Schwaz im Ausnahmezustand
Es klingt wie ein Sommermärchen mitten im Frühling. Mein FC Wacker Innsbruck vollendet in meiner Heimat den direkten Aufstieg in die 2. Liga. Das ist von ähnlicher Sentimentalität, wie die Liebesromane gewisser Autorinnen. Jedoch keinesfalls Kitsch! Der Lohn für Vereinstreue, ungeachtet aller vorangegangenen Ereignisse und etwaiger schwieriger Phasen. Und dies ligaunabhängig. Dies trifft nicht nur auf mich alleine, sondern auf eine beachtliche Anzahl unserer treuen Anhängerschaft zu.
Die beschauliche Silbermetropole
Während der Narrenzeit stellt die Silberstadt Schwaz eines der Zentren des Faschings in Tirol dar. Jedoch befindet sich der „Naz“ noch in friedlicher Ruhe. Das kommende Dorffest wird am 11. Juli stattfinden. Obwohl Schwaz keine dörfliche Struktur aufweist, existiert dort ein Stadtteil mit dieser Bezeichnung. Der traditionsreiche „Knappenmarkt“ in der Lahnbach-Allee ist bedauerlicherweise nicht mehr existent. Indessen zieht das alljährlich im August stattfindende Stadtfest regelmäßig mehr als 13.000 Besucher an. Auf welche Weise bewegt man die Bewohner des Knappenstädtchens andernfalls dazu, ihr feines Platzl am Diwan zu verlassen? Allenfalls, wenn Berta sich vom Glockenturm stürzt.
Berta, was? Die Gänsesägermama, welche alljährlich hoch oben am Glockenturm brütet. Das Schauspiel des 60-Meter-Sprungs von Berta und ihren Küken sowie deren anschließender lange Weg zum Inn wird von Tausenden per Livestream verfolgt. Im Übrigen gleichen die Sonntage in Schwaz den Verhältnissen während eines Lockdowns. Es scheint unwahrscheinlicher, sonntags Personen in der Knappenstadt anzutreffen, als einen Eisbären in der Sahara vorzufinden…

Jedoch am Sonntag, dem 17. Mai 2026, war alles anders. Ausnahmezustand! Eine schwarz-grüne Menschenmenge auf dem Weg zur Silberstadtarena. Es gab Stau auf der Bundesstraße in beiden Richtungen. Außerdem gab es ungefähr eine Stunde vor Beginn des Spiels einen Fanmarsch vom Bahnhof zum Sportzentrum der Silberstadt Schwaz. Gewöhnlich versammeln sich am Fuße des Kellerjochs lediglich zwei- bis dreihundert Zuschauer, um dem SC Schwaz ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Angesichts dieser ansprechenden und einladenden Sportanlage ist dies jedoch viel zu wenig. Aber gestern: „Ausnahmezustand“ bei 2.500 Zuschauern.
Kein Erbarmen
Aufgrund behördlicher Kapazitätsbegrenzungen dürfte es sich wohl kaum um einen Besucherrekord gehandelt haben. Es fanden einst im Stadion des SCS unter anderem ÖFB-Cup-Begegnung gegen den SK Rapid sowie Spiele gegen Austria Salzburg statt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Begegnung am Sonntag in Schwaz noch lange in Erinnerung bleiben wird. Der aus Schwazer Stammtischen hervorgegangene Fanclub „Wacker Inventar“ inszenierte zu Beginn des Tiroler Derbys eine für Schwaz angemessene Choreografie im Gästeblock.

Ein überaus zuvorkommender Gastgeber, dem ein aufrichtiger Dank gebührt, trug gemeinsam mit den schwarz-grünen Gästen aus allen Regionen Tirols und sämtlichen Bundesländern zu einer euphorischen Atmosphäre bei. Schon nach 20 Minuten lag die Mannschaft von Wacker mit 2:0 in Führung. Offenbar zeigten meine Innsbrucker keinerlei Nachsicht gegenüber meiner Heimat. Nach dem dritten Tor der Gastmannschaft in der 54. Spielminute schien die Partie bereits entschieden. Die Heimmannschaft zeigte jedoch eine engagierte Leistung und in ihrer stärksten Phase erzielten sie den Anschlusstreffer zum 1:3. Allerdings hielt dieses Aufbäumen nicht lange an.
