Hagen bleibt diesmal zu Hause
Hohenems ist einer jener Orte, die im Fußballkalender zunächst nicht zwingend nach Weltliteratur riechen. Man denkt an Vorarlberg, an Platz sieben, an solide Regionalliga-Verwaltung, vielleicht noch an eine Busfahrt, bei der irgendwo hinter dem Arlberg der Empfang schlechter wird.
FCW wie die Nibelungen
Und dann erinnert einen die Geschichte daran, dass ausgerechnet in Hohenems Handschriften des Nibelungenlieds gefunden wurden. Jenes Epos also, in dem Helden glänzen, Könige intrigieren, Frauen zürnen, Männer beleidigt sind und am Ende so ziemlich alles brennt, was nicht rechtzeitig aus dem Saal getragen wurde.
Kurz gesagt: ein Klassiker der deutschen Literatur. Oder, für ältere Wacker-Semester: vertrautes Vereinsgefühl in gebundener Sprache.
Denn der FC Wacker Innsbruck war lange Zeit nicht einfach ein Fußballklub, sondern ein Sagenstoff mit Geschäftsbericht. Ein Verein, bei dem man nie wusste, ob hinter der nächsten Ecke Siegfried mit dem Schwert, Hagen mit dem Speer oder irgendein Funktionär mit einem unausgegorenen Zukunftskonzept wartet. Der Nibelungenhort wurde hier nicht im Rhein versenkt, sondern gelegentlich in Budgets, Visionen und Luftschlössern gesucht. Und wie bei allen großen Sagen war auch bei Wacker oft schwer zu sagen, ob man gerade Zeuge von Heldentum, Hybris oder nur besonders aufwendig verwalteter Selbstbeschädigung wurde.
Ungwohnte Stabilität
Dann aber geschah das, was in Innsbruck fast schon als literarischer Stilbruch gelten muss: Stabilität.
Seit dem Einstieg des Partners aus Los Angeles sind finanzielle Fragen nicht mehr täglich wie Hagen von Tronje mit gesenkter Lanze durch die Geschäftsstelle geritten. Keine permanente Existenzangst, kein wöchentliches Horchen auf das Wort Liquidität, kein Gefühl, dass der Verein nur noch eine schlechte Nachricht vom nächsten brennenden Königssaal entfernt ist. Man musste sich plötzlich mit Dingen beschäftigen, die im Fußball angeblich vorkommen sollen: Training, Spiele, Siege, Tabellen.
Das Ergebnis dieser Zumutung ist bekannt: Wacker ist fix aufgestiegen, Meister der Regionalliga West und Tiroler Cupsieger. Der Hort vom Tivoli besteht heuer also nicht aus Goldringen, Tarnkappen und alten Flüchen, sondern aus Titeln, Pokalen und einer Tabelle, die man sich ohne therapeutische Begleitung anschauen kann. Für einen Wacker-Fan ist das eine beinahe verdächtige Häufung positiver Ereignisse. Man möchte instinktiv prüfen, ob irgendwo doch noch ein Lindenblatt auf der Schulter klebt, durch das das Schicksal wieder zielsicher hineinstechen kann.
Ein Meister muss auch meisterlich sein
Und nun kommt also Hohenems, aktuell Siebter, aus der Stadt der Nibelungenhandschriften ans Tivoli. Sportlich ist das keine letzte Schlacht an Etzels Hof, keine Entscheidung um Krone, Reich und Rache. Der große Plot ist geschrieben, der Meister steht fest, der Aufstieg ist erledigt, der Cup gewonnen. Aber gerade deshalb lauert die kleine Niedertracht des Fußballs: Wenn die Sage eigentlich schon erzählt ist, darf man den letzten Gesang nicht herunternuscheln.
Denn natürlich könnte Wacker jetzt auftreten wie ein Held, der bereits im Bad der Unverwundbarkeit war und beim Rest nur mehr höflich anwesend ist. Man könnte sich im Glanz des eigenen Erfolgs sonnen, innerlich schon beim Meisterfoto stehen und Hohenems als Fußnote behandeln. Nur weiß man aus dem Nibelungenlied: Wer zu lange auf seine eigene Unverwundbarkeit vertraut, endet irgendwann mit einem sehr präzisen Problem zwischen den Schulterblättern.
Also heißt es wieder: Voller Einsatz. Nicht, weil Hohenems plötzlich Brunhild mit Anlauf wäre. Nicht, weil Platz sieben nach Weltuntergang klingt. Sondern weil ein Meister auch dann Meister bleiben muss, wenn es nicht mehr um die Krone geht. Die wahre Prüfung nach dem Triumph ist nicht der Jubel, sondern der Umgang mit dem Nachher. Ob man weiter sauber spielt, wenn die große Erzählung bereits gewonnen ist. Ob man den Epilog mit derselben Haltung schreibt wie die Hauptkapitel.
Vielleicht liegt genau darin die schönste Pointe dieser Saison. Wacker musste diesmal gar kein tragischer Held sein. Kein Siegfried, der glänzt und fällt. Kein Hagen, der alles mit in den Abgrund zieht. Keine Kriemhild, die aus alter Kränkung gleich die halbe Welt anzündet. Sondern ein Verein, der nach Jahren der Überhöhung plötzlich etwas fast Unanständiges tut: Er arbeitet seriös, bleibt finanziell stabil, gewinnt Spiele und sammelt Titel ein, ohne dabei den eigenen Untergang als Nebenprodukt mitzuliefern.
Ein letzter sauberer Vers
Das ist für Innsbruck natürlich schwer einzuordnen. Wo früher der Vereinsalltag oft nach Sagenkreis klang, herrscht nun beinahe prosaische Ordnung. Man kann sich nicht mehr zuverlässig am Chaos wärmen. Man muss Erfolg als Erfolg akzeptieren. Das ist zynisch betrachtet fast unfair gegenüber einer Anhängerschaft, die über Jahre darauf trainiert wurde, hinter jedem Pokal einen Konkursrichter und hinter jeder Siegesmeldung einen Nachsatz mit „allerdings“ zu vermuten.
Hohenems bringt also die Nibelungen mit, Wacker das Meisterlied. Die einen erinnern an eine Welt, in der Glanz und Untergang untrennbar zusammengehören. Die anderen beweisen heuer, dass es vielleicht auch anders geht: Glanz ohne Brand, Titel ohne Tragödie, ein Hort ohne Fluch.
Das Nibelungenlied endet im Verderben.
Der FC Wacker Innsbruck darf es gern langweiliger halten.
Aufstieg. Meistertitel. Tiroler Cupsieg.
Und gegen Hohenems bitte noch ein letzter sauberer Vers.
Bild: KI generiert/ChatGPT