum Beispiel. Er, der Steirer, war 1931 als Professor für Physik nach Innsbruck gekommen, um dort das neu entstandene Institut für Strahlenforschung zu leiten. Und, um sich dort auch nach radioaktiven Verbrennungen medizinischen Behandlungen zu unterziehen. Unweit des von Baumann errichteten Stationsgebäudes oben am Hafelekar wurde auf seine Initiative eine Messstation zur Beobachtung Kosmischer Strahlung errichtet. Ohne Baumann, ohne die Bahn, hätte man die eineinhalb Tonnen Blei nicht auf den Berg bringen können, die die dortige Ionisationskammer abisolierten und die weltbewegenden Experimente ermöglichten. Hess erhielt 1936 für seine Arbeit den Nobelpreis für Physik – um sich kurz danach, als Kosmopolit und Katholik, der Verhaftung durch das Deutsche Reich ausgesetzt zu sehen. Er und seine jüdische Frau konnten das nicht mehr existente Österreich verlassen und in die USA emigrieren, sie überlebten. Nicht alle hatten dieses Glück.

Ein fußballerisches Experiment

Mitten drin in so viel Geschichte liegt der Platz, auf dem Wacker Innsbruck sein nächstes Cupspiel bestreiten darf. Gegen die SPG Innsbruck West, den Nachfolger des SV Lohbach/Kranebitten und des großen Innsbrucker Sportklubs. Jenes ISK, der als SV Hötting schon 1923 gegründet wurde und die selbständige Gemeinde vertrat. Der am Flunger Sportplatz beim Höttinger Hallenbad und am Tivoli kickte, dann schon als ISK. Der sich mit SVI und ESV in einer Sportgemeinschaft verband, um Wacker in der zweiten Division vor mehr als nur ausverkauftem Stadion ein Remis abzuringen (1980). Jetzt gibt es den ISK nicht mehr, das fußballerische Experiment heißt seit 2012 Innsbruck West. Als solches steht man in der Landesliga West auf dem 9. Platz, hat im Cup bereits Wilten, Hall, Kirchbichl und zuletzt sogar die Reichenau eliminiert. Und wartet nur darauf, weiter Geschichte zu schreiben.

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Autor: Stefan Weis

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