Die letzten 20 Minuten in der Silberstadtarena glichen einem Schaulaufen der Schwarz-Grünen. Nicht nur die Fans dürften angesichts des absehbaren Aufstiegs diese Partie in vollen Zügen genossen haben, sondern auch die Akteure auf dem Spielfeld. Oder lag das gar am Schwazer Untergrund? So einen feinen Rasen würde ich mir im Tivoli wünschen. Die Innsbrucker erzielten noch zwei Treffer.
Feiern ohne Ende
Nach dem Abpfiff kannte der Jubel der Innsbrucker Anhängerschaft keine Grenzen mehr. Und dies in meiner Heimat. Meine „Casa“ befindet sich ungefähr 500 Meter Luftlinie vom Sportzentrum entfernt. Die Tatsache, dass es sich dennoch um eine Auswärtsfahrt handelte, ist meinem Enkel geschuldet, den ich gemeinsam mit seinem Cousin in Vomp abzuholen hatte. Eine Überfahrt über den Inn mit anschließender Rückkehr zur Silberstadtarena über die gegenüberliegende Brücke. Es ist zu befürchten, dass sich die Auswärtsspiele in der kommenden Saison „geringfügig“ umfangreicher gestalten werden.
2. Liga, wir kommen. Die Geschehnisse in der Arena von Schwaz sind unbeschreiblich. Man lag sich in den Armen, herzte sich gegenseitig und der ein oder die andere hatten Tränen in den Augen. In diesem Augenblick durchfährt einen eine Vielzahl von Gedanken. Nicht ausschließlich Jubel und Enthusiasmus. Wieviel Hohn und Verachtung sahen wir uns nach dem Zwangsabstieg ausgesetzt? Wer hat nicht alles auf einen Darniederliegenden eingetreten und wollte dem FCW den Rest geben? Alles vergessen? Mitnichten!
Im Mai vor vier Jahren, als der Fortbestand unseres Vereins infrage stand, begaben sich etwa 2000 Anhänger in Schwarz-Grün nach dem Spiel gegen den FAC vom Tivoli zum Goldenen Dachl in die Altstadt. Gerüstet, mit Schildern und Bannern. „Lasst unseren FC Wacker Innsbruck nicht sterben.“ Ich erinnere mich noch gut! Die Ansage unserer „Stimme der Kurve“: „Der FC Wacker Innsbruck hat nichts mehr. Weder einen Ball noch adäquate Fußballschuhe gehören dem Verein. Aber der FC Wacker Innsbruck hat UNS. Und wenn wir zusammenhalten, werden wir es schaffen!“
Zu viel versprochen? Während Vereine, denen das selbe passierte wie dem FCW, anschließend in die 3. Liga eingegliedert wurden, gab uns der hiesige Fußballverband auch noch eine mit. 4. Liga hieß es da zunächst und wegen einer weiteren schwindligen Ligareform fand man sich schlussendlich gar in der 5. Liga wieder. Mit der glücklichen Fügung des Einstiegs des strategischen Partners LAFC und durch die Unterstützung seiner Anhänger, wurde der Tiroler Traditionsverein aus den unteren Ligen wieder empor getragen. Drei Aufstiege in Folge, ein Fußballfest jagte das andere, und jetzt die Rückkehr in den Profibereich! Die Reise ist noch nicht abgeschlossen. Aber eines wissen wir und eines haben wir erlebt: Einigkeit verleiht Stärke!
Der FC Wacker Innsbruck sowie dessen Anhängerschaft verdienen meine Dankbarkeit.
Fotos und Video: Rudolf Tilg